Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 9 (28.2.1913)
- Date
- 1913-02-28
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 9 279 die^elt länder gewissermaßen Ziel und Richtung gibt und sie auf eine bestimmte Formel bringt. . . . Man braucht nicht erst eingefleischter Zionist zu sein, um gegen eine solcherart vollzogene Teilung zwischen Juden und Juden zu protestieren. Man braucht nur . . . Jüdisch zu fühlen und zu denken, um das Unjüdische und Illiberale in dieser völlig unbegründeten Zweiteilung zu erkennen. In Hamburg blieb es jedoch den Zionisten Vorbehalten, die Geister gegen die also begründete Wahlentrechtung der Ausländer aufzuwecken. In gut besuchten Protestversammlungen wurde die Frage nach allen Richtungen hin lebhaft erörtert und mit Recht auf die Gefahren, die von diesem Vorgehen der Gemeinden für das Aufenthaltsrecht der Ausländer überhaupt drohen, hingewiesen. Ohne uns die auf diesen Versammlungen gefallenen starken Worte zu eigen zu machen, müssen wir anerkennen, daß der Wahlrechtsraub an den Ausländern tatsächlich leicht die Wirkung einer Denunziation der Ausländer bei der Regierung haben kann, und den antisemitischen Scharfmachern, die im Ausländer zunächst den Juden zu treffen glauben, Wasser auf die Mühle liefern muß. Auch trifft es vollkommen zu, daß der letzte Grund dieser lieblosen Behandlung darin zu suchen ist, daß die zum weitaus großen Teile konservativ gesinnten Ausländer den liberalen Gemeinden unbequem und ihren Reformbestrebungen im Wege sind. Gerade dieser letztere Grund sollte aber auch alle orthodoxen Kreise zum Kampfe gegen die Zurücksetzung der Ausländer in den Gemeinden aufrufen. In dieser Hinsicht dürfte wohl das in der Hamburger Versammlung verlesene Schreiben des Herrn Oberrabbiner Dr. L e r n e r - Altona, der sich mit scharfen Worten gegen jede Art der Zurücksetzung der nichtdeutschen Gemeindemitglieder wendet, so ziemlich die Ansicht der weitesten gesetzestreuen Kreise widerspiegeln.“ In der Berliner „Jüdischen Presse“ schreibt Dr. Joseph Carlebach über das gleiche Thema: „Daß eine jüdische Zeitung es wagen darf, solche Behandlung jüdischer Brüder vorzuschlagen, theoretisch zu begründen und zu rechtfertigen, das ist nur möglich, wenn es auch eine gewisse Partei hinter sich weiß, die solchen Vorschlag sympathisch aufnehmen wird. Leider ist es ein offenes Geheimnis, daß in vielen jüdischen Großgemeinden tatsächlich der Ausländer nicht vollwertiges Gemeindemitglied werden kann, daß dort sich die Herren Staatsbürger als „höherstehend“, als Elite der Judenschaft betrachten, denen es hoch anzurechnen ist, wenn sie den Fremden gnädiglich gestatten, mit ihnen in einem Gotteshause zu beten, von den hinteren Bänken der Synagoge voll Andacht aufwärts zu Gott, voll Ehrfurcht vorwärts zu ihren edleren und besseren Glaubensbrüdern blicken zu dürfen. Dennoch ist es ein Novum, mit unverblümtem Freimut diesen Standpunkt in der breitesten Oeffentlichkeit zu vertreten, es ungeschminkt herauszusagen, daß die einzige Tatsache, ein Jude zu sein, nicht hinreiche, um mitzuarbeiten und mitzuraten in den Angelegenheiten der Kehilla; daß dazu mindestens eine Vorbereitungszeit und ein Minimalvermögen erforderlich seien, wenn nicht etwa der Geldbeutel und Protektion einem Polizeichef die „Naturalisation“ abgewonnen haben. Es wird ein trauriger Ruhm jenes Blattes sein, für diesen Schutz der Gemeinden gegen unliebsame Elemente sich eingesetzt zu haben.“ Im weiteren Verlauf seiner Ausführungen erzählt Dr. Carlebach folgendes nette Histörchen: „In einer großen Stadt Mitteldeutschlands, in der Tausende unsrer ausländischen Brüder seit Dezennien erwerbstätig und seßhaft geworden sind, beschließt der Magistrat: für alle nicht reichsangehörigen, das heißt für 90 Prozent aller jüdischen Schulkinder, ist das Schulgeld zu verdoppeln. Zur Abwehr dieser Maßregel, die fast allen den Besuch guter Bildungsanstalten verschließt, wird eine jüdische Realschule geplant, und von der Regierung in offenbarer Mißbilligung obigen Beschlusses, widerspruchslos konzessioniert. Darob im Verein „liberaler Juden“ höchste Erbitterung. Sie wollen keine konfessionelle Schule, sie wollen die jüdischen Schüler unter dem segenbaren Einfluß nichtjüdischer Kameraden aufwachsen sehen. Man ruft eine Versammlung ein, welche gegen die Gründung Stellung nehmen, ev. die Regierung zur Zurücknahme ihrer Bewilligung veranlassen soll. Der Zufall will es, daß ich an dieser Versammlung teilnehmen kann. Ich erbitte als Gast das Wort. Ich sage: es gibt wohl Meinungsverschiedenheiten unter Juden, ob man die Speisegesetze halten müsse oder nicht. Aber das Gebot „Du sollst den Fremdling lieben“, das wird wohl von Orthodoxen und Liberalen gleich anerkannt. Kann es da fraglich sein, daß man die jüdischen Brüder, die, wie alle andern, seit Jahrzehnten in der Stadt wohnen und Steuern entrichten, gegen Willkür schützen muß? Und die Antwort des Vorsitzenden, eines Rechtsgelehrten: „Daß wir den Fremdling lieben, bewiesen wir, indem wir Sie anhörten. Aber der Beschluß der städtischen Behörden findet unsere volle Billigung.“ — Lauter Beifall. Da mußte ich die Waffen strecken.“ „Das Jüdische Volk“ in New York befaßt sich in seiner jüngsten Nummer mit dem Streik der dortigen jüdischen Schneider und Schneiderinnen, und weist aus diesem Anlaß auf eine ernste Seite der jüdischen Arbeiterbewegung in Amerika hin: das scheinbare Eintreten der christlichen Kirche für die Interessen der jüdischen Arbeiter. Den streikenden jüdischen Schneidern, insbesondere aber den Schneiderinnen, erscheinen als Trostspender — christliche Geistliche, die nicht müde werden, sie aufdringlich ihrer Sympathien zu versichern und ihnen in Massenmeetings den Segen der christlichen Nächstenliebe und Armenfürsorge zu verkünden. Nachdem der Boden auf diese Weise vorbereitet ist, begeben sich weibliche Sendboten der Mission in die Wohnungen der jüdischen Schneiderinnen, um den Seelenfang weiter zu betreiben. Auf Grund dieser Vorgänge fordert das Blatt die jüdische Gesellschaft auf, der jüdischen Arbeiterbewegung und den Lebensverhältnissen der jüdischen Volksmassen erhöhte Aufmerksamkeit zuzuwenden. Weite Kreise der jüdischen Arbeiterschaft, welche die für alle Zeiten vorbildlichen sozialen Prinzipien des Judentums nicht kennen, stehen unter dem Einfluß von Hyperradikalen, die ihnen jede Religion als „Reaktion“ darstellen und sie dadurch dem Judentum zu entfremden suchen. Nun kommt auch noch die Wühlarbeit der christlichen Missionsapostel hinzu. Angesichts dessen sei es Pflicht der national und traditionell gesinnten Juden, den jüdischen Arbeitern die hohe soziale Ethik des Judentums geistig näher zu bringen, und zwar auch durch Taten sozialer Fürsorge. Der Petersburger Korrespondent des „Fraind“ entwirft ein wenig günstiges Bild von der gegenwärtigen Tätigkeit der vierten Duma. Danach habe sich die anfängliche Genugtuung der oppositionellen Kreise über die Zusammensetzung der Duma als unbegründet erwiesen. In Wirklichkeit zeige es sich immer deutlicher, daß die Regierung mit der neuen Duma durchaus zufrieden sein könne. Bei ihren Versuchen, gegen die Willkürakte und ungesetzlichen Handlungen der Verwaltungsbehörden anzukämpfen, bleibe die Opposition stets in der Minderheit. So war es auch bei der von den Kadetten eingebrachten Interpellation , bezüglich der Wahlfälschungen. Trotz des in der Interpellationsbegründung angeführten geradezu erdrückenden Belastungsmaterials stimmten die Oktobristen im Verein mit den rechten Parteien gegen die Dringlichkeit der Anfrage. Bekanntlich sind von den behördlichen Wahlfälschungen insbesondere auch die jüdischen Dumakandidaten in Odessa und anderen Orten betroffen worden. Wenn nun das freiheitliche Bürgertum im allgemeinen von der vierten Duma wenig zu erwarten hat — was hätten dann die Juden von ihr zu erhoffen?