Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 9 (28.2.1913)
- Date
- 1913-02-28
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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278 Nr. 9 Diese Ausführungen werden dem erwähnten Artikel unseres Blattes nicht völlig gerecht. Wir haben in unserem Artikel nicht gesagt, daß nur die westeuropäische Jugend die Zukunft des Zionismus sei. Wir sagten, daß sich die jungen Kräfte in Rußland nicht übersehen lassen (was an den besonderen Verhältnissen in Rußland liegt), während in Westeuropa eine organisierte Studentenschaft vorhanden ist. Die oben zitierten Sätze aus unserem Artikel beziehen sich daher ihrem Sinne nach nicht nur auf die zionistische Jugend Deutschlands, sondern auf die zionistische Jugend überhaupt. Wir sind nicht der Meinung, daß der zionistische Nachwuchs im Westen besser sei als der im Osten, sondern wir glauben — und dadurch unterscheiden wir uns vielleicht von unserem Kritiker im „Hasman“ — daß die Entwicklung der jungen Zionisten im Westen wie im Osten unter sehr ähnlichen Bedingungen verläuft. Es ist zwar richtig, daß das östliche Judentum der jungen Generation jüdische Kulturinhalte zu geben hat, die im Westen erstorben sind, aber es ist eine Selbsttäuschung, wenn das östliche Judentum seiner Söhne deshalb sicher sein zu können glaubt. Die Tendenz zur Assimilation ist in den gebildeten Schichten des Ostjudentums sehr mächtig. Es ist ein zionistischer Grundsatz, auf den wir nachdrücklich aufmerksam machen müssen, daß die Assimilation nicht durch jüdisch-kulturelle Bestrebungen im Golus überwunden werden kann: Eben deshalb sind wir ja Zionisten. Wir geben gern zu, daß die östlichen Zionisten dem überlieferten Judentum näher stehen, aber eben deshalb ist es ein ganz falscher Maßstab, die westlichen Zionisten nach ihrer Kenntnis der jüdischen Tradition oder der hebräischen Sprache zu beurteilen. Die Zionisten in Ost und West sind nicht deshalb Zionisten, weil sie die hebräische Sprache kennen, sondern sie suchen diese Sprachkenntnis wie überhaupt die Kenntnis aller jüdischen Kulturgüter zu fördern, weil sie Zionisten sind und deshalb alles Jüdische erhalten wollen. Im Osten ist durch die Existenz der noch in jüdischer Tradition erzogenen Massen der Boden hierfür vorhanden, im Westen ist diese Arbeit weit schwieriger. Es ist daher ungerecht, den westlichen Juden als Schuld zuzuschieben, was einfach in den Verhältnissen der Zeit und des Landes begründet liegt. Darüber hinaus ist aber auch zu bemerken, daß diese hebräische Erziehungsarbeit durchaus nicht so erfolglos geblieben ist, wie der „Hasman“ meint. Um dies zu beurteilen, muß man die jüngere Generation im Westen allerdings kennen. Obwohl die Histadruth Ibrith nicht das gehalten hat, was sie versprach, ist das Studium der hebräischen Sprache speziell in Deutschland unter der jüngeren Generation in den letzten Jahren sehr gefördert worden. In den zionistischen Studentenverbindungen Deutschlands z. B. finden jetzt regelmäßige Lehr- und Uebungsstunden im Hebräischen statt. Endlich aber ist folgendes zu bemerken: Alle derartigen Diskussionen über Ost- und Westjudentum haben nur Zweck, wenn sie unter gewissen historischen Gesichtspunkten geführt werden. Der westliche Zionismus ist unter anderen äußeren Bedingungen entstanden, hat nicht den Rückhalt an der jüdischen Masse und an der im Osten noch lebendigen jüdischen Eigenart, ist aber darum doch nicht — wie das Vorurteil so vieler osteuropäischer Juden meint — eine leere Aeußerlichkeit oder ein rein formales Prinzip. Der westliche Zionismus hat einen sehr starken seelischen Inhalt, obwohl der Zusammenhang mit der jüdischen Vergangenheit vielfach unterbrochen ist. Es ist im Grunde derselbe seelische Inhalt, der auch die eigentliche Stärke des osteuropäischen Zionismus bildet, nämlich der aus der gesamten seelischen Verfassung des Golusjuden entspringende Wille zur nationalen Wiedergeburt. Die Tatsache, daß in den letzten Jahren eine Anzahl zionistischer Akademiker aus Westeuropa nach Palästina übergesiedelt ist, beweist dies zur Genüge und kennzeichnet zugleich den Gesichtspunkt, nach dem allein die zionistische Gesinnung bewertet werden kann: Den Ernst und die Stärke des nationalen Wollens und Handelns nämlich, gleichgültig, aus welchen Lebensbedingungen und seelischen Nuancen dieser Nationalismus erwuchs. Die Gestalt Theodor Herzls ist dafür Beispiel genug. Unser bekannter Gesinnungsgenosse Adolf Böhm in Wien richtet in Nr. 7 der „Jüdischen Zeitung“ einen Offenen Brief an die Organisation für hebräische Sprache und Kultur, worin er darauf hinweist, daß diese seit drei Jahren bestehende Organisation für die Verbreitung der Kenntnis unserer nationalen Sprache in Westeuropa bisher so gut wie gar nichts geleistet habe. „Ich wüßte tatsächlich nicht,“ — sagt Herr Böhm — „welch andere Aufgabe Ihnen dringender erscheinen könnte, als die, den Westjuden die Möglichkeit zu bieten, die hebräische Sprache soweit erlernen zu können, daß sie die moderne hebräische Literatur — einschließlich der in Zeitschriften verstreuten theoretischen — verfolgen können. Soll die zionistische Idee der nationalen Einheit schon jetzt zur Wirklichkeit werden, so kann dies einzig und allein nur auf geistigem Gebiete geschehen. Der Zustand, daß alle geistigen Schöpfungen unseres Volkes, sowie die in Druck niedergelegten Lebensäußerungen der jüdischen Siedler Palästinas, der Träger der Volkszukunft, quasi mit Ausschluß der westjüdischen Öffentlichkeit erscheinen, weil es in Westeuropa keine Möglichkeit gibt, die neuhebräische Sprache zu erlernen, ist ein für Zionisten unerträglicher. Wir Westzionisten wollen und müssen, was in hebräischer Sprache erscheint, verfolgen können, sollen wir nicht außerhalb des geistigen Lebens des jüdischen Volkes bleiben und trotz unseres zionistischen Bekenntnisses und Willens doch nur auf den geistigen Verkehr mit nichtjüdischen Völkern angewiesen sein. Ich will Ihnen nur diese eine Seite der geistigen Not der Westzionisten vor Augen führen. Daß ohne Kenntnis der hebräischen Sprache ein .Versenken in die Schätze der jüdischen Vergangenheit unmöglich ist, brauche ich wohl nicht näher zu erörtern. Zur Erlernung speziell der neueren hebräischen Sprache fehlen aber heute noch alle und jede Lehrbehelfe. Dort, wo nicht die Möglichkeit vorliegt, bei einem der trefflichen Lehrer, wie sie in Rußland, Galizien und Palästina ausgebildet werden, zu lernen, dort, wo man, wie dies der häufigste Fall ist, auf Grund einiger Vorkenntnisse sich allein weiterbilden will, scheitert jeder solche Vorsatz an dem Mangel von geeigneten Lehrbehelfen. Es fehlt eine gute Schulgrammatik, es fehlt ein deutsch-hebräisches Uebungsbuch, es fehlt eine Chrestomatie mit Stücken von stufenweise zunehmender Schwierigkeit, es fehlen größere Wörterbücher, von Unterrichtsbriefen gar nicht zu reden. Es fehlt mit einem Worte jeder nach pädagogischen und philologischen Gesichtspunkten verfertigte Lehrbehelf. Im Namen vieler, die gleich mir diesen Mangel schmerzlich empfinden, richte ich an Sie das Ersuchen und die Aufforderung, Ihre Kräfte und Ihre Mittel vor allem zur Schaffung solcher Lehrbehelfe einzusetzen. Ich glaube, daß es für Sie keine wichtigere und dringendere, aber auch keine dankbarere Aufgabe geben kann.“ Zu dem berüchtigten Artikel des „Hamburger Israelitischen Familienblattes“, der für die Aufnahme ausländischer Juden in die deutschen Gemeinden eine Karenzzeit und ein Kapitaldepositum vorschlägt, überdies für Inländer das Plural Wahlrecht eingeführt sehen möchte, äußert sich der Frankfurter „Israelit“ in seiner jüngsten Nummer: „Den Gemeinden, die es mit ihrem jüdischen Charakter vereinbaren zu können glauben, die ausländischen Juden außerhalb des Gemeindestatuts zu stellen und sie zu Gemeindemitgliedern zweiter Klasse zu degradieren, ist ein Verteidiger entstanden in einem Hamburger jüdischen Blatte, das der von ihm allenthalben wahrgenommenen Stimmung gegen die Aus-