Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 9 (28.2.1913)
- Date
- 1913-02-28
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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280 Nr. 9 DIE^ELT Den „echt russischen“ Patrioten sind die Juden sowohl wie die Polen aufs tiefste verhaßt. Allein die Juden erscheinen ihnen gleichwohl als das „größere Uebel“. Und so ergreifen sie denn Partei für die Polen in ihrem Kampfe gegen die Juden, der in der gegenwärtigen Boykottbewegung so abscheuliche Formen angenommen hat. Suworin von der „Nowoje Wremja“ und der edle Pole Dmowsky haben Frieden geschlossen, um gemeinsam gegen die Juden zu kämpfen. Mit diesem lehrreichen Ereignis befaßt sich der „Fraind“ in einem die Lage in Polen charakterisierenden Leitartikel. Zwar, so wird darin ausgeführt, trauen beide Teile einander nicht recht. Sie finden jedoch einen gemeinsamen Boden: den Antisemitismus. Die „Nowoje Wremja“, die sonst für die Einführung der russischen Sprache in den Semstwos Russisch-Polens eintritt, schimpft jetzt auf die „Litwaks“, die in Warschau und Lodz russisch sprechen. Das Blatt glaubt jedoch nicht an die Dauerhaftigkeit des zwischen Suworin und Dmowsky geschlossenen Friedens. Der gemeinsame Haß könne nicht als Grundlage für einen ehrlichen Frieden dienen. o o o o o o o KZ.'".—.. o o o o o o o AUS DER BEWEGUNG o o o o o o o o o o o o o o 1 I Holland Vorträge des Herrn Kurt Blumenfeld Amsterdam. Am Dienstag, 11. Februar, sprach in einer öffentlichen Propagandaversammlung Herr Kurt Blumenfeld über das Thema: „Die orientalische Frage und der Zionismus“. Rotterdam. Am Mittwoch, 12. Februar, sprach Herr Kurt Blumenfeld in Rotterdam, wo er in einer schönen Propagandarede die Themata: „Die Lösung der jüdischen Frage“ und „Die orientalische Frage und der Zionismus“ behandelte. Den Haag. Donnerstag, 13. Februar, veranstaltete die Ortsgruppe den Haag des N. Z. B. eine Propagandaversammlung, in der Herr Kurt Blumenfeld das Thema: „Assimilation und Zionismus“ besprach. Die Propagandareden des Herrn Blumenfeld haben unzweifelhaft großen Eindruck in Holland gemacht und sicherlich zur Verbreitung des Zionismus unter dem holländischen Judentum und zur Klärung der Meinungen unter den holländischen Zionisten beigetragen. Herr Blumenfeld sprach ferner in einem Kreise zionistischer Studenten in Amsterdam, wo die theoretischen Grundlagen des Palästinensismus erörtert wurden. Sonnabend, den 15. Februar, sprach Herr Blumenfeld im Haag vor einem Kreise von Gesinnungsgenossen, die für diese Fragen besonderes Interesse zeigten, über die Organisation, die Richtlinien der zionistischen Leitung und die Mittel und Wege der Propaganda. Deutschland Leipzig. Die Gesinnungsgenossen, die sich während der Engrosmesse in Leipzig aufhalten, treffen sich Dienstag, den 4., und Mittwoch, den 5. März, abends von 9 Uhr ab im Teezimmer des Cafe Promenade (gegenüber dem Alten Stadttheater). Ratibor. Die zionistische Ortsgruppe Ratibor hielt am 22. Februar unter dem Vorsitz von Zahnarzt Block ihre Generalversammlung ab. Die Ortsgruppe zählt zurzeit 73 Mitglieder. Der alte Vorstand wurde wiedergewählt. Der Abend schloß mit einem interessanten Referate von Gg. Isr. Pinczower über „Die Lage der Juden in der Ostmark“. Olmütz. Bei den in der 2. Februarwoche statteehabten Kultusgemeinde-Ergänzungswahlen wurden 2 Ausschußmitglieder des Olmützer Bürgervereins „Zion“, die Herren Arnold J e 11 i n e k und Dr. Arthur T a u s s i k , mit großer Majorität in den Ausschuß der Kultusgemeinde zu 4jähriger Funktionsdauer gewählt. Beide Mandate wurden den Olmützer Zionisten seitens des offiziellen Wahlkomitees zugebilligt, es entfiel also diesmal die Notwendigkeit des Wahlkampfes, wie er sonst bei dem gleichen Anlasse ausgefochten werden mußte. Oesterreich Perez-Abend (Von unserem Berichterstatter.) Wien. Aut Einladung des Vereins jüdischer Hochschüler „Cher u t h“ und der Wiener Ortsgruppe der „Poale Zion“ erschien Freitag, den 21. Februar, J. L. Perez vor dem Wiener Publikum. Dt. Nathan Birnbaum hielt die Conference. Er sprach über die Bedeutung des Ostjudentums und seines Idioms, das man in ein falsches Fach gesteckt und als „Jargon“ bezeichnet habe. Perez habe mehr gehalten, als man je von ihm erwarten durfte und das sei wohl das höchste Lob, welches man seinem ernsten, ringenden Schaffen spenden könne. Sehr schlecht kam in Birnbaums Vortrag das Westjudentum weg, gegen das er mit großer Leidenschaft loszog. Es wäre dankenswerter gewesen, wenn dieser Berufene mehr über die Werke unseres Perez gesprochen — und weniger gegen die Westjuden gewettert hätte. Es geht denn doch nicht an, daß man einem Parterre von Wiener bewußten Juden anläßlich eines literarischen Abends an den Kopf wirft, im Westjudentum (dem Dr. Birnbaum selbst angehört) stecke etwas „Quarkartiges“ und dergleichen mehr . . . Hierauf betrat Perez selbst das Podium und wurde mit einer nicht endenwollenden jubelnden Ovation des übervollen Saales empfangen. Er sprach — sichtlich aus dem Stegreif — einiges über die jüdische Renaissance und sagte unter anderem: Das Jüdische ist die Wandersprache und Bildungssprache von neun Millionen Juden. Gäbe das Volk diese Sprache auf, so käme das einem unehrenhaften Bankerott gleich. Das Judentum hat der Welt nicht nur einst den Gott gegeben, es hat ihr noch andere Werte zu schenken. Das Streben, aus uns heraus zu entwickeln, womit unser Volk die Menschheit bereichern kann und wird, das ist die jüdische Renaissance. Schlicht und innig verbreitete sich dann der Dichter über das jüdische Volkswesen, über die jüdische Gottesidee und über die Weltanschauung des Judentums, die sich auf den drei Grundideen von der Natureinheit, der Zweckmäßigkeit und der Gerechtigkeit aufbaue. Befremdend war die Art, wie steh dieser feine Poet, in dem so viel Allseele, Güte und Welterkenntnis wohnt, über die Kulturen anderer Völker äußerte, insbesondere aber, wie er über das Wesen und den Wert der deutschen Literatur urteilte. Ferdinand Gregori las nun aus des Dichters Werken vier der besten und für seine Muse besonders bezeichnenden Skizzen: „Der kranke Knabe“, „Was ist Seele?“, „Bonze schweig“ und „Eheglück“. Nach jedem Stück erneuerten sich die Kundgebungen für den Autor, der auf Einladung seines künstlerischen Interpreten neben ihm am Vorstandstische Platz nahm. Perez selbst erfreute dann noch das Publikum mit der Vorlesung seines „Schabbes-Goi“ in jüdischer Sprache. An den Abend schloß sich ein Kommers, den die veranstaltenden Vereine zu Ehren des Dichters und Dr. Nathan Birnbaums gaben. Beide wurden in zahlreichen Ansprachen Der Jüdische Nationalfonds in der Bukowina kn Jahre 1912 (Von unserem Berichterstatter.) Czernowitz. Das Bukowinaer zionistische Landeskomitee veröffentlicht in der letzten Nummer des „Jüdischen Volksrates“ einen ausführlichen Ausweis über die Nationalfondseingänge aus der Bukowina im vergangenen Jahre. Danach beläuft sich die Gesamtsumme auf 4296,07 Kr., die sich folgendermaßen verteilt: Allgem. Spenden 1352,69 Kr., Sammelbüchsen 1103,69 Kr., Oelbaumspende 702 Kr., Jemenitenhäuser 377,09 Kr., Sammelbogen 384,50 Kr., N.-F.-Marken 154,38 Kr. Telegrammformulare 164 Kr., Selbstbesteuerung 28,30 Kr., Diverse 18,52 Kr. Es kann mit gewisser Befriedigung festgestellt werden, daß der Ausbau und die Konsolidierung der N.-F.-Organisation erfreulich fortschreitet. Hierbei muß nochmals die intensive Tätigkeit der Organisations- und Nationalfondskommission im Landeskomitee lobend hervorgehoben werden. Die Vertreter der gedachten Kommissionen haben in den letzten Tagen eine persönliche Agitation für den Zentralfonds unternommen. An-