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Die Welt · 1911-10-20 · 42 (20.10.1911) · page 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
42 (20.10.1911)
Date
1911-10-20
Page
– (sequence 3)
Language
German
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No. 42 DIE^ELT 110 es waren, die diese zunächst neue und heftig befehdete Terminologie geschaffen haben und daß alle diese Forderungen nur Bruchstücke eines Gedankenbaus sind, dessen Fundament die nationale Idee ist. * Organisationsbestrebungen der Orthodoxen. Auch im Lager der traditionstreuen Juden regt sich's in letzter Zeit. Sowohl in den westeuropäischen Ländern wie in Rußland mehren sich die Stimmen, die einem organisatorischen Zusammenschluß aller auf dem Boden der religiösen Ueberlieferung steinenden Volkskreise eindringlich das Wort reden. Schon vor zwei Jahren, faßten die in Homburg v. d. Höhe zu gemeinsamer Beratung versammelten rabbinischen Führer der russischen und der deutschen Orthodoxie den Plan, einen universellen B u n d der Thoratreuen unter dem Namen „Agudath Israel" ins Leben zu rufen. Man einigte sich damals sogar auf einen Satzungsentwurf für die geplante Vereinigung, indessen ist die ganze Angelegenheit seither nicht um einen Schritt vorwärts gekommen. Erst in jüngster Zeit ist der Gedanke des „Weltbundes der Thoratreuen" wieder von verschiedenen Seiten aufgegriffen und in der orthodoxen Presse eingehend erörtert worden. Vom zionistischen Gesichtspunkte ist hierbei insbesondere ein Umstand beachtenswert. Nahezu sämtliche Wortführer dieser Organisationsbestrebungen heben nämlich hervor, daß eine der hauptsächlichsten Aufgaben, wenn nicht die Hauptaufgabe der neuzuschaffenden Organisation auf dem Gebiete der wirtschaftlichen und kulturellen Tätigkeit in Palästina liege. So schrieb vor kurzem Rabbiner I>r. Cohn in Basel in einem „Die Forderung des Tages" überschriebenen, vielbemerkten Artikel im „Israelit": „Könnten wir nicht in großzügiger gemeinsamer Arbeit Kolonien gründen im heiligen Lande, in denen die Verfolgten Zuflucht finden und in welchen jüdisches Leben neu erblüht, könnten wir nicht Schulen schaffen, in denen nach bewährten Prinzipien *jHK ""jTT ÜV m"11P Tltt^D gelehrt wird, können wir nidht die von anderen Organisationen geförderten praktischen Ziele in unser eigenes Programm übernehmen und das, was wir für unser Volk gut und nützlich finden, selbst ausführen? . . . Nicht auf Kritik und Negation, auf positives Schaffen weist uns gebieterisch die Zeit hin. Auf dem 10. Zionistenkongreß hat ein Gegner des Misrachi ihm das geflügelte Wort zugerufen: *lDnm?*S1 „Schaffet und streitet nicht." Dabei dachte ich an das Wort des Dichters: „Lehrt dich der Feind, was du sollst." Ja, das wollen und sollen wir tun!" Noch deutlicher und entschiedener betont Dr. Arthur Kahn in der „Jüdischen Presse" den palästinensischen Charakter, den eine derartige Weltunion der Gesetzestreuen annehmen müßte, wenn sie es ernstlich und mit einiger Aussicht auf Erfolg unternehmen wollte, die zersplitterten, vielfach auseinanderstrebenden Kräfte des orthodoxen Judentums in gemeinsamer, einheitlicher Arbeit zusammenzufassen und für die Förderung des religiösen Gedankens wahrhaft Ersprießliches zu leisten. Bekanntlich strebt auch die von Rabbiner Dr. Lerner in Altona begründete Vereinigung „Moria" einen Zusammenschluß der Gesetzestreuen aller Länder auf dem Boden produktiver Palästinaarbeit an — bisher freilich ohne nennenswerten Erfolg. Bedenkt man nun, daß noch vor einigen Jahren die maßgebenden Führer der westeuropäischen Orthodoxie allen palästinensischen Kolonisationsbestrebungen kühl bis ans Herz hinan gegenüberstanden, ja darin fast etwas Sündhaftes erblickten und sich offenherzig als Anhänger eines „passiven Zionismus" (Raphael Breuer) bekannten, so wird man ermessen können, wie revolutionierend unsere Ideengänge im Laufe der Zeit auch auf die Denkweise dieser Kreise gewirkt haben. Ueberhaupt hätte der Gedanke eines interterritorialen Verbandes der Gesetzestreuen wohl kaum aufkommen, geschweige denn feste Gestalt gewinnen können, wenn wir Zionisten in unserer nationalen Organisation den orthodoxen Führer: nicht Weg und Richtung gewiesen hätten. Wird ja in der jüngsten Nummer der „Jüdischen Presse'i (in einem Artikvi von Dr. Joseph Carlebach) freimütig zugegeben, daß die Orthodoxen den Plan des Weltverbandes „in der Schule dtv Zionisten gelernt" haben. Ob nun dessenungeachtet der „Weltverband der Thoratreuen" wirklich Zustandekommen und sich als lebensfähig erweisen wird, ist angesichts der allgemeinen Zerfahrenheit und Desorganisation, angesichts der mannigfachen prinzipiellen Gegensätze, die innerhalb der östlichen wie der westlichen Orthodoxie herrschen, sehr fraglich. Ein guter Kenner der russischen Orthodoxie und ihrer tonangebenden Führer äußert sich hierüber in der letzten* Nummer des „Haibri" recht skeptisch, und auch früher schon wurden von anderer wohlinformierter Seite begründete Zweifel an der Durchführbarkeit des orthodoxen Organisationsprojektes ausgesprochen. Es fehlt den Initiatoren in Ost und West wohl nicht an gutem Willen, aber an Organisationstalent und vor allen Dingen au wahrhaft nationalem Sinn und alljüdischem Bewußtsein — seelische Qualitäten, die allein es vermögen, die vorhandenen Gegensätze zu mildern und das Verbindende über das Trennende zu erheben. , LJnd doch wäre es eigentlich recht schade, wenn das un streitig großzügige Projekt gänzlich im Sande verlaufen sollte. Welche hohe Schule des jüdischen Gemeinsinns, der werk tätigen „Ahawath Israel" könnte eine derartige Organisation namentlich für weite Kreise der g e s e t z e s t r e u e w Jugend werden, die nach Lage der Dinge sich den: Zionismus nicht anschließen wollen, im Weltverband de: Orthodoxen aber Gelegenheit fänden, ihren Idealismus, ihre Liebe zur jüdischen Gesamtheit und zum Lande der Väter in segensreicher Weise zu betätigen. Ueberdies würde ein orthodoxer Verband, wie er jetzt in Aussicht genommen ist, ein unbegrenztes Arbeitsfeld in Palästina vorfinden. Man denke bloß an die Reorganisation der Chalukka und die allmähliche Ueberführung der Jerusalemer Jugend in produktive Berufe, insbesondere ihre Heranbildung zur Landwirtschaft. Dies und manches andere — wie z. B. gewisse Reformen auf dem Gebiete des jüdischen Erziehungswesens in Palästina — sind Aufgaben, die auf die Schaffung einer großen gesetzestreuen Palästina-Organisation geradezu hindrängen, weil nur eine solche sie in befriedigender Weise lösen könnte. Es bleibt abzuwarten, welche positiven Ergebnisse die für Ende November d. J. einzuberufende größere Versammlung orthodoxer Persönlichkeiten Deutschlands zeitigen wird. In dieser Versammlung sollen „Referate über die bisher mii maßgebenden Stellen des Auslandes gepflogenen Vorverhand lungenu erstattet und weitere Beschlüsse gefaßt werden. Der Verlauf dieser Konferenz wird der jüdischen Oeffentlichkeit wohl Aufschluß über die Realisierungsmöglichkeiten des orthodoxen Organisationsplanes gewähren. ♦ Berliner Skandal. Der Prozeß gegen den Grafen Gisbert Wolff-Metternich, der kürzlich wegen Betruges zu neun Monaten Gefängnis verurteilt wurde, bot der deutschen und auch der ausländischen Presse Gelegeimheit zu allerlei weltweisen Betrachtungen, und je nach ihrer politischen Richtung hackte sie auf den „verkommenen Adligen," oder den „jüdischen Empor-

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