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Die Welt · 1911-10-20 · 42 (20.10.1911) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
42 (20.10.1911)
Date
1911-10-20
Page
– (sequence 2)
Language
German
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100 &ie3§kelt No 42 Beweisführung eingefügt worden. Der Kulturwert (»er jüdischen Rasse bildet jetzt ein Argument, das \iele Gebildete unserer Zeit dem Zionismus geneigt macht i nd daher für unsere Propaganda von hoher Wichtigkeit ist. Wer Gelegenheit hat, in der Redaktion eines jüdischen Blattes die Zeitungsausschnitte zu studieren, in denen der antisemitische Unflat aus aller Welt enthalten ist, wird rasch erkennen, wie tief gewisse scheinwissenschaftliche Urteile antisemitischer Schriftsteller in das Bewußtsein der breiten Schichten gedrungen sind. Die Aftervveisheit eines H. St. Chamberlain, der ganze gelehrte Rassenschwindel, der auf Verherrlichung der „Arier" und Verunglimpfung der „Semiten" hinausläuft, hat eine sehr tiefgehende Wirkung auf die öffentliche Meinung geübt und die Mißachtung der Juden gerade seitens der gebildeten Klassen Westeuropas mitverschuldet. Wenn wir die Hoffnung hegen, durch unser Werk der Kulturwelt Achtung abzunötigen und unserem Volke neue Ehre zu erringen, so wollen wir auch den Verunglimpfungen und Verdächtigungen entgegentreten, die in Namen der Wissenschaft an unserem Volke verübt werden. Auch für die Gewinnung neuer Anhänger scheint •■'s uns sehr nützlich, den Rassenwert unseres Volkes hervorzuheben, denn die Erniedrigung des Judentums ist so weit gediehen, daß viele Juden an iihre' eigene Minderwertigkeit glauben. Die scharfe Betonung unserer kulturellen Leistungen, der Nachweis der hohen Begabung unserer Rasse ist sehr geeignet, unseren Volksgenossen den Rücken zu steifen und ihnen den Stolz zu verleihen, der dem Judentum der Gegenwart verloren gegangen ist. Aus diesem hohen Stolz entspringt die Kraft, an der Sache unseres Volkes mitzuwirken. Dem aufrechten Juden, der seinem Volke und darum auch sich selbst vertraut, wird die Erkenntnis aufgehen, daß er nur durch das Bekenntnis £um nationalen Judentum das Glück der inneren Freiheit erringen wird. So sehen wir, wie neue Argumente, neue Methoden zionistischer Propaganda emporwachsen, wie im Kampfe der Geister neue Gesichtspunkte sich zeigen, die uns dienen können. An uns ist es, unablässig solche Ideen zu verbreiten, denn auf tausend Wegen vermag die Wahrheit sich dem menschlichen Geiste zu nahen. So wird der Strom der zionistischen Bewegung immer tiefer und breiter dahinsehäumen, immer neue Flüsse und Bäche von rechts und links aufnehmend, um groß und sieghaft dem Meer des Weltgeschehens zuzueilen. REVUE <? jWWWWW II J> „Ein Ruf zur Tat." Die Zeitschrift „Ost und West'4, das Organ der Deutschen Konferenzgemeinschaft der Alliance Israelite Universelte, bringt in ihrer letzten Nummer einen Appell an die jüdische Oeffentlichkeit, der für uns von nicht geringem Interesse ist. Wir können Iiier die Wirkung der zionistischen Erziehungsarbeit sozusagen mit Händen greifen, denn alles, was der Verfasser dieses Aufsatzes sagt, ist direkt aus dem zionistischen Gedankenkreis übernommen. In kraftvollen Sätzen wird das furchtbare Elend des russischen und rumänischen Judentums und die Gefahr für das Gesamtjudentum dargestellt, die aus der chronischen Pogromstimmung erwächst. Es wird die Einberufung eines Kongresses gefordert, der die Aufgabe haben soll, gegen die Behandlung der russischen Juden zu demonstrieren und durch geeignete Maßnahmen in Rußland selbst oder durch Organisierung der Auswanderung — Abhilfe zu schaffen. Schließlich soll der Kongreß Mittel und Wege finden, die Machtfaktoren zu beeinflussen, deren Zustimmung die Verfolgung und Bedrückung der russischen Juden ermöglicht hat. In der vorigen Nummer unseres Blattes wurde im Hinblick uif diesen Artikel schon gesagt, daß wir Zionisten immer bereit sind, mit allen anderen Gruppen im Judentum zusammenzugehen, wenn es das Wohl unseres Volkes gilt. Aber diese Bereitwilligkeit besteht nicht bei jenen jüdischen Ge- •. llschaften, die sich für die patentierten Vertreter des Juden- Mirns halten, weil sie ihre Kassen aus dein Vermögen des Baron Hirsch auffüllen durften. Wir haben es im Jahre 1906 in Brüssel erlebt, wie es um die Gefühle der Solidarität der Juden bestellt ist außerhalb der Reihen des Zionismus. Und liier liegt der Irrtum des Artikelschreibers: Er glaubt, etwas Neues zu sagen, wenn er das ganze Judentum zur Tat aufruft, er glaubt zuih mindesten, daß dieser Appell nicht mit .•enügender Kraft und Energie an das Judentum gerichtet worden sei. Aber der Zionismus ist dieser Appell und die Kraft, die Energie, mit der er auftrat, wird in der Gegenwart nicht übertroffen werden. Es ist begreiflich, daß dem Verfasser jenes Artikels der Zionismus heute nur als Partei, nur als ein Teil des Judentums erscheint, denn zahlenmäßig vertritt er nur einen Bruchteil und noch steht die Mehrheit der Juden ihm gleichgültig oder ablehnend gegenüber. Aber die Gedanken, die der Verfasser des Artikels vertritt, werden seit 15 Jahren vom Zionismus in Westeuropa propagiert, nur mit dem Unterschied, daß der Zionismus die Antwort auf die Fragen erteilt, die jener Artikel noch offen läßt. Die unerträgliche Situation der östlichen Juden — das war und ist der Ausgangspunkt der zionistischen Argumentation. Der Ruf zur Tat, die Forderung der Selbsthilfe durch O r - ganisierung der Juden und Einberufung eines Kongresses —■ ist das nicht Zionismus? Freilich läßt der Verfasser die Frage offen, ob man in Rußland selbst oder durch Auswanderung Abhilfe schaffen soll, aber er wünscht doch wohl die Auswanderung, denn er erörtert vorher die Gründe, weshalb in Rußland auf Besserung kaum zu hoffen sei. In einem freilich weicht er von unserem Standpunkt ab. Er ist kein Zionist, d. h. er hat noch nicht eingesehen, was wir längst erkannten und an die Spitze unseres Programms stellten: daß keine Philanthropie, sondern nur der nationale Gedanke uns helfen kann; daß alle Hilfsaktionen wieder einschlafen, wenn sie nicht durch nationales Wollen ersetzt werden; daß überhaupt nicht durch „Aktionen", und seien sij noch so „großzügig", sondern durch planmäßige nationale Konzentration in Palästina das Judentum neues Leben und die Kraft zur Besserung seiner Lage gewinnen kann. Es ist für uns erfreulich, zu sehen, wie tief unsere Betrachtungsweise gewirkt hat und mit welcher Selbstverständlichkeit heute in nichtzionistischen Kreisen von „unserem Volke", von seiner „Zerstreuung unter den anderen Völkern", von der Notwendigkeit der „organisierten Selbsthilfe" anstelle der Maßnahmen einzelner Wohltäter, von der „Auswanderung", „Anrufung der öffentlichen Meinung" usw. geredet wird. Aber wir wollen e§ nicht in Vergessenheit geraten lassen, daß wir Zionisten

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