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Die Welt · 1911-10-20 · 42 (20.10.1911) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
42 (20.10.1911)
Date
1911-10-20
Page
– (sequence 4)
Language
German
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1102 DIE3§0ELT No. 42 kömmlingen'' herum, deren unschönes Treiben zum Gaudium des Publikums vor den Schranken des Gerichts enthüllt wurde. Im Chor der Zeitungsmänner, die sich der Beute freuten, ließ sich auch Herr Theodor Wölfl' vom „Berliner Tageblatt" vernehmen, und was er sagte, war sehr klug, sehr vernünftig und sehr gerecht. Mit der gelassenen Ironie, die ihn ziert, verteilte er nach rechts und links seine Bonmots und die christlichen Pseudokavaliere wie die jüdischen Protzen bekamen die Schläge seiner Pritsche zu spüren. Herr Theodor Wolff ist entschlossen, mit den anderen Wölfen — dem Metternich und dem Wertheim — nicht zu heulen, er lehnt jeden Rechtfertigungsversuch ab und er protestiert zugleich gegen jede Verallgemeinerung, „bei der man sein Gehirn nicht anzustrengen braucht". Das ist natürlich sehr richtig, und nur die antisemitische Dummheit und Geineinheit kann den Versuch unternehmen, die Familie Wertheim als Typus des Berliner Judentums hinzustellen. Aber auch Herr Theodjor Wolff kommt an gewissen Verallgemeinerungen nicht vorbei. Wir sehen mit Vergnügen, wie er den adligen Herren den Text liest, die ihre tüchtigsten und ehrenhaftesten jüdischen Mitbürger verächtlich ignorieren, bei Wertheinis aber mit leeren Taschen ein- und mit gefüllten ausgingen. Es ehrt den unparteiischen Sinn des „Berliner Tageblatts", daß es nicht nur für die Gewissensfreiheit der evangelischen Christen, sondern auch für den guten Ruf der Berliner Juden streitet, aber wir sehen uns doch zu der verallgemeinernden Bemerkung gezwungen, daß die Familie Wertheim nicht möglich wäre, wenn nicht der fortschreitende Assimilationsprozeß des großstädtischen Judentums jene Charakterlosigkeiten, Protzereien und Niedrigkeiten systematisch großziehen würde, durch die das Wertheimsche Milieu sich auszeichnet. Wie die Arroganz der adligen Leutnants ein Produkt von Standes- und Klassen Vorurteilen ist, so ist der hohle Snobismus vieler Juden die Folge ihrer gesellschaftlichen Haltlosigkeit, ihres Mangels an richtunggebenden Zielen, und dieser Mangel tritt notwendigerweise mit der Losreißung vom Judentum ein. Die seelische Juden not ist es, die die Besten unseres Volkes zur Verzweiflung oder zur Resignation, die schlechten Elemente aber zu widerlicher Nachäffung der christlichen Gesellschaft und zu geschmackloser Protzerei führt. Wir Zionisten kennen den Ausweg aus dieser Not, aber der kluge Leitartikler des „Berliner Tageblatts" hat Theodor Herzls „Mauschel" wohl nie gelesen. Bilder aus Palästina*) Es ist mir bisher nicht aufgefallen, daß die zionistische Gemeinschaft den Palästina-Schriftsteller Davis Trietsch allzusehr durch Anerkennung verwöhnt hat. Und doch verdient einer, der, von zahlreichen mono- Palmenwald an der Mündung des Wadi-el-Arisch (Hier stehen an 20000 Palmen und Feigenbäume) graphischen Arbeiten abgesehen, drei Bücher wie das „Palästina-Handbuch", das „Levante-Handbuch" und die „(Bilder aus Palästina" geliefert hat, mehr als Lob, er verdient ehrlichen zionistischen Dank. Schriften dieser gediegenen Art (wie wir ihrer leider nicht viele haben) sind die besten Propagatoren. Still, obwohl sie mit hundert Zungen reden, tun sie ihren Dienst, auf heimlichen Routen, die kein Tätigkeitsbericht registriert, ziehen sie durch die Lande. In alle vier Enden verträgt der Wind den Samen und plötzlich geht an wegentlegener Stelle die Saat auf, und keiner weiß, wer der Säemann war. Wenn Trietsch in seinen bisherigen Arbeiten, soweit sie nicht auf programmatischem Gebiete lagen, seine Liebe zur Sache in Erforschungen des Tatsächlichen, in Statistik und Tabellen umgesetzt hat, (was nicht leich't und nicht jedermanns Sache ist) so zeigt er sich diesmal von einer neuen Seite, die ihm nicht nur ein weiteres Lesepublikuni, sondern auch die Sympathien derer gewinnen wird, die seine literarische mit seiner allerdings etwas prononzierten parteipolitischen Physiognomie iden- Aus dem Buche „Bilder aus Palästina" von Davis Trietsch Orient-Verlag, Berlin 191 ] tifizierten. Der scheinbar nur herbe und spitze Parteimann, dieser hartnäckigste unter den Kongreßzionisten, hat da ein Buch geschrieben voll Liebenswürdigkeit, Innigkeit und Wärme. Dabei ist das Buch von so markantem jüdischepi Stammesstolz getragen, der sich als unaufdringliche Moral bald in ironischer Abwehr der „Andern", bald in überzeugter Verherrlichung des Vergangenen, bald in schlicht-pathetischer Gläubigkeit in unsere Bestimmung äußert, daß ich diese „Bilder aus Palästina" als ein „Lehr- und Lesebuch" mit an die erste Stelle unserer zionistischen Literatur setzen möchte. Vor allem aber sollten sie in die Hände vieler junger Menschen kommen. Denn in einer feinen und klugen Art, *) „Bilder aus Palästina/' Von Davis Trietsch. Orient-Verlag. Berlin 1911.

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