Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 39 (29.9.1911)
- Date
- 1911-09-29
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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gut der Bibel beherrscht, vermag auch in eine ästhetische Würdigung der Darstellung und Diktion einzutreten und hier den uralten Erzählungen neue Lichter aufzusetzen. So werden alle, denen die Bibel im Urtext teuer ist, mit reichem Gewinne das Werk des Verfassers benutzen und den Glossen zu den übrigen Büchern der Bibel mit Ungeduld entgegensehen. J. Jüdischer Kalender Eben erschien der „jüdische Kalender", redigiert von Moses Frostig, der folgende publizistische und literarische Arbeiten enthält: 1. Moses Frostig: Wir und jene; 2. S. J. Itnber: Elegie; 3. F. Witkower: Durch ein kleines Städtchen; 4. Dr. M. Geyer: Ist der Chassidismus ein Rückschritt? 5. J. Neumark: Gedichte; 6. E. Bernstein: Der Apfelbaum; 7. Eisik Weinstock: Rassenstolz und Rassenhaß; 8. S. Schapira: Sein Stern; 9. B. Mo$er: Ohne Kinder; 10. Bar Pchasje: Der Gaon; 11. S. Haber: Das gefährliche Alter; 12. A. Barasch: Gedichte; 13. J. M. Brenden Gedicht; 14. L. Sternlicht: Die Lage und Aufgaben des jüdischen Handelsstandes; 15. J. Weinlös: Anfänge der Haskalah in Galizien; 16. J. M. Brender: Sommernacht; 17. Dr. M. Ringel: Gesetzliche Ehen; 18. D. Königsberg: Liebe; 19. A. Kleinmann: Der Defraudant; 20. Dr. F. Korngrün: Der X. Zionistenkongreß; 21. R. Fahn: Das Ehepaar; 22. Dr Abr. Freilich:. Galizische Volkszählung; 23. J. Grob: Hochzeit im Städtchen; 24. M. Wiesenfeld: Die jüdische Sprache und nationale Politik im Golus; 25. S. Dembitzer: Das Lied; 26. J. Lifschütz: Kafke der Schreiber; 27. M. Fernhof: Gedichte; 28. M. Mieses: Rassenkultur und Nationalkultur; 29. M. Hemisch: Das verflossene Jahr. — Preis 80 h, zu beziehen nur in Briefmarken beim Verlag „Jüdischer Kalender", Lemberg, Stary rynek 8. Jüdische Volksbücher. Unter diesem Sammelnamen gibt der Jüdische Volksschriftenverlag in Frankfurt a. M. eine Reihe volkstümlicher Hefte wissenschaftlichen, belletristischen und religiösen Inhalts heraus, die insbesondere auch für die reifere Jugend bestimmt sind und in den religiös gerichteten Kreisen des deutschen Judentums sicherlich lebhaften Anklang finden werden. Von den neuesten Publikationen des Volksschriftenverlags verdienen folgende Schriften besonders hervorgehoben zu werden: 1. Der jüdische Jugendkalender 5672, der neben dem Kalendarium und den religiösen Vorschriften für die einzelnen Monate eine Anzahl literarischer und populär-wissenschaftlicher Aufsätze enthält, u. a. „Bilder aus dem heiligen Lande" von Dr. Moses Auerbach, poetische Übertragungen verschiedener Festgebete, ein Lebensbild Hirsch Hildesheimers usw.; 2. die Sammlung „Jüdische Helden" von Dr. J. Weigl, einem nicht]üdischen Arzt in München, der sich viele Jahre mit dem talmudischen Schrifttum und der jüdischen Geschichte beschäftigt hat und in den vorliegenden Heften das Leben und Wirken der Tanaiten Hillel, R. Akiba, R. Jehuda Hannassi, sowie des Amoräers Raw in liebe- und verständnisvoller Weise schildert; 3. die Monographien „Der Gaon von Wilna und seine Zeit" von Dr. Isak Unna und „Rabbi Akiba Eger" von Dr4 L. Wreschner; 4. die Geschichtenbüchlein „Daheim und Draußen" von Max Speier und das Vortragsbüchlein „Feierstunden", endlich 5. das prächtig ausgestattete Bilderbuch von Adele Sandl'er, enthaltend „Bilder, Verse mancherlei, auch viel Jüdisches dabei". Die hübschen Hefte der Jüdischen Volksbücherei eignen sich besonders zu Geschenkzwecken und als Unterhaltungslektüre, namentlich für die reifere Jugend. Erwiderung Die Erwiderung des Herrn Blumenfeld in Nr. 38 der „Welt" zwingt mich - sehr zu meinem Bedauern — zu erneuter Replik. Zunächst stelle ich, was meine Person selbst betrifft, folgendes fest: Ich habe Herrn Blumenfeld unaufgefordert den Text des „Haolam", den er nicht kannte, mitgeteilt. In seiner Darstellung wird diese Tatsache verschwiegen. Herr Blumenfeld hat allerdings erklärt, die im „Haolam" veröffentlichten Sätze nicht wörtlich ausgesprochen zu haben, er hat aber auf mein Verlangen eine Interpretation .seiner Rede gegeben, die sich — und darauf kommt es an — mit den von uns beanstandeten Sätzen inhaltlich durchaus deckt. Er hat, wie ich aufs bestimmteste erkläre, zugegeben, die Zusammensetzung der deutschen Landsmannschaft und den Ausfall der Wahlen in den Permanenzausschuß auf dem letzten Kongreß mit der angeblich intensiveren Nationalisierung in den letzten Jahren begründet zu haben. Da dort nicht der Durchschnitt, sondern die Führer des deutschen Zionismus versammelt waren, so war damit die Gesinnung bewährter Mitarbeiter in Zweifel gezogen. Herr Blumenfeld hat ferner die Äußerung zugegeben, daß die zionistische Propaganda in Deutschland sich bis vor kurzem auf die Judennot gestützt habe, also Rachmonus-Zionismus gewesen sei. Auf meinen Einwand, wie absurd eine solche Behauptung sei gegenüber der Tatsache, daß z. B. ein Heinrich Loewe in zwanzigjähriger unermüdlicher Arbeit den jüdischen Nationalismus propagiert habe, nicht nur den kollektiven, auch den individuellen, den Herr Blumenfeld entdeckt zu haben wähnt, — erhielt ich zur Antwort, das sei nun einmal seine Überzeugung Ich hatte nach diesem Gespräch nicht den mindesten Anlaß, : die Veröffentlichung unserer Erklärung zu verhindern, zumal diese lvon Herrn Blumenfeld ungezählte Male geäußerten Anschauungen bisher unwidersprochen geblieben sind. Und nun zum eigentlichen Inhalt seiner Erwiderung. Herr Blumenfeld hat nach seiner eigenen Interpretation nicht das Recht, die Darstellung des Haolam als „in wesentlichen Punkten" unrichtig hinzustellen. Allerdings will er nicht die Gesinnung, sondern nur die Anschauung der altern Generation gerneint haben. Die Idee Achad Haams von der kulturellen Ausstrahlung eines geistigen Zentrums, eine Idee, die Motzkin und Loewe schon 1891 propagiert haben und die seitdem zum allerältesten Rüstzeug unserer Propaganda gehört, soll — nach Blumenfelds Darstellung — den politischen Zionismus so beeinflußt haben, daß dadurch der Umschwung in der deutschen Landsmannschaft auf dem letzten Kongreß herbeigeführt wurde. Es lohnt nicht über eine derartig verstiegene Auffassung auch nur ein Wort zu verlieren und unsere Erklärung wäre wahrlich unterblieben, wenn Herr Blumenfeld nichts anderes als diese Absurdität vorgebracht hätte. Aber er hat mehr gesagt. In seiner Erwiderung erklärt er ja ausdrücklich, daß man bis zum Frankfurter Delegiertentag — d. h. bis zum Beginn seiner offiziellen Tätigkeit in der Partei — den Zionismus mit der Judennot begründet habe. Seit jener Frankfurter Resolution, aber, die nach Herrn Blumenfelds damaligen Worten eine neue Ära im deutschen Zionismus heraufführen sollte, wurde der Nationalismus systematisch als Persönlichkeitsproblem propagiert und seitdem sei auch die deutsche Landsmannschaft zweifellos nationaler geworden. Schon vor einem Jahr haben wir auf der Generalversammlung der B. Z. V. die Frankfurter Resolution als völlig überflüssig bezeichnet und Herr Blumenfeld vor seiner egozentrischen Auffassung von Wesen und Entwicklung des deutschen Zionismus gewarnt. Jetzt nach einem Jahr frage ich: Wer spricht außer Herrn Blumenfeld noch von dieser Resolution? Wo ist dieses angebliche System einheitlicher Propaganda? Welcher Agitator außer Herrn Blumenfeld hat das Bedürfnis gehabt, sich nach diesem zu richten? Nach wie vor gibt es je nach der Individualität des einzelnen die Agitationsmethode eines Loewe, Klee, Emil Cohn oder Blumenfeld und nur Herr Blumenfeld lebt in dem Wahn, daß seine Agitationsweise die ausschlaggebende, die allein wirksame, die grundlegende sei. Wer außer Herrn Blumenfeld glaubt an die neue Ära, die sich an die Frankfurter Resolution geknüpft haben soll? Wir hatten freilich ein Ereignis, das mehr als jene papiernen Thesen zu einer Ära nationalen Aufschwungs hätte führen können. Es war die Zeit der Emil Cohn-Affäre, damals, als wir unsern Nationalismus in der denkbar reinsten Form gegenüber einer drohenden Umgebung verkündeten, als Emil Cohn in den „Preußischen Jahrbüchern" das gebildete Deutschland auf die seelische Grundlage des Zionismus hinwies. Herr Blumenfeld möge sich bei seinen jetzigen Freunden erkundigen, warum uns damals die heißersehnte neue Ära nicht erblühte. — Der Subjektivismus des Herrn Blumenfeld ist an sich gewiß harmlos, und es soll jedem unbenommen sein, sich als Mittelpunkt des Ganzen zu fühlen, solange diese Auffassung im Innersten des Herzens verschlossen bleibt; sie fordert aber, die schärfste Zurückweisung heraus, sobald sie sich in der Öffentlichkeit breit zu machen sucht. Damit habe ich auch Herrn Blumenfelds Frage beantwortet, zu welchem Zwecke unsere Aktion unternommen sei. Das nicht gerade noble Manöver, die neue Leitung gegen uns auszuspielen, lasse ich dabei unbeachtet. Wir haben selbstverständlich Herrn Blumenfeld in höchst eigener Person gemeint. Herr Blumenfeld hat sich selbst einen Beamten der neuen Leitung genannt. Das ist er nach unserer Auffassung nicht, sondern ein Beamter der gesamten Organisation. In seine neue Stellung begleitet ihn unser lebhafter Wunsch, daß er diesen Unterschied mit der Zeit begreifen lerne. Dr. G. Witkowsky. Schluß des redaktionellen Teiles