Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 39 (29.9.1911)
- Date
- 1911-09-29
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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No. 39 DIE LT Der „.Rjetsch" wird aus Omsk gedraht&t: Der aus Irkutsk zugereiste Direktor der Abteilung der Sibirischen Bank Dr. Tanker wurde, trotzdem er infolge seiner akademischem Bildung sowohl als auch seines Standes, als Kaufmann erster Gilde, das Wolinrecht außerhall) des Ansiedlungsrayons genießt, der Polizei sofort ausgewiesen. Ähnlach erging es dieser Tage in Charko w dem Direktor der Syrnferop öler kaiserlichen musikalischen Gesellschaft, dem „freien Künstler" — dies der offizielle Charakter der akademisch gebildeten Künstler— A. Kantorowitsch. Er war nach Charkow eingeladen worden, um einige symphonische Konzerte zu dirigieren. Die Charkower Polizei aber machte die Entdeckung, daß Hen K. als Jude, obwohl freier Künstler und Staatsbeamtem, kein Aufenthaltsrecht außerhalb des Ansiedlungsrayons habe, und Herr K. mußte unverrichteter Dinge die Stadt verlassen. ^"NACHRICHTEN ' jl] Die Behandlung jüdischer Emigranten äirf den Schiffen des Norddeutschen Lloyd Infolge der vielen Klagen jüdischer Ausw anderer über schlechte Behandlung auf den Schliffen des Norddeuts chen Lloyds hatte die Verwaltung der Jüdischen Emigrationsgesellschaft in Ki«ew eine Beschwfcrdeschrift an die Direktion der genannten Schiffahitsgesellschaft gelichtet. In dem Schreiben war u. abetont, daß die Emigrationsgesellschaft, falls ihre Forderungen betreffs einer korrekten, mensche nwürdigen Behandlung der jüdischenZwischendeckpassagiere nicht erfüllt werden solltem, genötigt wäre, die Beförderung «ier nach Galves ton bestimmten Auswanderer auf de» Schiffen einer anderen Gesellschaft zu bewerkstelligen. Daraufhin erhielt der Vorstand der Ernigratiionsgesellschaft \ron der Direktion des Lloyd die Mitteilung, daß eine auf dem Dampfer „Hannover" eingeleitete strenge Untersuchung; die Berechtigung einer Reihe von Klagen ergeben hat, die seitens der jüdischen Passagiere dieses Schiffes erhoben worden waren. Demzufolge sei der erste Offizier der „Hannover" entlassen und der zweite Off izier straf versetzt worden. Die schuldigen Matrosem. und Schiffsdiemer würden streng bestraft werde ti. Auch der Kapitän der „Hannover", der für das Verhalten der Schiffsmannschaft verantwortlich sei, habe eine nachdrückliche Verwarnung erhalten. Die Direktion des Nordd. Lloyd spricht schließlich ihre Überzeugung aus, daß Sie getroffenen strengen Maßnahme« zu den gewünschten Resultaten nicht nur auf dem Dampfer „Hannover", sondern auch auf den andern Schiffen des Nordd. Lloyd führen werden.. Die Direktion werde ihr besonder&s Augenmerk auf die anständige Behandlung d-er jüdischen Zwischemdeckpassagiere richten. In einem zweiten Schreiben teilt die Direkti an des Lloyd mit, daß sie Vorsorge getroffen habe, um die Übelstäu de, die sich hi usichtlich der Bek frstigung der jüdischen Emigranten ergeben hatten, abzustellen Eine Tochter des R. Moses S ofer gestorben Eine ehrwürdige jüdische Matrone, Fra.u S. Lehmann, geb. Sofer, wurde in Pressfcurg dieser Tage unter ungewöhnlicher Beteiligung zu Grabe getragen. Frau Lehmann, die ein Alter von 91 Jähren erreichthat, war eine Tochter des berihmten Preßburger Oberrabbinws Rabbi Moses Sof er (gestorben 183*9), des in weiten Kreisen der Judenheit gefeierten Verfassers der Resf onsensammhmg Chatham 5.0fer. Antisemitische Teuerungsdezmonstrationen In Kuttenberg in Böhmen, einer tschechischen Stadt, in der bekanntlich das erste Todesurteil in derfiilsneraffäre erflossen war, haben letzten Samstag Teuerungsdemonstrationen stattgefunden, die sich merkwürdigerweise gegen zwei jüdische Geschäfte richteten. Es wurden die Fenster eingeworfen, Drohrtde ausgestoßen. Als die Menge in einen dieser Läden eindringen sollte, schritt die aufgebotene Gendarmerie ein und stellte die Ordnung wieder ler. Die Kaimmerwahlen in Bulgarien, Diö demokratische Partei hat in Sofia neben ihrem Parteichef, dem f:rühern Ministerpräsidenten Malinow unsern Gesinnungsgenossen, den Kaufmann Sabbat David als Kandidaten aufgestellt. David ."hat recht gute Aussichten, gewählt zu werden. — Der Rechtsanwalt: Nah im Isakof ist schon bei den Wahlen d«er großen Nationalversammlung von der sozialdemokratischen Partei aufgestellt worden, aber mit wenig Erfolg. Diesmal erscheint sei n. Name wieder auf der Wahlliste der Soziaidemolraten. Bücherbesprechungen. Zywiol Zydowski w Palestynie*) Dr. Alexander Hausmann In keiner Sprache ist so wenig zur Information und Aufklärung der Fremden und Eignen über Ziel und Stand der zionistischen Arbeit geschoben worden, als in der Polnischem. Daher auch die vielen Mißverständnisse uni Unstimmigkeiten in und mit der polnischen Pub lizistik. Die jüngere Zionistengpneration fühlt nun offenbar diesen ULingel und sucht das Versäumte nachzuholen, So hat vor einiger Zeit Dr. Michael Ringel — Vizepräsident und eigentlicher Leiter der galizischen Landesorganisatioti, — eine beachtenswerte und auch tatsächlich vielfach beachtete Schrift „Spoleczenstro polskie wobec Syonizum" („Die polnisclie Gesellsc&aft und der Ziomismus") veröffentlicht, und nun kann Dr. Hausmann auf die gute Idee, eine von ihm in der Zeitschrift „Palästina" veröffentlichte Artikelserie über das „Jüdische Element in Palästina" in polnischer Sprache als Broschüre erscheinen zu lassen. Dr. Hausmann — ein Qanztreuer und Ganzsachlicher, — var sechs Wochen lang in Palästina und hat siclh mit offenen Aug.«i Land und Leute angesehen. Da er gut vorbereitet war, hatte er in Palästina eigentlich bloß Gelesenes nachzukontrollieren und auch nachzukorrigieren gehabt. Und sa gelang es ihm, in kurzer Seit sich ein klares und volles Bild über den Stand der jüdischen Siedlungen und sonstigen Leistungen in Palästina zu machen, und der Ertrag ist die in Rede stehende Publikation. Sie ist eine gute Schrift, übersichtlich gegliedert, klar dargestellt und sachlich, oline klingende große Worte, dabei aber mit viel Wärme geschrieben. Gewiß wäre manches im einzelnen auszusetzen; man möchte manche sprachliche Unebenheit weg wünschen, manches sachliche Urteil berichtigen, manche Übertragung eines hebräischen Wortes korrigieien (Tel-Abib heißt nicht „Frühlingsweit", s. Ezechiel 3, 15J), aber alle diese Einzelheiten, — es sind ihrer übrigens nicht gar so viele, — kommen nicht in Betracht gegenüber dem Gesamteindiuck des Ganzen. Dieser ist ein durchaus günstiger und erquicklicher. Die Broschüre wird zweifelos werben. Ich zeige diese Schrift hier in unserm Zentralorgan an, um a.uf sie die Aufmerksamkeit fiterer Kreise zu lenken. Sie wir nicht nur diejenigen belehren, d ie über Palästina vwenig oder gar nichts wissen, — sie kann auch als vorzügliches Repetitorium denen dienen, die über Palästina schon manches gelesen haben. Dr. 0. TLon. Arnold. B. Ehrlich. Randglossen zur Hebräischen Bibel. Textkritisches, Sprachliches und Sachliches. Bd. E—III, Genesis bis Samuel; zus. 25.50 Jl, brosch. Leipzig, J. C. Hintichs. Zu einer Zeit, da eine von Hypothesen wimmelnde Textkritik, mit Willkür liehkeiten operierende Quellenanalyse n ad sich wissenschaftlicl geberdende Synnbolistik das gesamte Bibelstudium beherrscht und alle philologische Durcharbeit ung mnd sachliche Durchdringung des Stoffes überwuchert, ist es •ein besonderes Verdienst, auf diese wichtigsten Forschungsmethoden das Augenmerk der wissenschaftlichen Welt zutückzulenken. Vielleicht ist es kein Zufall, daß ein Unzünftiger diesem Werk sich gewidmet hat, ein 5n New York lebender Privatmann, der allerdings von früher Jugend in und mit der Bibel lebt und mit ihrem Sinn und Sprachgeist so vert raut ist, wie manch einer vom Bau nicht. Es ist darum für alle, die der hebräischeiL Bibel Interesse entgegenbringen — und im Zeitalter de* hebräischen Renaissance sollte . vor allem den alten, ewig frischen Quellen unserer Sprache das Inkresse sich zuwenden! —, ein hoher Genuß, den Randglossen des Autors zu folgen. Wenn auch die textkritischen IWotizen sich bei genauer Nachprüfung überall widerlegen lassen, so nötigen sie doch zu gründlicher Analyse des Wortlkutes und hindern allzu bequemes Aus- . weichen. Die sprachlichen Erklärungen und vergleichen Jen; Zusammenstellungen bieten eine Fülle wertvoller Materiaiient die sachlichen Anmerkungen werfen vielfach hellstes Lichauf dunkle Stellen. Nur wer so, wie der Autor, das Sp räch *) Dr. Alexander Hausmann: Das jüdische Elemeiü in Palästina. Krakau und Warschau 1911.