Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 40 (7.10.1910)
- Date
- 1910-10-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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964 DJE 3 ist es kein Wunder, daß es stammesstolze spanischportugiesische Juden sind, die in den Ländern der Zerstreuung am meisten Gefühl für die nationale Wiederherstellung hegen und zeigen. Ist doch noch immer bei allen Völkern die nationale Bewegung aus den Familien hervorgegangen, die in ihrer Nation die ruhmvollste Überlieferung hatten. So war es der sefardische Philosoph und Historiker Salvador, der zuerst sein nationales Bekenntnis in der Glorifizierung der nationalen Geschichte erblickte, und der erkannte, daß die Nation mit ihrer Geschichte identisch sei. Salvador hat für die nationale Auffassung der jüdischen Geschichte mit dem hoffnungsvollen Ausblick auf eine nationale würdige Zukunft epochemachend gewirkt. Er hat keinen Augenblick daran gezweifelt, daß der historische Eifer zur Neubelebung der Nation führen müsse. Was er auf geistigem Gebiet versuchte, eine Renaissance seines Volkes, glaubte ein anderer Jude, dessen Vorfahren ebenfalls einst auf der iberischen Halbinsel gelebt hatten, auf praktischpolitischem Wege erreichen zu sollen. Der bekannte amerikanische Dichter, Verleger und Staatsmann Mordechai Manuel Noah wollte auf Grund eines Charters, den er von der amerikanischen Unionsregierung erhalten hatte, in der Nähe von Buffalo einen Judenstaat errichten, ein Ideal, für das er beinahe ein halbes Jahrhundert tätig war. Der dritte sefardische Jude, der der Wiederherstellung Israels seine wärmsten Wünsche und seine ganze Lebensarbeit widmete, war Moses Montefiore, der nicht bloß überall für die verfolgten Brüder eintrat, vielmehr seine ganz besondere Aufmerksamkeit und Sorgfalt dem alten Stammeslande und den dortigen Juden zuwandte. Er wollte in Palästina in langsamer stetiger Arbeit die Juden zu einem produktiven Stamme erziehen, um so eine werktätige jüdische Bevölkerung zur Grundlage der spätem Siedelung des jüdischen Volkes im alten Stammeslande zu machen. So arbeiteten die drei großen nationalen Männer jeder in seiner Weise, und jeder auf seinem Gebiete für das gleiche Ziel. Man könnte diese erste Periode zionistischer Vorgeschichte die europäischsefardische nennen. Zum Teil bereits neben ihr hergehend, schloß sich ihr eine deutsch-jüdische Zeit an, in der unter den deutschen Juden mit dem erwachenden Selbstbewußtsein die ersten Keime eines zukünftigen nationalen Lebens entstanden. Bereits der „Verein für Kultur und Leben der Juden" in Berlin, dem Männer wie Zunz als Gründer und Leiter angehörten, hatte im Jahre 1819 für Berlin die Vertretung der Noahschen nationalen Pläne übernommen, wenn es auch nur bei der Theorie blieb. Ein nationaler Studentenverein in Prag, der Palästina erobern wollte, blieb ohne Bedeutung, und erst das Jahr 1840 ließ in Berlin die Broschüre Neu- Judäa erscheinen, in der ein Plan wie der Noahsche entwickelt wurde, nur daß ein anderes amerikanisches Territorium als der zukünftige Judenstaat, der einer der Vereinigten Staaten sein sollte, in Aussicht genommen wurde. Dann durchflog von Konstanz aus ein leidenschaftlicher Aufruf mit glühenden Worten die jüdische und europäische Presse, in der ein ungenannter deutscher Jude aufforderte, die Unruhen im Orient nicht vorübergehen zu lassen, ohne die nie verjährten Rechte der Juden auf das alte Stammesland der Väter geltend zu machen. Eine lebhafte Diskussion schloß sich an, und bald hier, bald dort wurden Stimmen laut, die der nationalen Wiederherstellung Israels im Lande der Väter [ELT No. 40 das Wort redeten. Endlich erschien ein Buch, das die Geisteslinien der neuen Richtung festlegte, das grundlegende Werk von M. Hess: Rom und Jerusalem. Seine freigeistige Schrift wurde durch Zwi Hirsch Kalischer, den der alten Richtung angehörenden Rabbiner von Thorn ergänzt, der in seinem Werke rwn von talmudischem Standpunkte aus das Gegenstück und die auf Tradition ruhende Grundlage der gleichen Bestrebungen gab. Beide vereinigten sich, und bald schien es, als sollte die Kolonisationsarbeit durch deutsche Jyden ins Rollen gebracht werden. Doch der entstehende Judenhaß, der unmittelbar nach dem siegreichen Kriege -gegen Frankreich im neuen Deutschen Reiche mächtig einsetzte, fiel wie ein Reif in der Frühlingsnacht und erstickte alle jungen frischen Keime im Entstehen. Die Furcht vor dem Antisemitismus hat diese deutsche Periode des Vorzionismus zu Ende gehen lassen. Aber die von hier verstreuten Samenkörner waren auf fruchtbares Erdreich gefallen und hatte'n bereits mächtige Wurzeln in den Ländern geschlagen, wo die großen Judenmassen eben durch ihr Massengewicht viel mehr am Judentum hängen. Die Namen Smolenskin, Gordon und Pinsker bedeuten da jeder für sich eine Epoche imnationalenErwachen der osteuropäischen Juden. Die russischen Juden schreiten voran, ihnen folgen die rumänischenauf dem Fuße, und in einem kleinen Abstände marschieren hinter ihnen, darum nicht minder wacker, die galizischen Juden. Eine gewaltige Begeisterung wird ausgelöst. Die ersten Kolonien russischer und rumänischer Juden werden im Heiligen Lande gegründet. Die Studentenbewegung setzt ein. Dieselben Akademiker, die sich bereits am meisten und weitesten vom alten Stamme entfernt haben, werden die begeisterten Vorkämpfer der nationalen Ideale, und der Verein Bilu*) entschließt sich, mit dem praktischen Beispiele voranzugehen und sich im Lande Israel anzusiedeln. Scheinbar phantastische Schwärmer der schlimmsten Sorte; und doch sind sie die praktischen Bahnbrecher der nüchternen und vorsichtig vorwärtstastenden Kolonisation. Ohne diese Schwärmer hätte es nie praktische Männer des Zionismus gegeben. Dann folgen die Versuche, gemeinsame Arbeiten zugunsten der Kolonisation zu unternehmen und alle Bestrebungen, die zunächst fast nur bei russischen und rumänischen Juden begeisterte Aufnahme finden, zu vereinigen. Das sind die Kattowitzer Konferenz der Chowewe-Ziön-Vereine, der dort gegründete Montefioreverband und schließlich das Odessaer Komitee, das noch heute seine wichtige Arbeit ungeschwächt fortsetzt. Der Charakter dieser Epoche ist russisch-jüdisch. In Wien wird die Kadimah auf Betreiben des russischen Juden Smolenskin gegründet, in Berlin muß der deutsche Jude, der für den jüdischen National- und Staatsgedanken Propaganda macht, sein Arbeitsfeld im russisch-jüdisch-wissenschaftlichen Vereine suchen, und als dort der Verein Jung^Israel zum ersten Male als jüdisch-nationaler Verein die Fahne der jüdischen Ehre entrollt, besteht der größte Teil seiner Mitglieder aus russischen und galizischen Juden. So war die nationale Idee von sefardischen Juden auf dem Umwege über Deutschland nach Rußland gewandert und war eben im Begriff, sich in Deutschland, wo Jung-Israel eine für einen so kleinen Verein erstaunlich große Agitations- und Gedankenkraft entwickelte, ein neues Feld zu *) Abkürzung von n3^> IfP