Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 40 (7.10.1910)
- Date
- 1910-10-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DIEÄELT K0LN AM RHEIN, KAROLINGERRING 31 \f ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XiV. JAHRO. KÖLN, 7. Oktober 1910 ]i^rh DO'Wn ntPn S No* 40 WIE DER ZIONISMUS ENTSTAND Von Heinrich Loewe, Berlin Die gewöhnlichste Antwort auf die Frage nach der Entstehung des Zionismus ist die, daß er die natürliche* oder manchmal auch, daß er die unnatürliche Reaktion^ auf den Antisemitismus sei. Und so ganz Unrecht hat diese Ansicht nicht. Denn abgesehen davon, daß es tatsächlich besonders in Deutschland manchen Zionisten gibt, den erst die Erscheinung des Antisemitismus zum Judentum zurückgeführt und ihn hier zum Zionismus*" gebracht hat, wäre es wirklich mehr als begreiflich, wenn man einzig und allein stammesstolzen Zionismus als die berechtigte und selbstverständliche Antwort auf die Verunglimpfung ansähe, die die jüdische Ehre durcji die antisemitischen Angriffe erfahren hat. Denn wenn wir auch die materiellen Schädigungen durch diese Bewegung gern verschmerzen wollen, die Herabsetzung unserer Stammeswürde, das Herabziehen der Judenehre in den Kot, durch das jeder Gassenjunge sich groß machen kann, mußten eigentlich jeden Juden mit angeborenem und erzogenem Ehrgefühl allein schon zum Zionisten machen. Dennoch ist die antisemitische Bewegung nur sehr wenig an der Entwicklung des Zionismus beteiligt, an seinem Entstehen aber überhaupt nicht. Dagegen hat sie sehr viel Anteil an den Judentaufen, und zwar unendlich viel mehr als alle Missionsarbeiten je vermocht haben und vermögen werden. Denn wenn tiefere Naturen durch die Angriffe erst recht an den alten Ehrenstamm gekettet werden, so rüttelt der antisemitische Sturm um so mehr die Blätter vom Stamme, die bereits etwas locker sitzen, und zerbricht ganze Äste und Zweige. Will man die Entstehung des Zionismus verstehen,^ so muß man tiefer blicken und vor allem die historische Entwicklung betrachten. Freilich könnten wir dann beinahe „bei Adam beginnen". Denn die gleiche Qrundstimmung, die wir im Zionismus beobachten, durchzieht die ganze biblische Geschichte, ob nun an Abraham der Ruf ergeht, sein Land und seine Heimat, Vaterstadt und Vaterhaus zu verlassen und in das Land zu ziehen, das ihm als die zukünftige Heimat seiner Nachkommen gezeigt wird, oder ob den Erzvätern dies Land Kena'an als ewiges Erbteil zugeschworen wird, solange der Himmel über der Erde steht. Und ganz dieselbe Erscheinung haben wir bei unserm Lehrer Mosche, der nur eine einzige Strafe des Ungehorsams für sein Volk kennt, das Land nämlich verlassen zu müssen, das ihm als ewiges Erbteil von seinen Vätern zufallen soll, und der nur eine einzige Belohnung für spätere Gerechtigkeit verheißt, die Rückkehr in das Land der Väter zu neuem hebräischkulturellem Leben. „Wenn deine Verstoßenen sein werden "~am Ende des Himmels, -so wird der Ewige dein Gott von dorther dich sammeln, und von dorther dich holen, und der Ewige dein Gott wird dich in das Land bringen, das deine Väter besessen, und er wird dir wohltun und dich mehren, mehr denn deine Väter". Der ganze Prophetismus ist biblischer Zionismus, getragen von dem gottbegeisterten Temperament der größten Männer, die . der jüdischen Nation je entsprossen sind. Kein Wunder, daß sich an die Zerstörung die Hoffnung auf die Wiederherstellung anschloß, und daß diese sehnsüchtige Hoffnung die zweitmalige Zerstörung nicht minder überdauerte. Dieses glühende Sehnen kam in Gebeten und Liedern, in mystischer Verzückung und mannigfachen praktischen Versuchen der Wiederherstellung zum lebendigen Ausdruck. Der moderne Zionismus unterscheidet sich im Wesen nicht von der großen nationalen Liebe und dem Ringen nach Freiheit, Kraft und Leben, der in der ganzen Zionsliebe des Judentums im Exil zum Ausdruck kommt. Moderne Mittel und moderne Anschauungen sind es, die ihm ein anderes Bild gegenüber der alten glühenden Sehnsucht, die er sonst völlig teilt, verleihen. Aus dem modernen Leben, das dem Judentum allmählich einen frischen Lufthauch in seine dumpfen Ghetti ziehen läßt, entwickelt das Judentum die alte nationale Liebe zur heimatlichen Scholle uud versucht auf Grund moderner Ansichten und mit Mitteln moderner Technik und Politik das alte Ziel stammestümlicher Sehnsucht zu erreichen. Zuerst sind es europäische, kulturell hochstehende Juden aus dem sefardischen Galüt, die das Empfinden haben, der jüdischen Stammesehre nur dann Genüge leisten zu können, wenn die alte gewaltige Volksgeschichte auf den ältesten Grundlagen wieder errichtet und würdig der großen Vergangenheit fortgesetzt wird. Hierbei gehört Amerika zum europäischsten Europa. Dann aber 2