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Die Welt · 1910-10-07 · 40 (7.10.1910) · page 3

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
40 (7.10.1910)
Date
1910-10-07
Page
– (sequence 3)
Language
German
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;o. 40 DIE3§gELT 965 schaffen, als Herzls Judenstaat erschien, dem bald sein Aufruf zum Kongreß folgte. Qab es bis dahin eine sefardische, eine deutsche, eine russische Periode zionistischer Vorarbeit, so setzte mit dem Kongreß zum ersten Male eine allgemeine jüdisch-zionistische Bewegung ein, die nichts mehr vom Charakter einer einzelnen Landsmannschaft an sich hatte. Jetzt zeigte es sich, daß alle Kräfte der Nation zusammenstrebten, ind daß es ein lächerliches .Unterfangen war, wenn die rabbinischen Angestellten der Gemeindevorstände in Deutschland glaubten, durch einen schändlichen Protest dem plötzlich emporwachsenden Zionismus den Garaus machen zu können. Man versuchte zwar mit gutem firfolg den Zionismus von München fortzudenunzieren, aber der Kongreß kam in Basel zustande. Dem Protest der Rabbiner, der den Zionismus vom patriotischen wie vom religiösen Standpunkte aus für gleich verwerflich angesehen wissen wollte, folgte sogar noch ein unbeachtetes Berliner Flugblatt von anderer Seite, das namens angeblicher Zionsfreunde gegen die Abhaltung des Kongresses und die politische Richtung der neuen Bewegung protestierte. Es wurde kaum beachtet, nur verlacht. Die Freiheitsbewegung war erwacht und ließ sich nicht mehr unterdrücken. Sie setzte den bereits begonnenen Kampf gegen das würdelose Assimilationsstreben mutig fort. Die Freiheit erforderte, daß das Wollen und Nichtwollen in eigener Macht stehen sollte, während die Assimilation gerade darin ihre Kennzeichnung fand, daß sie ihr Wollen ausschließlich von der Rücksichtnahme auf außerhalb des Judentums stehende Bewegungen und Ansichten abhängig machte. Die Assimilation ist der Ausfluß und der Ausdruck der Unfreiheit. Der Zionismus ist aber bewußtes Freiheitsstreben, und mußte deshalb die Assimilation als sein kontradiktorisches Gegenteil unversöhnlich bekämpfen. Nur eine einzige Art der Assimilation ließ der Zionismus gelten und nahm sie als berechtigt an, wenn nämlich der Jude sich und seinem eigenen Wesen das Fremde einverleibt, ohne seine Eigenart aufzugeben, wenn er die Kulturerrungenschaften annimmt und zueigenem jüdischen Wesen verarbeitet. Der Zionistenkongreß, der später der erste Kongreß genannt wurde, war ein großes Wiederfinden der getrennten Brüder. Ob es nun russische Juden oder algerische Brüder waren, ob sie von Rumänien oder aus Berlin kamen, ob von Amerika oder England, oder ob es ungarische, amerikanische und deutsche Juden waren, die aus dem Lande Israel selbst als Delegierte erschienen, es war ein großes Wiedersehen der Männer, die sich niemals vor Augen erblickt hatten, und alle erkannten unter Tränen der Freude und Begeisterung, daß sie alle dieselben waren wie die andern, und alle noch dieselben wie die Väter, die vor zweitausend Jahren als sterbende Helden für Volk und Vaterland gefallen waren. Und über allen webte und wirkte die einigende Idee des Zionismus als kulturelle und politischnationale Idee. Dem ersten Kongreß folgten andere. Nach der großen ideellen und organisatorischen Grundlegung folgte der Ausbau der einzelnen Institutionen. Der Nationalfonds wurde gegründet und ihm später die Ölbaumspende angegliedert. Die Kolonialbank entstand, die sich nachher in ihren Tochterinstituten, der Anglo Palestine Company und der Anglo Levantine Company die Werkzeuge zur praktischen Arbeit schuf. Landgesellschaften wurden ins Leben gerufen. Aber der Zionismus ist, wie sein großer Organisator von ihm mit schlichten Worten rühmte, die Rückkehr ins Judentum vor der Rückkehr ins Judenland. Die Idee des Wiedererwachens der jüdischen Kultur, der hebräischen Sprache, des alten ewig jungen nationalen Wissens und der geistigen Eigenart war der Ausgangspunkt aller nationalen Bewegung gewesen. So wie sie das Älteste in der Idee war, ist sie das Jüngste in der praktischen Ausführung. Erst vor nicht einmal einem Jahre entstand die rpnyn mmr^i n*wb nmnDn, die Organisation für hebräische Sprache und Kultur, die nicht einmal vom Zionistenkongreß aus ressortiert, und doch zu ihm gehört. Die Kulturorganisation ist mit ihm vereint wie die Form mit der Materie, wie die 'Kraft mit dem Stoff, wie die Seele mit dem Leib. Sie erst wird uns die Ahnung zur reinen Erkenntnis werden lassen, daß die Einheit im Judentum untrennbar ist wie die Idee des einen gewaltigen und unteilbaren Gottes, den das Judentum lehrt: Ein Volk, ein Land, eine Sprache! „Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern, in keiner Not uns trennen und Gefahr, wir wollen frei sein wie die Väter waren, lieber den Tod als in der Knechtschaft leben!" Diese Worte des großen deutschen Dichters stehen gleichsam über der Eingangspforte zum Zionismus geschrieben. Ein altes Herren- und Adelsvolk erwacht! Der Ehrenschild wird wieder blank geputzt! Der Schmutz der Jahrhunderte muß herunter, der Edelrost der Jahrtausende bleibt bestehen. Die Väter freuen sich wieder ihrer Söhne, und die Söhne kommen wieder zu ihren Vätern. Stammesstolze Studentenscharen, begeisterte Jugendorganisationen aus allen Ständen, krafterfüllte Turner lassen jubelndes, junges Leben emporblühen. Es ist trotz aller Not und Pein, trotz aller Unterdrückungen und Verfolgungen wieder eine Lust, Jude zu sein. Der Zionismus ist nicht aus der Feindschaft gegen unser Volk als Reaktion entstanden, sondern ist die organische Fortbildung und Fortführung des Kampfes um die Bürgerrechte gewesen. Galt dieser Kampf um die Emanzipation der Erringung der Gleichberechtigung für den einzelnen. Juden, so ist der Zionismus als Nationalismus der gleiche Kampf um die Gleichberechtigung der jüdischen Nation als eines Ganzen. Er ist ein Kind der Freiheit, und wird wiederum Freiheit zeugen. Er ist in seinem Wesen die folgerichtige jüdische Weltanschauung, der, wenn er Konzessionen macht, sich selbst negiert, und wenn er Kompromisse schließt, sich kompromittiert. Er kann einzelne Arbeiten mit andern zusammenleisten, die nicht auf seinem grundsätzlichen Boden stehen, aber er darf und kann nie vergessen, daß er allein konsequentes Judentum vertritt. Er ist die jüdische Freiheitsbewegung, denn er will das jüdische Denken befreien von dem übermächtigen Einfluß, den die Umgebung auf dieses ausübt. Sein Wesen ist Kultur und Judentum, jüdische Kultur. Der Zionismus entstand, weil wir gesunde Menschen sind und in unsern Adern jüdische Lebenskraft pulsieren fühlen. Er ist die Bewegung des Lebens. Er führt uns zu Freiheit und Ehre, zu Freiheit und Judentum. 2*

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