Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 28 (15.7.1910)
- Date
- 1910-07-15
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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er Herzl nach der namentlichen Abstimmung, die auf die bewegte, überaus leidenschaftliche Ugandadebatte folgte, in einem Zustande großer Erregung fand. Bei dieser Abstimmung handelte es sich übrigens nicht um Annahme oder Ablehnung des Ugandaprojektes, sondern lediglich um die Einsetzung einer Kommission zur Prüfung dieser Frage. Der endgültige Beschluß sollte einem eigens hierzu einberufenen Kongreß vorbehalten bleiben. Daß Herzl über die Annahme des Antrages des Großen A. C, der ja eigentlich sein Antrag war, nicht entrüstet gewesen sein konnte, bedarf keiner weitern Ausführung. In seiner Schlußrede auf dem VI. Kongreß führte Herzl eben das Votum des Dr. Chazanowitz, „der sein ganzes Leben dem Palästinadienste gewidmet hat," gewissermaßen als Bürgschaft dafür an, daß „kein Durchbruch, keine Änderung, keine Abweichung vom Baseler Programm" beabsichtigt sei. (Stenogr. Protokoll der Verhandlungen des VI. Zionistenkongresses, S. 340.) Daß schließlich diejenigen, die behaupten, „Herzl sei von der Lnausführbarkeit des Palästinaplans überzeugt gewesen, als er Uganda vorschlug", durchaus unrecht haben, geht u. a. aus der Eröffnungsrede zum VI. Kongreß hervor, in der Herzl mit Bezug auf den Ugandavorschlag sagte: „Zion ist dies freilich nicht und kann es nie werden. Es ist nur eine Kolonisationsaushilfe . . . . Es ist und bleibt lediglich eine Notstandsmaßregel." Ferner: „. . . . aber mit erfrischtem Mut und größeren Aussichten als je vorher können wir unsere Bemühungen um Erez Israel fortsetzen." (Stenogr. Protokoll der Verhandlungen des VI. Zionistenkongresses, S. 9 f.) Büchereinlauf Deutsche Kunst und Dekoration. XIII. Jahrgang, Heft 10, Juli 1910. Darmstadt, Verlagsanstalt Alexander Koch. Maase Tobia. Abhandlungen über Theologie, Astronomie, Heilkunde, Naturwissenschaft usw. von Rabbi Tobia Katz aus Metz (XVI. Jahrhundert). Mit Verbesserungen und Erläuterungen neu herausgegeben von Moses Sternberg, Krakau 5668 (Hebr.) Verein Mekize Nirdamitn. Bericht für das Jahr 1909: Frankfurt a. M. 1910. Mitteilungen zur jüdischen Völkerkunde. Herausgegeben von Dr. Max Grunwald. 13. Jahrgang, 3. Heft. Wien 1910. Inhalt: 'M. Grunwald: Das Josefspiel. S. Weißenberg-M. Grunwald: Josef und seine Brüder. J. Wellesz, Volksmedizinisches aus dem jüdischen Mittelalter. B. Wa c h s t ei n: Inlibris. N. We 1 d 1 e r: Kinderreime aus Galizien. — Bücherschau. — Berichtigungen von J. Low und W. Bacher. — Beilage: M. Grunwald, Die Familie Arnstein. Torath Abodath Haadama. Lehrbuch der Landwirtschaft. Mit Illustrationen von A. J. Einhorn. London 5670. (Hebr.) Bibliotheka Oedola. 1. Jahrgang, Nr. 21—23: S. Schneier: Vom Leben und Tod. Skizzen und Erzählungen. Verlag„Tuschijah", Warschau 5670. (Hebr.) Oskar Rosenfeld: Die vierte Galerie. Ein Wiener Roman. Wien 1910. Hugo Heller & Cie. Die Killeberger. Nach der Natur aufgenommen von Onkel Siegfried (Siegfried Mühsam). Dritte Auflage. Leipzig 1910. M. W. Kaufmann. Bücherbesprechung Raoul Auernheimer: Gesellschaft. (E. Fieischel & Co.) Schon längst hat Artur Schnitzler die glatten Pfade und kleinen Gärten der leichtgeschürzten Kunst verlassen, und noch immer wandelt sein Schatten dort umher. Dieser Schatten ist der jüngere Auernheimer, gleichsam Schnitzlers liebenswürdigster Jünger. Der ist aus dem kleinen Parke mit den glatten Pfaden, den schalkhaften Amoretten und lauschigen Plätzchen noch immer nicht heraus. Noch immer kichert und kost es in seinen Dialogen von mondainen Frauen und eleganten Herren. Kein Wunder, daß er bei Junggesellen beliebt ist, denn die hören es gern, wenn galante Damen mit. ihren SeidenunterrocVen durch die Blätter des Büchleins rauschen und mit den Straußfedern ihrer Riesenhüte kokett nicken. Und doch verdient Auernheimer ein würdigeres Los, als zur bloßen Junggesellenlektüre degradiert zu werden, denn über die Pikanterie geht ihm die Satire. Ja, er verfügt über zu viel Esprit, als daß er harmlos in den seichten Wässern eines Lavedan, an den er erinnern könnte, herumzuplätschern sich begnügte. Da er aber dabei von Natur liebenswürdig ist, bekommt seine Satire nie die Schärfe des Schwertes. Sie gemahnt an die Papierdolche im Zirkus. Mit Grazie und Geschicklichkeit weiß Auernheimer seine Waffe zu handhaben, die niemandem weh tut. Wozu auch? Gebessert wird die Gesellschaft, dieses Stück Gorgonzola, durchs Vergrößerungsglas angeschaut, doch nicht. Ergo vivamus. Eigentlich leben lassen, ist seine Parole. Die Frauen, ob sie auch kokettieren und ihre blinden Ehegatten verraten, sind im Grunde doch unausrottbare, bestrickend schöne Geschöpfe, auf die ein feiner Causeur und echter Wiener, ironisch lächelnd, herabsieht. Karl Hans Strobl: Romantische Reise im Orient. (Vita, Berlin). Dieser anziehend und flott geschriebene Reisebericht des bekannten Romanciers Strobl enthält einige Stellen, die uns Juden in hohem Grade interessieren. Eines Palästinafreundes Herz schlägt höher bei der von einem Unbefangenen entworfenen Schilderung der Schönheiten des heiligen Landes, und eine starke Sehnsucht keimt empor, die Sehnsucht, mit eigenen Augen das Land der Väter zu sehen, die geweihten Stätten zu betreten, wo das Schicksal der Juden emporwuchs. Breiten Raum nimmt die Beschreibung Jaffas und Jerusalems ein. Doch nicht etwa eine trockene Schilderung bietet uns der Verfasser. Als moderner Dichter versteht er sich auf impressionistische Wirkungen und bevorzugt höchst subjektive Stimmungsbilder, die einen eigenen Reiz ausüben. So vermengen sich ihm gern alte Erinnerungen und Fragen mit neuesten Eindrücken und Erklärungen. Dabei sucht er den in Palästina nebeneinander wohnenden Konfessionen die möglichste Objektivität entgegenzubringen. Wie anheimelnd zeichnet er Jaffa! Diese Stadt hat „das sonnenverbrannte Gesicht mit den schmutzigen Gassenfalten, das so brüderlich vielen andern gleicht. Und die Menschen tragen die Patina der Geschichte an sich." Hier fühlt der Autor die ungeheure Last der Geschichte, die auf den Juden liegt, und wie verwurzelt ihre Art mit Palästina ist. „Noch ist es das gelobte Land, zumal wenn man von Jaffa aus die Orangengärten und Olivenhaine durchschneidet, ist man geneigt, in jeden Hymnus einzustimmen. Hier ist neues Leben . . . . " Obwohl Strobl mit keinem Wort der Kolonien Erwähnung tut, hat man doch die Empfindung, daß er hier den Hauch eines neuerwachenden Lebens verspürte und sich vor ihm neigte. Freundliche Farben hat er auf seiner Palette, wenn er die Landschaft urn Jaffa malt. Ungünstig fiel dagegen das Bild Jerusalems aus. Mag sein, daß der Eindruck dieser Stadt verzerrt wird durch das Verwirrend-Mannigfaltige und Disharmonische der Beziehungen und Abgrenzungen zwischen den Religionen .... Mit offenen Augen geht er an den alten Gräbern und mystischen Geheimnissen vorbei und kann zuweilen ein feines Lächeln nicht unterdrücken. Dennoch findet er manches rührend hüben und drüben. Ernste Worte widmet er den Gestalten an den Klagemauern, die es mit der Trauer ernst meinen. Wenn bei ihm trotzdem ein Ton des Zweifels und der Überlegenheit durchschlägf, so ist daran vielleicht die Erinnerung an jene Juden schuld, die bei Paukenschlägen und Gelächter das goldene Kalb oder andere Götzen verehren, dem eigenen Volke entfremdet. Wie schade, daß er nicht auch der andern Juden gedachte, die ihrer Art treu, mit zusammengepreßten Lippen von der Klagemauer weg zur Arbeit gehen, zum Errichten neuer Mauern und neuer Lebensmöglichkeiten. Auguste Hauschner: Rudolf und Camilla. (Egon Fieischel & Co., Berlin.) Die Dichterin stellt die uns aus dem in diesem Blatte besprochenen Roman „Familie Lowositz" wohlbekannten Geschwister Rudolf und Camilla in die Berliner Welt hinaus und läßt sie schuldig werden. Der Parallelismus der beiden Schicksale ist bis in Einzelheiten durchgeführt, aber mit so viel kluger Menschenkenntnis und so feiner Nuancierungskunst, daß wir den Weg jeder der beidsn Hauptpersonen als einen besondern mit regem Interesse verfolgen und die absichtliche Ähnlichkeit erst gegen den Schluß merken. Zwei Menschen, die sich von ihrer Familie loslösen möchten, um unter Fremden volles Glück zu finden. Ohne Halt leben sie in der Fremde und tragen schwer, schier unbewußt, an ihrer jüdischen Abstammung. Niemand hält ihnen ihr Judentum vor, sie verkehren übrigens meist in jüdischen oder kosmopolitischen, indifferenten Gesellschaftskreisen, allein in ihrem Innern lauert der graue Zwiespalt, der sie nicht zum Glück vordringen läßt. Ein jüdisches Erbteil ist ihre Halbheit und Haltlosigkeit. Auf beide wirkt das Fremdartige, Starke, Schöne. Für Rudolf verkörpert es sich in Ebba Sjöborg, für Camilla in Niels Johanson. Beide sind zu schwach, das angebliche Glück zu erobern, festzuhalten. Rudolf läuft Gefahr, in dem Bohemeleben unterzugehen, als Journalist sein Bestes zu verkaufen und sich dem Agenten Ehrenthal, dessen Frau seine Geliebte war, auszuliefern. Camilla vergißt Mann und Kind und gleitet hinab in den verzehrenden Halbrausch einer sündigen Liebe zu einem Mann, für den sie ein Spielzeug ist. Noch rechtzeitig rafft sich Rudolf auf, sprengt die Fesseln und geht den von der Dichterin unklar gezeichneten Weg ins Freie: Ein unabhängiger ganzer Mensch zu werden. Auch Camilla überwindet die Krisis, die bei ihr sogar zu einer ernsten Gefährdung der Gesundheit ward, und findet zu ihrem Kinde zurück.