Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1910-07-15 · 28 (15.7.1910) · page 15

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
28 (15.7.1910)
Date
1910-07-15
Page
– (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3315709-3316406-3316434--53478-3347260
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

No. 28 DIE3^[ELT 691 dem Stadium der Vorbereitungen herausgetreten ist und greifbare Gestalt anzunehmen beginnt. Der Ausschuß erledigte sodann eine Reihe geschäftlicher Dinge und erfüllte zum Schluß noch eine Ehrenpflicht der Gesellschaft, indem er mehreren Einzelforschern und wissenschaftlichen Verbänden, insbesondere dem Gesamtarchiv der deutschen Juden und dem Verbände für Statistik der Juden, Subventionen bewilligte. Von der Deutschen Konferenzgemeinschaft der Alliance Israelite Universelle Einzelne jüdische Zeitungen haben Gerüchte verbreitet, wonach die Deutsche Konferenzgemeinschaft der A. I. U. beabsichtige, sich von der Pariser Zentrale der Alliance loszulösen. Im Zusammenhange damit wurde von der bevorstehenden Demission des Präsidenten der Deutschen Konferenzgemeinschaft Justizrat Timendorfer berichtet. Das deutsche Bureau der Alliance Israelite Universelle in Berlin sendet nun der N. J. K. folgende Erklärung: „In verschiedenen Zeitungen wurde die Nachricht verbreitet, daß die Deutsche Konferenz-Gemeinschaft der Alliance Israelite Universelle beabsichtige, sich von der Zentrale in Paris loszulösen und eine selbständige deutsche Alliance zu schaffen. Ich erkläre hiermit, wie ich dies auch in der außerordentlichen Tagung in der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft am 29- Mai getan habe, daß das Präsidium und der Geschäftsführer der Deutschen Konferenz- Gemeinschaft nicht daran denken und auch nie daran gedacht haben, sich von Paris zu trennen, um die deutsche Abteilung selbständig zu machen und gewissermaßen eine deutsche Alliance Israelite Uuiverselle, unabhängig von Paris zu schaffen. Ich habe damals erklärt und bin auch noch der Meinung, daß neben dem Hilfsverein der deutschen Juden in Deutschland absolut kein Platz für eine solche selbständige Organisation ist, und daß ich als stellvertretender Vorsitzender des Hilfsvereins der deutschen Juden mein Amt als Präsident der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft sofort niederlegen müßte, falls ein solcher Plan auch nur im entferntesten von irgend einer Seite propagiert werden würde. Daß ich die Absicht hatte, zu demissionieren, entspricht den Tatsachen, ebenso wie es wahr ist, daß der Geschäftsführer Herr M.A.Klausner seine Demission gegeben hat. Die von mir beabsichtigte Demission ist einstweilen unterblieben, weil die zwischen Paris und Berlin schwebenden sachlichen Differenzen einer allseitig befriedigenden Lösung sich nähern. B. Timendorfer." Ein jüdisches Denkmal für König Eduard Die Firma Rothschild in London hat für das geplante jüdische Denkmal zu Ehren Eduards VII. £ 220.—gespendet. Die Sammlungen haben bereits die Höhe von £ 456 erreicht. Das Projekt findet eine starke Konkurrenz seitens der „Jewish Hospital Society", die die Errichtung eines jüdischen Krankenhauses im Eastend Londons propagiert. Die östlichen Juden beteiligen sich mehr an den Sammlungen für letztern Zweck, der bei den reichen Westendjuden sehr verpönt ist, da sie in ihm separatistische Neigungen sehen, obwohl ja jüdische Krankenhäuser überall auf dem Kontinent zu finden sind. Eine Versammlung der A. J. K. O. in London Dr. Alfred Nossig hält sich seit einiger Zeit hier auf und macht Stimmung für die A. J. K. O. Am 1. d. M. fand im Hotel Cecil eine Versammlung statt, an der mehrere bekannte Persönlichkeiten der hiesigen Gemeinde teilnahmen, darunter die frühern Chowewe-Zion Friedensrichter Joseph Prag und Mr. B. Birnbaum. Hauptredner waren Dr. Isidor Ginsberg aus Berlin und Dr. Nossig, der erklärte, ein A. J. K. O.-Komitee aus Regierungskreisen in Konstantinopel gegründet zu haben. Wie es scheint, wird auch hier bald eine Ortsgruppe der A. J. K. O. ins Leben gerufen werden. r?- *L^^L SPRECHSAAL =^^=: °o Jc^^ Geehrter Herr Redakteur! Die Unsicherheit von Traditionen, selbst da, wo nicht die leiseste Tendenz vorwaltet, die Wahrheit zu entsteilen oder zu färben, war von jeher ein Gegenstand besonderer Aufmerksamkeit für mich, und darum drängt es mich, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß in den Erinnerungen von Herzls Onkel in Ihrer Herzl- Gedenknummer jedenfalls ein Irrtum sich findet. Herr Max Herzl erzählt, daß bei der Barmizwah-Feier seines Neffen Oberrabbiner M ei sei erschienen sei. Diese Angabe kann nicht richtig sein, da diese Feier am 2., oder nach dem hebräischen Datum (10. Ijar) gerechnet, am 9. Mai 1873 stattfand, Meisel aber am 30. November 1867 gestorben war. Wenn in einer solchen, von jeder Tendenz und Autosuggestion unbeeinflußten Angabe ein Irrtum unterlaufen konnte, wird es mir nicht verübelt werden, wenn ich den Bericht, daß sich Herzl schon seit seiner Barmizwah mit dem Gedanken trug, etwas für das jüdische Volk zu tun, bezweifle. Ich lernte Herzl flüchtig als Studenten auf der Wiener Universität kennen, wo wir uns gelegentlich in der akademischen Lesehalle trafen, die, soweit ich mich erinnere, im Herbst 1880 aufgelöst wurde. Die Zeit war eine politisch erregte. Der deutsch-nationale Chauvinismus, der dem Ministerpräsidenten Grafen Taaffe den Krieg bis aufs Messer erklärte, war erst in den Kinderschuhen und hatte sich noch nicht zum Antisemitismus ausgereift. Georg von Schoenerer erschien bei einer von der Lesehalle veranstalteten Feier — ichi glaube zu Ehren von Kaiser Josephs Zentenarium veranstaltet — und sein treuester Herold war ein jüdischer Jurist aus Böhmen namens Aschner, dem sein Rang als Reserveleutnant wegen seiner Teilnahme an der großdeutschen Agitation aberkannt wurde. Ein kleines Häuflein, zum Teil aus slavischen Elementen zusammengesetzt, opponierte dem Bestreben, die Lesehalle der politischen Agitation für den Pangermanismus dienstbar zu machen. Ich gehörte zu ihnen aus angeborener Antipathie gegen den nationalen Chauvinismus, was ich sage, ohne mich dessen zu rühmen, denn in manchen andern wichtigen Dingen vertrat ich damals einen Standpunkt, den ich seither lange verlassen habe; Herzl stand auf der großdeutschen Seite. Ich erinnere mich genau, daß Herzl dem Judentum damals ganz kalt gegenüberstand. Damit soll dem auch von mir bewunderten großen und edeln Manne nichts Abträgliches nachgesagt werden. Er, wie wir alle, war ein Kind seiner Zeit Leon Gordoii, der an der Grenze der alten Haskalah stand, war, was man heute einen alten Assimilanten nennen würde. Die geringen Verbesserungen Alexanders II. in der Lage der Juden begeisterten ihn zu dem Gedichte: „Erwache mein Volk", in welchem er seinen Glaubensgenossen zuruft: „Sei ein Mensch auf der Straße, und ein Jude in deinen vier Wänden." (Gordons Gedichte, St. Petersburg 1884, Bd. I, S. 43—45). Der nur um wenige Jahre jüngere Peter Smolensky hat bereits eine andere Stellung eingenommen. Ich zweifle sehr, ob Hermann Cohen sein „Bekenntnis in der Judenfrage", Berlin 1880, heute geschrieben hätte. Als Treitschkes „Ein Wort über unser Judentum" erschien, ahnte man nicht, wie viele Treitschkes sich für das akademische Lehramt vorbereiten. Herzl selbst sagte in der Eröffnungsrede zum ersten Zionistenkongreß: „Wir fänden uns wohl kaum zusammen, wenn es anders wäre", d. h., wenn die Lage der Juden nicht so unerfreulich wäre. (Zionistische Schriften, p. 231.) Es geschieht daher weder dem Rufe noch der Aufrichtigkeit Herzls Abbruch, wenn man annimmt, daß seine Erfahrungen in Paris während der Dreyfusaffäre die Veröffentlichung des „Judenstaat" veranlaßten. Die Herzl-Gedenknummer ist auch ein Beweis, wie in zeitlich näher liegenden Tatsachen Berichte einander widersprechen. Dr. Chazanowitz erzählt, daß Herzl über die Annahme des Ugandaprojekts entrüstet gewesen sei; Heinrich Loewe berichtet, daß er Ostafrika als ein „Sprungbrett" für Palästina angesehen habe. Einer muß im Unrecht sein, vielleicht auch beide, wenn die Territorialisten recht haben, die behaupten, Herzl sei von der Unausführbarkeit des Palästinaplans überzeugt gewesen, als er Uganda vorschlug. Ergeben st Cincinnati, Juni 1910. Gotthard Deutsch. Anmerkung der Redaktion: Wie uns Herr Max Herzl mitteilt, beruht seine Angabe, bei der Barmizwahfeier Theodor Herzls sei Rabbiner Meisel zugegen gewesen, auf einem lapsus calami. Es war Rabbiner Kaiserling, der der Feier beiwohnte. Zu dem Kapitel „Unsicherheit von Traditionen" wäre übrigens zu bemerken, daß nicht nur Gehörtes, sondern oft auch Gelesenes durchaus unrichtig wiedergegeben wird, und zwar selbst von ernsten, peinlich sorgfältigen Gelehrten. Einen interessanten Beleg hierfür bietet z. B. die vorstehende Zuschrift des Herrn Prof. Gotthard Deutsch. In den Mitteilungen von Herzls Onkel findet sich kein Wort darüber, „daß sich Herzl schon seit seiner Barmizwah mit dem Gedanken trug, etwas für das jüdische Volk zu tun". Es wird nur berichtet, daß Herzl sich nach seiner Barmizwah sehr lebhaft und eindringlich mit dem Studium der jüdischen Geschichte beschäftigt habe. Ebenso unzutreffend ist die Angabe des Herrn Prof. Deutsch: „Dr. Chazanowitz erzählt, daß Herzl über die Annahme des Ugandaprojektes entrüstet gewesen sei." Nein, Herr Professor, dies erzählt Dr. Chazanowitz nicht. Er sagt nur, daß

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.