Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 37 (10.9.1909)
- Date
- 1909-09-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3316349-3316389--52299-3345978- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Statuten dieser Anstalten, wonach ein Schüler, der bis zum 13. Lebensjahre keine Fähigkeiten oder Neigung zum Weiterstudium zeigen soll, auf Kosten der Anstalt in einem ihm zusagenden Handwerk ausgebildet werden soll, damit er durch redliche Arbeit sein wohlverdientes Brot essen könne. Nun sollte zur Verwirklichung eines längst gehegten Wunsches der Jerusalemer Gemeinde und zum Wiederaufbau der seit dem Jahre 1721 in Trümmern liegenden Synagoge des Rabbi Jehuda Hachasid, der sogen. Churwah — siehe Anmerkung 1 — geschritten werden. Schon im Jahre 1838 unternahmen manche angesehene Männer der Aschkenasimgemeinde Jerusalems Schritte zum Wiederaufbau dieser Synagoge, allein dem widersetzten sich damals die Chalukkahvorsteher Rabbi Akibah Lebren in Amsterdam und Rabbi Moses Sofer in Preßburg mit der Begründung, daß durch die für den Bau dieser Synagoge in Europa veranstalteten Sammlungen die Chalukkah gestürzt werden und die zum großen Teil auf diese angewiesenen Juden Jerusalems dadurch leiden könnten. Erst im Jahre 1857 wurde der Plan der Wiederaufrichtung dieses. Gebäudes wieder aufgenommen, und dank den Bestrebungen Moses Montefiores gelang es Rabbi Samuel Salant und seinen Genossen, mit Hilfe der englischen Regierung die Baubewilligung zu bekommen, wodurch an Stelle der einstigen Churwah der Bau der heute größten und prächtigsten Synagoge Bet Jacob (oder wie sie bis heute aus Pietät genannt wird „Churwah"), mit Hilfe zahlreicher Spenden im Jahre 1864 zu Ende geführt und unter Jubel der ganzen jüdischen Bevölkerung Palästinas feierlich eingeweiht wurde. Das Bauterrain, auf dem sich die Synagoge und die daran grenzenden Talmudschulen befinden, ist ein uraltes. Schon Nachmanides (Ramban) berichtet im Jahre 1227, daß er auf dieser Stelle ein antikes Gebäude mit Kuppeln und Granitsäulen vorgefunden. Als man im Jahre 1858 beim Bau der Synagoge damit beschäftigt war, die hohen, an dieser Stelle aufgehäuften Schutthaufen zu entfernen, stieß man auf ein Stück einer antiken — wahrscheinlich aus jüdisch-herodianischer Zeit stammenden — Granitsäule. Rabbi Samuel Salant erbat sich, daß ihm dieser Säulentrümmer einst nach seinem Ableben als Grabstein auf seine ewige Ruhestätte aufgestellt werde, welche Bitte natürlich nicht abgeschlagen wurde. Seit damals ruhte dieser Stein auf offener Straße, gegenüber dem Synagogeneingange, seiner Bestimmung harrend. Ein ganzer Legendenkranz wurde im Volksmunde um diese Säule gewoben, die mit einer gewissen mystischen Pietät einem jeden Fremden gezeigt wurde. Als ich auf meiner diesjährigen Palästinareise mich einige Zeit in Jerusalem aufgehalten, wollte ich es mir nicht nehmen lassen, Rabbi Samuel Salant, dessen Name mir aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde Jerusalems aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts* fast schon historisch legendär zu klingen begonnen, aufzusuchen. An einem Sonnabendnachmittag machte ich mich auf den Weg zu ihm. Eine schmale, fast baufällige Treppe im Hofe seines Wirkungskreises der Talmudschulen in der nächsten Nähe der „Churwah", führte mich in seine enge, mehr als primitiv eingerichtete Wohnung. Ich traf ihn auf seinem Bette schlafend. Was da auf dem Bette atmend lag, war kein Bild eines lebenden Menschen. Der kleine Kopf mit der üblichen spezifisch palästinensischen, weiß gestickten Zwirnkappe bedeckt; ein weißer Bart umrahmte das zarte, von einer fast durchsichtigen, dünnen Pergamenthaut bedeckte Gesicht. Das Ganze schien ein zu Geist gewordener, in eine durchsichtige Materie sich hüllender Körper. Die im Zimmer anwesende Frau wollte den Schlafenden wecken, da der Rabbi befohlen habe, ihn zu wecken, sobald Gäste kommen sollten. Ich verbat mir das aufs entschiedenste und versprach, später wiederzukommen. Als ich nach einigen Stunden wiederkam, traf ich ihn über mein Wiederkommen sichtlich erfreut, mich auf seinem Stuhle erwartend. Die Unterhaltung ging ziemlich schwer. Seine Sinne schienen unter der Last der arbeitsreichen 94 Jahre stark mitgenommen worden zu sein. Als ich unter anderm unser Gespräch auf die Tätigkeit der modernen Kolonisation Palästinas gelenkt hatte, sagte er mir: „Ich bin zu alt, darüber zu urteilen, geschweige denn mitarbeiten zu können, aber das will ich Ihnen kurz sagen: Gott segne jede Arbeit, die geeignet ist, 'die Lage unseres Volkes im heiligen Lande unserer Väter zu fördern und zu stärken!" Nun hat er die altersschwachen, müden Augen für immer geschlossen. Mit ihm ist einer der heute fast nicht mehr wiederzufindenden Typen der edlen, schwärmerischen Pioniere des alten Ischub zu Grabe getragen worden. Er ruht inmitten der vielen Edlen und Frommen, mit dem ewigen Blick zur Stätte des verwüsteten, aber noch immer heiligen Bet-Hamikdasch gerichtet, in der geweihten Erde des Har-Hazeitim, um beim ersten Erschallen der Posaune, die einst die Erlösung des jüdischen Volkes am Berge Zion verkünden sollte, als Erster die wiederaufgerichtete Herrlichkeit Judas in Zion zu schauen. . . . Die seit fast zweitausend Jahren in Trümmern unter den Ruinen der „Churwah" schlummernde jüdische Granitsäule wird nun wieder aufgerichtet. . . Dr Samuel Rappaport „Wissenschaftliches" über die Juden in Rumänien Im Verlage Delegrave (Paris) ist vor kurzem ein kleines Büchlein erschienen, das den schlichten Titel führt: Les Roumains. Es stellt eine Sammlung von Vorlesungen dar, die A. D. Xenopul, Professor der allgemeinen Weltgeschichte und Soziologie an der Universität Jassy, im Wintersemester 1908/09 am College de France, dem höchsten wissenschaftlichen Institut Frankreichs gehalten hat. Dies kleine Werkchen, das (ich will es schon hier vorwegnehmen) den Produktionen des sogenannten wissenschaftlichen Antisemitismus sich würdig anreiht, ist für die Zionisten und besonders für die rumänischen Zionisten nicht ohne Interesse. Xenopul nimmt bekanntlich in der antisemitischen Bewegung Rumäniens eine eigenartige Stellung ein. Er steht abseits vom großen Haufen der Judenfresser, hält sich fern von seinem Bukarester Kollegen Jorga, der in wissenschaftlichen Kreisen nicht mehr ernst genommen wird, und treibt ä la Chamberlain wissenschaftlichen Rassenantisemitismus (siehe sein Werk: „Theorie de l'Histoire"). Wir würden uns aber nicht veranlaßt fühlen, über dies wissenschaftliche Gerede in einem zionistischen Blatte zu berichten, wenn der Pseudogelehrte nicht eine neue — ich möchte sagen — zionistische Idee in sein System aufgenommen und auf seine Weise verarbeitet hätte. Diese Idee besteht darin, daß im Rivalitätskampf der Mächte im Orient den Juden eine entscheidende Rolle zuzuweisen ist. Die Juden müßten, wenn sie in Palästina angesiedelt sind — so hoffen auch die nichtjüdischen Freunde unserer Bewegung —, dazu beitragen, daß das Gleichgewicht der Mächte konstant bleibt. Xenopul eignet sich diesen Gedanken der schiedsrichterlichen Stellung der Juden an. Er geht sogar noch weiter. Nach seiner Ansicht ist es nicht bloß den künftigen Ansiedlern Palästinas vorbehalten, den Frieden im Orient aufrecht zu erhalten, auch die gegenwärtigen Einwohner der Türkei und der Balkanstaaten haben es in ihrer Hand, den Sieg oder die Niederlage einer Großmacht — allerdings nur im ökonomischen Kampfe — zu entscheiden. Welchen Gebrauch machen nun die Juden aus dieser ihrer Macht? fragt Xenopul. Welche Stellung nehmen sie besonders in seinem engeren Vaterlande Rumänien ein? Rumänien ist seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts das ökonomische Kampffeld zwischen Frankreich und Deutschland. Deutsches Geld, deutsche Unternehmer dringen immer mehr ins Land ein, und die Franzosen, deren Unternehmungsgeist im allgemeinen nachgelassen hat, weichen zurück, werden von den Exploitationen, wie derjenigen des Petroleums, verdrängt. Wie verhalten sich nun die Juden in diesem deutsch-französischen Kampfe? Wer die ökonomische Entwicklung Rumäniens kennt, der weiß, daß trotz aller Hemmungs- und Ausnahmegesetze, die den „Fremden" auf Schritt und Tritt begegnen, die Juden das eine unbestreitbare Verdienst sich erworben, daß sie einen Teil des Landesreichtums neutralisiert (ich will nicht sagen nationalisiert) haben. Ohne die Juden wäre das Land in Ermanglung einer eigenen kommerziellen und industriellen Generation den fremden Eindringlern vollständig verfallen. Dadurch, daß die Juden sich dem Handel und der Industrie gewidmet haben, haben sie nicht bloß zu deren Blüte beigetragen, sondern sie haben vor allem einen großen Teil dieser wichtigen Zweige des Volksreichtums vor den Klauen der fremden Unternehmer und Spekulanten gerettet. Und noch mehr: In dem Ringen zwischen den Kapitalisten verschiedener Nationalitäten ist durch die Neutralisierung eines großen Handels- und Industriegebiets ein gewisses Gleichgewicht entstanden. Die Rumänen haben daraus einen großen Vorteil gezogen. Sie haben Zeit gewonnen, ihre eigenen Kräfte und Kapitalien zu sammeln, um selbst in den Kampf einzutreten. Sie richteten aber ihre Angriffe nicht gegen die übermächtigen Kapitalisten des Auslands, sondern sie drangen im Sturm gegen die schwachen Stellungen der Juden vor, denen sie durch eine Vermehrung der bestehenden Ausnahmebestimmungen (man denke an das Gesetz über den Prozentsatz der jüdischen Angestellten) oft auch durch rohe Gewalt beikommen konnten. Und so begann denn die sogenannte Nationalisierung des Landesreichtums, deren Folgen wir hier nicht aufzuzählen brauchen, da die jüngsten Leiden der rumänischen Juden noch frisch im Gedächtnis sind.