Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 37 (10.9.1909)
- Date
- 1909-09-10
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3315709-3316349-3316389--52300-3345979- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
812 DIE^ELT No, 37 Xenopul kann die Verdienste der Juden um die Entwicklung des Landesreichtums nicht ableugnen, aber er wendet alle Mittel und Deutungskünste an, um den Konsequenzen aus dem Wege zu gehen, die sich aus der geschilderten Entwicklung für die Stellung der Juden in Rumänien ergeben. Vor allem strebt er danach, den Haß der Franzosen gegen die rumänischen Juden dadurch zu entfachen, daß er dieselben für den Rückgang des Handels und des politischen Einflusses von Frankreich verantwortlich macht. Der deutsche Einfluß macht sich auf allen Gebieten des politischen, kulturellen und ökonomischen Lebens geltend. Wem verdankt Deutschland sein aktuelles Übergewicht? Xenopul sprach es an der höchsten Stätte der französischen Wissenschaft aus: den Juden. Und zwar nicht etwa den deutschen Juden, die ihr Geld in abenteuerliche Unternehmungen gesteckt haben, nicht etwa dem Hilfsverein der deutschen Juden, sondern den Juden des Orients, und was sein engeres Vaterland betrifft, den Juden Rumäniens., Denn was sind diese Juden alle! Doch nur „Deutsche". „Sie sind alle österreichischen Ursprungs", heißt es wörtlich, „und sprechen deutsch". Die Rumänen wollen natürlich das germanische Vordringen aufhalten, sie wünschen nichts sehnlicher, als daß das Prestige der Schwesternation von Tag zu Tag größer wird, aber sie stoßen auf Widerstand, auf den Widerstand der Juden. Darin besteht die eigentliche Judenfrage in Rumänien. „Cest sur cette Opposition (ich muß wörtlich zitieren, sonst würde man es für unglaublich halten, daß das im College de France als Wissenschaft „gelehrt" wurde) ä l'omnipotence allemande, que se greffe la question israeJite en Roumanie, motiviee par le trop grand nombre de Juifs." Und ein paar Zeilen weiter wird es wiederholt, daß die Juden „den Vorposten des deutschen Einflusses bilden, den die Rumänen in ihrem politischen und ökonomischen Leben erfahren. Denn die Umstände sind so, daß sie nicht geändert werden können", (offenbar eine Anspielung auf die deutsche Dynastie). Und den Schluß dieser merkwürdigen „wissenschaftlichen" Vorträge bildet ein Appell an Frankreich, ein Appell, auf den eigentlich die ganze Lehre zugespitzt war. „Frankreich möge gut überlegen, ob es in seinem Interesse liegt, ein Volk, dessen ganzer Geist nur ein Reflex des französischen Denkens ist, .... zur Germanisation zu drängen." Die Absicht ist klar. Es soll jede private oder offizielle Intervention vereitelt werden, die vielleicht zugunsten der rumänischen Juden unternommen werden könnte. Es scheint auf den ersten Blick unbegreiflich, daß ein Mann wie Xenopul am College de France, das die Blüte der französischen Wissenschaft vereinigt, semesterlang solch ein Gerede als die letzten Ergebnisse der „freien Forschung" hat vortragen können. Das Rätsel wird nur gelöst, sobald man den Charakter des Gelehrten studiert und seine Beziehungen in Paris kennen lernt. „Man täuscht sich' eben im Leben," sagte mir ein Professor, der nicht wenig zu Xenopuls Berufung beigetragen hat. Und Xenopul versteht zu täuschen, — Freund und Feind, er versteht auch liebenswürdig und „liberal" zu sein, besonders im Ausland, wo seine meisten Freunde und Gönner Juden sind (er selbst ist jüdischer Abstammung). Jedoch wir geraten ins Gebiet des Persönlichen, und Herr Xenopul, der mir vor kurzem über seinen großen Erfolg in Paris berichtet, verlangt von einem Historiker und Kritiker Objektivität, Leidenschaftslosigkeit, ganz wie der Jude Spinoza, „als ob es sich um Flächen und Linien handeln würde". Dr. phil. Asra Berko witz f□□□□□□ o >> O FEUILLETON □ O SLICHES-RUFEN Ein Krakauer Bild von Otto Abeles (Wien) „Jidalach, Jidalach Kuschere heilige Jidalach, Steihets auf, steihets auf, Zu Awoidas Haboire!" Kennt ihr das Schicksalsmotiv aus Beethovens fünfter Sinfonie und den strengen Ernst der Bachschen Ciaconna? Hat euch schon einmal die Heiligkeit der ersten Takte des Lohengrin-Vorspiels ergriffen und die Traurigkeit des Qefangenenchors aus dem „Fidelio?" Rührte euch schon Mirjams Gebet in Goldmarks „Königin von Saba", wenn sie Jehovah die weiße Taube opfert? Erschloß sich euch schon die tränenfeuchte Innigkeit eines Mendelssohnschen Gondelliedes, und bezwang euch schon einmal das erschütternde Pathos des Chopinschen Trauermarsches? So streng und heilig ernst, so bezwingend innig und so voll trauriger Hoheit erklingt das Sliches-Rufen des Krakauer Nachtwächters in der ersten Slichesnacht. Lautlos sind die Gassen. Der Herbstnebel hat die zarten Stimmen der Nacht erstickt. Nicht einmal das kosende Rauschen der Weichsel ist vernehmlich. Da klingt sein schwerer harter Schritt durch die Stille, wie das gemessene Schreiten eines Präludiums. Und nun hebt im Takt dieser Schritte sein Baßgesang an, in vollem Forte, als gelte es, rasch und fest ans Herz zu greifen. Die alte, längst gerostete Stimme, die sonst eintönig die Stunden ruft, erwärmt sich an der wundersamen A^elodie und leuchtet auf wie die blinden Scheiben der „hoichen Schul", wenn sie die Abendsonne trifft. „Wachet auf, ihr Treuen, und rüstet euch zum Jaum- Kippur, denn kurz ist die Zeit und steinig der Weg der Buße!" „Erhebet euch, ihr Frommen, denn schwer ist die Last der Sünden, die diese Stadt drückt!" „Höret mich, ihr stillen Frauen, deren Kinder in eine fremde, gottlose Welt zogen und fremd und gottlos heimkehrten, höret mich, ihr alten verrunzelten Gäßchen und Winkel, die der öde Schatten der aufgetürmten Zinshäuser verdüstert: Euer ist diese kostbare Stunde!" Und das alte treue Krakau horcht auf. Seit langem schon zieht es sich nach dem Jaum-Kippur in die Hinterhäuser mit den Holzgängen und den schiefen Fensterchen zurück und verschanzt sich hinter den geliebten Büchern gegen das fremde, treulose Wesen einer neuen Zeit. Wenn aber wieder die Slichesnächte kommen und die ersten Takte dieser wundersamen Melodie rührend in Moll aufsteigen, reckt es sich auf mit heiliger Kraft und drängt mit jugendlichem Arm die kalte neue Zeit hinüber in die kalten neuen Straßen. In der „Hohen Gaß", wo zwischen uraltem Gemäuer, an der Seite der hochberühmten „Ramuschul" ein winziger Friedhof lehnt, beginnt das Wunder zu wirken. Dort ist unter Efeu und Immergrün das Kleinod des alten jüdischen Krakau bewahrt. Reb Moische Isserl ruht hier, der Glückliche, der am Lag Baomer starb. Das Hügelchen ist dicht mit Wunschzetteln bedeckt, die gläubige Hände in heimlicher Dämmerung hier niederlegten, damit der heilige Ramu für sie dort oben bitte. Tausend Wünsche liegen hier nebeneinander, Kinder der Sehnsucht, der Liebe, der Armut, der Sorge, und wohl auch schon des Zweifeins . .. Diese verwitterten Papierblättchen rauschen im Morgenwinde auf: Das alte Krakau beginnt zu atmen.