Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 37 (10.9.1909)
- Date
- 1909-09-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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810 DIES höchsten Funktionen. Niemand kann uns von außen etwas aufdrängen; wir sind die Meister unserer Geschicke. Der Kongreß ist souverän, und eben weil er souverän ist, darf er sich auf keinem einzigen Punkte durch ein übereiltes Vorgehen in irgendeinen Hazard stürzen, sondern muß jene Mäßigung, Zurückhaltung und weise Vorsicht an den Tag legen, die einem Souverän gebührt — keine Liebedienerei, aber auch keine müßige Streitsucht. Dieser Qeist muß schon jetzt die Wahlarbeit beleben. Zunächst soll die größte Energie darauf gerichtet werden, daß der Kongreß so zahlreich als möglich beschickt werde. Jeder zionistische Kongreß ist ein Ruf an das allgemeine Judentum, ein Ruf der Bitte und der Warnung: hier ist der Aufbau, hier — die Wiedergeburt, hier fällt ein Strahl von Licht in die verhüllte Zukunft des jüdischen Stammes! Auf jedem Kongreß soll man nicht nur die alten, bewährten Freunde, sondern auch neue Gesinnungsgenossen sehen. Der Zionismus ist nicht dazu bestimmt, in abgezirkelte Formen eine gewisse Partei im jüdischen Volke einzuzwängen, sondern seinen Geist auf die Gesamtheit ausstrahlen zu lassen. Da nun jetzt die nationale Stimmung mehr die Gemüter beherrscht und da Palästina im Vordergrunde des allgemeinen Interesses steht, so können wir erwarten, daß auch die Zahl der Delegierten eine größere sein wird. Natürlich hängt das einzig und allein von der Tüchtigkeit der Arbeit in den verschiedenen Landsmannschaften ab. Außer einer größern Frequenz werden jetzt alle Bestrebungen unserer Partei in all ihren Schattierungen dahin gehen müssen, den bevorstehenden Kongreß würdig und grandios zu gestalten. Es wird dies der erste zionistische Kongreß sein, der nach dem schicksalsreichen Wendepunkt in der Türkei zusammentritt. Wie eine Fanfare klang die Freiheitskunde durch alle Länder und vielleicht mehr als überall durch das Land unserer Sehnsucht. Wenn je eine weise und gründliche Politik notwendig war, so ist es jetzt. Wenn es je nötig war, einen zahlreich und.gut beschickten Kongreß zu veranstalten, so ist es jetzt. Der Kongreß ist kein äußerliches Schau- und Prunkstück. Die wichtigsten Aufgaben harren einer Beschlußfassung. Er muß an viele Probleme, von denen manche nicht breitgetreten werden dürfen, in gebührender Form herangehen; die Sachlage stellt ihn vor die dringende Notwendigkeit verschiedener Maßnahmen und Reformen. Gehen wir an die Arbeit! N. S. Rabbi Samuel Salant s. A. (Ein Kulturbild der Jerusalemer Aschkenasim aus der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts.) Ein Veterane des alten Jerusalem ist aus dem Leben geschieden. Wie die aus Jerusalem gekommene Nachricht berichtet, verschied am 15. v. M. der ehrwürdige Oberrabbiner der Aschkenasimgemeinde in Jerusalem, Rabbi Samuel Salant, im Alter von mehr als 90 Jahren. Eine alte ehrgebietende Erscheinung von lauterem kristallreinem Charakter, die jedem Achtung und Ehrfurcht einflößen muß. Fern vom Getriebe der kleinlichen, unter den Jerusalemer Juden leider immerfort herrschenden Zänkereien und Intriguen, lebte er sein langes tatenreiches reines Leben, gewidmet den drei Idealen: dem Studium und Pflege der Torah, der Wohltätigkeit und der sozialen Stärkung der jüdischen Ansiedlung im heiligen Lande. Seit fast 70 Jahren ist die Geschichte der jüdisch-aschkenasischen Gemeinde in Jerusalem eng mit dem Namen des Rabbi Samuel Salant verknüpft. Aus Rußland stammend und schon als Kind durch seine Gelehrsamkeit glänzend, kam er 1841 blutjung nach gELT - No. 37 Jerusalem, auf Veranlassung seines Verwandten und seines in der Jerusalemer Gemeinde angesehenen Schwiegervaters Rabbi Sundel Salanter, wo er bald die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich lenkte und durch unermüdliche Tätigkeit auf talmudisch gelehrtem, schul- und sozial-wohltätigem Gebiete stets in Einfluß und Achtung steigend, bald zum Rabbiner und endlich zum Oberrabbiner der Aschkenasim in Jerusalem gewählt wurde. Zur Linderung eines Brustleidens, das ihn in seinen jungen Jahren in seiner Heimat in Rußland befiel, empfahlen ihm die Ärzte, ein wärmeres Klima aufzusuchen. Das nächste warme Klima, das für den jungen Samuel Salant nach dessen Überzeugung in Betracht kommen konnte, war das Land seiner Väter, das Land, „dessen Sonne kranke Seelen und kranke Körper heilt". Er täuschte sich nicht! Ungeachtet der ungeheuren Schwierigkeiten und der unsäglichen Gefahren, die damals mit einer Reise vom Norden Rußlands bis zu den Gestaden Jaffas verbunden waren, landete er im Jahre 1841 in Palästina, wo es ihm vergönnt war, 68 Jahre ununterbrochen für die jüdische Lehre und jüdische Wohltätigkeit segensreich zu wirken und hochbetagt, geachtet und hochgeehrt ein Leben der Gerechten zu beschließen. Er war ein Typus der heute fast nicht mehr wiederzufindenden Rabbinen aus alter Zeit, deren Wesen durch stetes Studium und Sichvertiefen in unsere Literatur ganz vergeistigt war, durch deren Strahlen im Ghetto jenes heilige Feuer erhalten wurde, das uns vor Tod und nationalem" Untergang bewahrte. . . . Er war zu alt und zu sehr in der alten talmudischen Literatur und alten Weltanschauungen aufgegangen, als daß er den frischen und kräftigen Pulsschlag der Jung-Juden verstehen könnte. Und doch war ihm alles, was zur Förderung und Kräftigung der jüdischen Position und der Kolonisation in seinem geliebten Erez Israel beitragen konnte, heilig und erfreute sich seiner Unterstützung, natürlich soweit er sie mit seiner Überzeugung in Einklang bringen konnte, was ihm nicht selten von Seiten der finstern Jerusalemer Chalukkahmächte nicht wenig verübelt wurde. So z. B. schloß er sich fast immer denjenigen Rabbinen an, die durch sinngemäße, verständige Deutung der Gesetze manche religiöse Schwierigkeiten, die mit der jüdischen Landwirtschaft in Palästina verbunden waren, (wie z. B. Schmitah usw.) und die dieser verhängnisvoll werden könnten, behoben. Er soll auch einer der Hauptanreger gewesen sein, durch deren Initiative im Jahre 1879 durch Jerusalemer orthodoxe Juden bei Jaffa Boden zur Gründung der Kolonie Petach Tikwah, der ersten und heute größten Kolonie in Palästina, angekauft wurde. Neben den vielen Wohltätigkeitsstiftungen, wie das Hospital Bikur Cholim, Volksküche usw., die Rabbi Samuel Salant mit andern Gleichgesinnten zur Linderung der schrecklichen Not unter der jüdischen Bevölkerung Jerusalems ins Leben gerufen und bis an sein Lebensende geleitet hat, schenkte er in erster Linie der Regelung und systematischen Einführung des Talmudunterrichts für die jerusalemer Jugend seine volle Aufmerksamkeit. Zwar hat es in Jerusalem einige sogen. Talmud-Torahs gegeben. Aber mangels Aufsicht sowie infolge des regellosen Chaos, das in diesen kleinen, voneinander getrennten Schulen herrschte, konnte. von einem systematischen Unterricht nicht gut die Rede sein. Unterstützt von mehreren Gleichgesinnten, schritt Rabbi Samuel Salant im Jahre 1850 dazu, auf dem seit dem Jahre 1596 wüst stehenden Territorium der Aschkenasim in der Nähe der sogen. Churwah (Ruine) des Rabbi Jehudah Hachasid l) eine im großen Stile angelegte Talmudschule ins Leben zu rufen; ein Schritt, der zur damaligen Zeit, als die Jerusalemer Jugend durch Mangel an regelmäßigem Unterricht arg verwildert war, in einer Zeit, wo von einem modernen Unterricht nicht gut die Rede sein konnte (die erste moderne — Lämelsche — Schule wurde von L. A. Frankl erst 1855 in Jerusalem gegründet, und war wegen ihres für jene Zeit allzu fortgeschrittenen Geistes in konservativen Kreisen nicht sehr beliebt), von weittragender pädagogisch-erzieherischer Bedeutung sein mußte. Durch eine Sammlung, die er persönlich auf einer Reise nach Rußland im Jahre 1850 unternommen und durch mehrere Fundationen gestützt, gelang es ihm nach mehreren Jahren, das von ihm ersehnte Werk, die Talmud-Torah sowie die Jeschiwas Eiz chaim — deren Lehrplan dem heutigen Zeitgeiste nicht mehr ganz entsprechen, für die damalige Zeit aber einen bedeutenden Fortschritt bezeichneten — in großen, immerwährend wachsenden Räumen untergebracht zu sehen.2) Recht bezeichnend sind die Absätze (Absatz XXI) der *) Auf dem schon durch Nachmanides seit dem Jahre 1227 bekannten Synagogenterrain der Aschkenasim in Jerusalem baute eine mystisch-kabbalistische Gruppe aus Rußland unter der Leitung des sogen. Rabbi Jehudah Hachasid aus Siedlec (Qouvr. Grodno) im Jahre 1690 eine Synagoge, die aber infolge des Todes des Führers sowie verschiedener Unruhen bald in Trümmer verfiel. Dieser Platz wird bis heute — trotzdem sich jetzt auf dieser Stelle eine prächtige Synagoge erhebt — Churwah Rabbi Jehudah Hachasid oder schlechtweg „Churwah" (Ruine) genannt. a) Das Geld zum Bau des Bet-Hamidrasch Lemaan Zion wurde zum groljen Teil in Deutschland im Jahre 1857 auf Grund einer Erlaubnis König Friedrich Wilhelms IV. aufgebracht