Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 24 (10.6.1904)
- Date
- 1904-06-10
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3315709-3316073-3316098--45812-3340637- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 14 „bis $ Welt" Nr. 24 Selbstmord eines hebräischen Schriftstellers. In Odessa beging der junge hebräische Schriftsteller Elias Meidanik am zweiten Tage des Schebuothfestes einen Selbstmord, indem er eine Opiumlösung trank. Am nächsten Tage erlag er der Vergiftung. Meidanik trat 1900, im Alter von 18 Jahren, in der Literatur auf und schrieb einige Skizzen im „Haschiloah" und „Olam katan", von denen manche ein hoffnungsvolles Talent verraten. Ueber sein Leben werden in der jüdischen Presse sehr knappe aber recht traurige Mitteilungen gemacht. Im Alter von 15 Jahren kam er nach'Odessa in der Absicht, sich für das Gymnasium vorzubereiten, allein er rnusste sein Vorhaben aufgeben, nachdem er ein Jahr lang in grösser Not gelebt hatte, da seine Mittel nur in 5 Rubeln monatlich bestanden, die ihm seine Eltern schickten. Er verliess Odessa, kehrte aber nach einem unsteten Aufenthalte in anderen Städten dahin zurück, in der Absicht, sich von hier nach Palästina zu begeben. Freunde rieten ihm von dieser Reise ab; er verheiratete sich in Aratow und kam anfangs Mai wieder nach Odessa, wo er sich zu einem Examen als „Hauslehrer14 vorbereiten wollte. Niemand konnte ahnen, dass der junge Mann, der sich mit keiner Miene verriet, an einen Selbstmord denke. Einem Odessaer Schriftsteller las er einige Tage vor dem Tode eine Skizze vor, in welcher er die letzten Augenblicke eines Selbstmörders schildert, aber sein Gesichtsausdruck liess nicht im geringsten darauf schliessen, dass der Autor mit dem Helden etwas gemein habe. Erst aus einem hinteriassenen Briefe erfuhr man, dass sich Meidanik seit den traurigen Ereignissen in* K i s c h e n e w, die ihn tieferschüttert hatten, mit Selbstmordgedanken beschäftigte, die ihn schliesslich im Alter von 22 Jahren in den Tod trieben. Traurig ist die Tatsache, die dem „Fraind* aus Odessa mitgeteilt wird, dass zum Leichenbegängniss nicht mehr als 5 Personen, nämlich "seine Frau, deren Vater, zwei Freunde und der Schriftsteller A. L. Lewinski erschienen. „So lebte und endete und so wurde in Odessa zu Grabe getragen ein junger hebräischer Dichter!" schliesst der wehmutsvolle Nachruf in dem genannten Blatte. B. Bücher- und Zeitschriften-Rundschau M. Grunwald: Portugiesengräber auf deutscher Erdo. Beiträge zur Kultur- und Kunstgeschichte* Hamburg U>01 (Alfred Jansen). In Altona, der emsigen Handelsstadt, steht ein alter Friedhof der portugiesischen Juden. Alte Steine, die die Asche längst verstorbener Generationen bergen. Und auf den Steinen sind halbverwischte Namen und Inschriften eingegraben, die den wissenslustigen Nachkommen Kunde bringen vom Leben, das einst in der freien Stadt Hamburg und in den Nachbar- und Vorstädten Altona und Glueckstadt unter den portugiesischen Juden wogte und blühte. Ein kundiger Entzifferer, Dr. Max Grunwald, befasste sich mit der Aufgabe, die Steine zu befragen und von ihnen Aufschluss über die Vergangenheit zu erhalten. Und seine Aufgabe ist ihm zum grossen Teil gelungen. Das vorliegende Buch ist eine auf Grund der in den Gemeindebüchern, Inschriften und sonstigen Zeitdenkmälern enthaltenen Materialien verfasste Geschichte der portugiesischen Juden in Hamburg, Altona und Glueckstadt. Und wie der Verf. in der Vorrede betonte, handelt es sich um Portugiesengräber, denn die portugiesische Gemeinde in den genannten Orten ist beinahe gänzlich zusammengeschmolzen. Im Jahre 1652 war der erste Grundstein gelegt. Portugiesische Juden aus dem schönen Lande am Minho und am Duero kamen nach der freien Handelsstadt Hamburg. Zuerst als Katholiken verkleidet, dann frei und offen sich zum Glauben ihrer Väter bekennend. Dann kamen neue sephardische Juden hinzu, aus dem benachbarten Holland und aus der Türkei, aus Marokko u. s. w. Die klingenden, ritterlichen, romantischen Namen der CardoFO, Nunez, Mendes, Rodriguez, der Fidalgo und Da-Costa, Teixeira und Pertira ertönen in den Strassen von Hamburg und die herrliche Sprache des Camoes wird in den Häusern der portugiesischen Juden weiter gesprochen, wie dort in der schönen Heimat, die noch im Jahre 1739 Juden verbrannte. Die portugiesischen Juden lebten in vollständiger Isoliertheit und kamen i^ keinerlei Berührung mit den hochdeutschen Juden, oder wie man damals zu sagen pflegte, mit den Juden „hochdeutscher Nation". Und da die portugiesischen als Vermittler zwischen den pyrenäischen Ländern und Hamburg den Handel der Hafenstadt stark förderten, wurden si«» vom Senat auch besser behandelt und berücksichtigt. Sie waren der Stadt nützlich und deshalb schützten sie die Behörden vor den Verfolgungen der Geistlichen und des Pöbels. Sehr gut ging es übrigens den portugiesischen Juden in Hamburg nicht. So lautet der Gesetzesartikel über die Juden vom Jahre 1650: „In der Stadt sollen Sie keine Häuser auf ihren Namen eigentümlich besitzen, oder schreiben lassen, auch sich befleissigen, dass sie an einem oder anderen Orte in der Enge und deren Gassen, die sie itzo gemeiniglich wohnen, so viel möglich sich beisammen halten mögen." Die portugiesischen Juden waren zumeist Kaufleute. Es wurden ihnen vom Senat „iüO Makler" bewilligt. Sie waren auch Schiffsbauer, Marketender und Handwerker. Wir bekommen einen Einblick in die wirtschaftlichen Verhältnisse der Juden des 17. und 18. Jahrhunderts. So zum Beispiel sehen wir, dass von den „720 Paar" hochdeutschen Juden nach Abzug der Armen 72 Kaufieute, 278 Handelnde, 136 Hausierer, 46 Wechsler, 30 Arbeitsmänner, 28 Gelehrte u. s. w. sind. Es wäre eigentlich eine sehr verdienstvolle Aufgabe, das Leben der spanischen Juden in Europa näher zu studieren. Das vorliegende Buch ist leider zu fragmentarisch gehalten. Es berücksichtigt auch wenig die kulturellen Verhältnisse, die literarische Tätigkeit der portugiesischen Juden. Gab es nicht auch unter ihnen einen Antonio Enriquez Gomes, einen Daniel Lopez Lamuna, einen derjenigen schwermütigen Dichter, von denen Kayserling erzählt? Und wenn nicht mehr, warum? Was hat den kulturellen Verfall der spanischen Juden herbeigeführt? Diese Frage heischt noch ihre Antwort, in diesem Buche finden wir nicht den Verbuch, sie zu geben. Cor. * * * Im letzten Hefte (VIII) des H "I i £ H finden wir eine interessante Notiz des Redakteurs Hr. J awetz, betreffend die hebräische Benennung der Wochentage, die wir unseren hebräisch schreibenden und sprechenden Lesern zur Beachtung empfehlen möchten. Bekanntlich haben die Tage der Woche mit Ausnahme des Sabbath im Hebräischen keine eigenen Namen, sondern sie werden durch die Ordnungszahlen bezeichnet. So heis t z. B. Sonntag: der erste Tag, Montag der zweite Tag der Woche u. s. w. Es ist dies nicht allein dem Hebräischen, sondern auch dem viel wortreicheren und als lebende Sprache gesprochenem Arabisch eigen. Einst, in uralter biblischer Zeit hatten auch die Monate keinen Namen und wurden ebenfalls durch die Ordnungszahlen bezeichnet. Wohl finden sich in der Bibel vier Monatsnamen, die aus den Naturerscheinungen zu erklären sind, die aber später verschwanden und anderen Namen Platz machten, von denen einige erst in späteren biblischen Büchern aus der Zeit des babylonischen Exils vorkommen. (Esther, Zacharia, Esra, Nehemia) und nach talmudischer Tradition babylonischen (chaldäischen oder altpersischen?) Ursprunges sind. Jawe tz weist nun nach, dass sich im jerus. Talmud (Maaser scheni IV, 2) für den Freitag die Bezeichnung KrCHJ7 findet, die zwar äusserlich aramäische Form hat, inhaltlich aber ganz dem hebräischen fOttf entspricht. Aber auch für die anderen Tage findet er im jüdischen Schrifttum Namen, die sich sehr wohl für den Gebrauch eignen würden. Das Targum zu Esther nämlich gibt an, Esther habe an jedem Tage der Woche eine andere Zofe gehabt, die einen dem Tage entsprechen den Namen führte. Es dedienten sie der R,eihe nach ^ruli"! (Schöpfungstag), Xn^pln (Himmelsgewölbe), xn*fiti (v°n p=Flora), KmirU (Licht), tfJVw'rfn (Tiere und Gewürm). Diese Namen sind geeignet, die Tage der Woche zu bezeichnen, sei es unter Beibehaltung der aramäischen Formoder mit Hinweglassung des als status emphaticus, wodurch sie eine gut hebräische F^orm bekämen. Wir hätten dann folgende Bezeichnungen : Sonntag nblfb Montag rP^pH* Dienstag Mittwoch fTHinj» Donnerstag rPt#ui*l> Freitag JT21-)J7» Sonnabend rDttf* Es wäre dies eine Bereicherung der hebräischen Sprache, die zumindest soviel Berechtigung hat, wie manche andere Neuerung, die sich selbsWin Fällen eingeschlichen hat, wo wir gut hebräische Bezeichnungen hatten. Dass diese Namen aramäischen Ursprunges sind, verstört nicht gegen ihren Gebrauch, da ja auch die Namen der Monate nicht hebräischen Ursprunges sind und kein Hebräer auf dieselben aus puristischten Bedenken zu verzichten imstande wäre. Es gibt Sätze, in denen ein eigener Name eines Wochentages stylistisch einen besseren Dienst leisten würde als die gebräuchliche Ordnungszahl, abgesehen von der Bereicherung, die unser armer Sprachschatz dadurch erfährt. Ein intensives Gebrauchen dieser Namen der Wochentage würde ihnen das Bürgerrecht in unserer Sprache verschaffen.. M. B.