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Die Welt · 1904-06-10 · 24 (10.6.1904) · page 15

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Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
24 (10.6.1904)
Date
1904-06-10
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 24 „bis & W^lt" Seite i5 „Unsere Hoffnung", Monatsschrift für die reifere jüdische Jugend. 1. Jahrgang, Nr. 3. Die dritte Nummer dieser Zeitschrift liegt uns bereits vor und hat die Erwartungen, welche auf dieselbe von allen Interessenten gesetzt wurden, als durchaus berechtigte erwiesen. Ein. vorzüglicher Aufsatz von B e n Samuel, „Unsere Ziele'4 betitelt, leitet die Nummer ein. Mit klarer Logik wird hier die Notwendigkeit eines Organes für die jüdisene Jugend dargelegt und der Weg gezeigt, der zur Erreichung der angeführten Ziele führt J. Upfimny weist der jüdischen Jugend eine dankbare Rolle zu, indem er sie auffordert, „das Judentum in Schule und Haus vor Schaden durch andere zu bewahren", und ihre Autgabe damit zu beginnen, den „Zwecktaufen" ein Ende zu bereiten. In dem Aufsatze „Zur Frage des jüdischen. Nationalismus"' zeigt Josef M e i s 1, dass dem jüdischen Volke zwar die Möglichkeiten eines lebendigen, nationalen Wachstunis, fehlen, dass dieselben aber, üeistesfreiheit und. Selbständigkeit, durch schwere Kämpfe und Gefahren dennoch für das Judentum errungen werden. Auf ein kräftiges Gedicht von Hugo Z u c k e r m a n n, das er „An Judas Jugend" richtet, folgt eine sehr interessante Abhandlung: „Ue'ber die Bedeutung des Hebräischen für die jüdischen Studenten". H. Berg m a n n weist darauf hin, dass nur der Kenner der hebräischen Sprache die Eragen, des jüdischen Volkes verstehen könne und dass dieselbe als Kulturträgerin, unserer Zukunft von höchster Bedeutung sei. D a v i d .i i z h a k i macht den Versuch, uns in die „poetischen Schönheiten des fünften Buches Mosis" einzuführen. Ausser diesen Aufsätzen finden sich noch Beiträge belletristischer Natur. „An unsere Erstlingsfrüchte am Scheb.uothfeste" von N. S o k o 1 o \v und eine Skizze von A. C o r a l n i k , „Vor der Prüfung". Schon das reichhaltige Material ist uns ein Beweis für den Wert der Zeitschrift, welche berufen ist, nicht nur für den Zionismus zu agitieren, sondern auch der Jugefi.d. unsere Kulturinteressen in anschaulicher Form vorzuführen. O. R. Peuilletoi). Ein Abend im Jargon-Theater. Nach langer Zeit bin ich wieder im jüdischen Theater. Die Vorstellung findet im vornehmsten. Saale des Ortes statt, und dennoch sehe ich ein lebendiges Stück Ghetto vor mir. Die Physiognomie des Saales ist eine ganz andere, als sonst. Gleich beim Eintritt in den Saal bekommen wir den allgemeinen Eindruck, als gäbe es hier keine grossen sozialen Unterschiede. Die Besucher der verschiedenen Plätze weisen wenig Differenzen auf. Ein Hauch der Gleichartigkeit schwebt über dem ganzen Saal. Der Besuch ist ausserordentlich stark. Besonders sind die Galerien überfüllt. Sonst gibt es in diesem Lande wenig Galeriebesucher, denn der Sinn für Theater ist in der autochtonen Bevölkerung noch wenig entwickelt. Heute aber wogt eine beängstigend grosse Menge über unseren Köpfen. Aber trotz des Gedränges herrscht da oben eine fröhliche, erwartungsvolle Stimmung. Man sieht es den Leuten an, wie sie sich auf den bevorstehenden seltenen Genuss freuen. Die Parterresitze und die Logen sind von Angehörigen des Mittelstandes und der kleinen Bourgeoisie überfüllt. Angehörige der besitzenden Klasse sind wenig da. Viele Familien sind vollzählig erschienen, so dass die Anzahl der kleinen Kinder eine grosse ist, wodurch das besondere Gepräge des Saales noch erhöht wird. Auch das Parterre belebt ein warmer Hauch. Die Gesichter strahlen, ein wohliges Gefühl ist über Alle gebreitet. Nur hie und da sieht man ein Gesicht, das eine verlegene Scheu zeigt. Das sind diejenigen, deren jüdisches Gefühl nicht mehr ausreicht, um sie vor dem Gedanken zu wahren, ihre christlichen Mitbürger könnten sich darüber lustig machen, dass sie noch an jüdischem Theater Gefallen finden. Um alile Anderen aber schlingt sich ein unsichtbares, aber festes Band — das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer grossen Familie. Und wie das Publikum ist auch das Orchester merkwürdig genug. Da fidelt ein unreifer Knabe neben einem vergrämten Greis und dieser neben einem hoffnungsvollen Jüngling, der eben das Konservatorium verlassen hat. Aber das merkwürdigste Mitglied ist der Dirigent. Ein aufgeschossener Bursche von vielleicht 15 Jahren schwingt mit einer seiner Jugend entsprechenden Lebhaftigkeit den Taktstock. In Kleidung und Haltung liegt ein gut Stück Nachlässigkeit. Manschetten scheinen ihm ein unbekannter Begriff, und an seinem Rock hängt das Futter in Fetzen heraus. Aber er versteht seine Sache. Energisch hält er Chor und Orchester zusammen. Nichts entgeht seinem scharfen Blick. Er verspricht viel! Endlich geht der Vorhang auf. Das Stück, das gegeben wird, ist „Blirnale"4, von Lateiner, dem Teilhaber und Dramaturgen des ständigen jüdischen Theaters in New-York. Der Inhalt des Stückes ist folgender: Ein jüdischer Arzt Daniel, der Sohn, eines Sehochet in einem kleinen polnischen Städtchen, ist Leibarzt und Berater, des polnischen Königs geworden. In dieser hohen Stellung hat er sein geliebtes Bhmale in der Heimat nicht vergessen. Aber während er seine Hochzeit mit ihr feiert, wird er plötzlich abberufen. Einer seiner Gegner am Hofe, ein polnischer Graf, dein der Jude in des Königs Gunst ein Dorn im Auge ist, versucht ihn zu stürzen. Als Daniel zurückkehrt, erhebt der Graf, um ihn zu demütigen, vor versammeltem Hofe die Beschuldigung, dass alle jüdischen Frauen charakterlos und leichtsinnig sind. Zum Beweis schlägt er eine Wette vor, dass er in höchstens zwei Monaten Blirnale besitzen werde. Nur auf des Königs dringenden Wunsch geht Daniel auf diese Wette ein, deren Hauptbedingimg es ist, das er während der ganzen Zeit weder an Blirnale noch an. ihre Familie schreiben darf. Der leichtsinnige Graf, der sich in grosser Geldnot befindet, könnte durch den Tod des einzigen Kindes seines verstorbenen Bruders ein grosses Vermögen erben. Er wendet sich um Rat au seinen Freund, einen Pater am Hofe. Der Pater heckt einen feinen Plan aus. Das Kind soll ermordet werden und da es gerade Ostern ist, soll der Leichnam unter die .luden geworfen, werden, „die doch für ihre M.azzes Christeubhit brauchen41. Ais .Bürgschaft dafür, dass der Graf die Erbschaft mit ihm teilen werde, verlangt der Pater eine schriftliche Erklärung, dass der Graf das Kind ermordet. Der leichtsinnige Graf schreibt diese Erklärung. Zum Helfershelfer ist cm Meschumed ausersehen, der ein Spielgenosse Daniels ist, gleichfalls Blirnale liebt und gerne Daniel verderben, möchte, um Blirnale besitzen zu können. Der Graf sucht Blimales Heimat auf. Aber diese lebt so zurückgezogen, dass er sie nicht einmal zu Gesicht bekommen kann. Da schickt er im letzten Moment den Meschumed, um Blirnale von Daniels Untreue zu überzeugen; als das nicht hilft, überredet der Meschumed seine Schwester, die in Blimales Hause lebt, dieser das Medaillon zu stehlen, das sie als Zeichen der Treue zu Daniel um den Habs trägt. Das geschieht, und nun kommt der Graf mit diesem Beweise an den Hof. Daniel muss sieh für besiegt erklären und den Hof verlassen. Um dieselbe Zeit trlnt Daniels Vater in Warschau ein. um Nachforschungen über Daniels Stillschweigen anzustellen. Er kommt gerade in dem Moment, in welchem des Grafen Kind ermordet aufgefunden wird und wird mit seinem Begleiter als Rituahnörder in den Kerker geworfen. Trotz aller Drohungen, Bitten und Versprechungen widerstehen beide energisch der Zumutung, ein Geständnis niederzuschreiben, wodurch sie sich retten, die Juden aber verderben könnten. Sie sind entschlossen, den Märtyrertod. für ihr Volk zu sterben. Daniel eilt nun nach Hause, um sich selbst von Blimales Schuld zu überzeugen. Alles spricht gegen sie. Der Meschumed aber, der glaubt, nur nach Daniels Tod Blirnale gewinnen zu können, schiesst auf diesen. Der Schuss geht fehl und trliit seine Schwester Miriam. Angesichts des Todes gesteht diese Daniel ihren Verrat. Der Meschumed verliert den Verstand. Daniel will nun dem König die Unschuld Blimales beweisen. Auf einem Maskenfest erhebt Blirnale, als Zigeunerin verkleidet, gegen den Grafen die Anklage, er habe das ihr gegebene Eheversprechen gebrochen. Der Graf leugnet. Da reisst sie die Maske vom Gesichte. Der Graf schwört, sie nie

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