Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 24 (10.6.1904)
- Date
- 1904-06-10
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 24 „bi* £ W^lt Seite 13 Bodenerwerhutigen der Alliance in Algier. Das Komitee der A. I. U. beschloss, die Domäne La Reghaia, 30 Kilometer von Algier entfernt, zu erwerben, um dort Zöglinge der Aekerliausehu'le der Allianz, namentlich aus der Ackcrbauschiile von Djedeida, ansässig zu machen. Die Domäne umfasst 1780 ha. Auszeichnungen jüdischer Gelehrter. Die österreichischen Professoren Hofrat Gomperz und Dr. I. Goldzieh er wurden zu Ehrendoktoren der Universität Cambridge ernannt. Von jüdischer Kunst. Dieser Tage fand im Künstlerhaus in Amsterdam eine Kunstausstellung statt. Bei dieser Ausstellung hat der jüdische Maler Eduard Frankfort den ersten Preis erhalten, eine goldene Medaille, womit die Königin jährlich den besten Maler auszeichnet. Das Bild, für das ihm die hohe Auszeichnung zuteil wurde, führt den Titel „Talmudstudie" und stellt drei' den Talmud studierende Juden dar. Eduard Frankfort ist ein Sohn orthodoxer Eltern und malt meistenteils jüdische Typen. Ein Bild, das seinen Vater in Talles und Thillin darstellt, hat ihn in Holland berühmt gemacht. Detlev von Liliencron, dieser Held der Leier und des Schwerts, dessen 60. Geburtstag jüngst unter glück wünschendem Applaus aller Schätzer deutscher dichterischer Kunst vorüberging, stand zu den Juden in persönlicher und dichterischer Beziehung, Ausdrückliche Worte und stille Handlungen seinerseits zeugen davon, dass ihm nichts jener geist- und gefühllosen Feindseligkeit eigen ist, mit der heute die meisten Politiker ihr wesenloses Dasein drapieren. Es wird bekannt, dass er aus seiner soldatischen Vergangenheit her des Lobes voll war über manchen jüdischen Mitkämpfer. In seinem „Poggfred" setzt er seinem früheren Gläubiger Levy ein kleines Denkmal1 mit einer Inschrift voll menschlicher Güte. Den Spuren aller grosser Dichter folgt Liliencron mit einer schwärmerischen Hinneigung zur Bibel, die voll Musik ist wie der Urwald, der geheimnisvoll rauscht, wie der Sturm, der über die Erde wettert und wie der murmelnde Bach, der zwischen Friihlingspracht und sanfter Schönheit dahingleitet. Da hinein spricht er in seiner Sprache zu Moses und. dem Eiferer Jesaias, die Makkabäer sind seinem Herzen nahe, wie er uns sagt und der Psalmist, „Weshalb haben wir kein Wort: „Tapfer wie die Makkabäer?" Das ist ein Wort von ihm voll Inhalt. So können wir Juden auch von einem Staudpunkt der Dankbarkeit an der Huldigung für den Dichter teilnehmen. —y. Berlin. Der Gesamtverband der deutschen Juden hat vier Arbeitsabteilungen begründet, eine politische, eine apologetische, eine innere und eine Rechtsschutzabt^ilung. Zum Vorsitzenden des Gesamtverbandes wurde Professor Dr. Philippson, zu stellvertretenden Vorsitzenden die Herren Justizräte Dr. Fuchs und Dr. Horwitz gewählt. Der Zentralausschuss hat in seiner letzten Sitzung noch einige Herren kooptiert: für die Baronin Cohnstiftung in Dessau den Geh. Kommerzienrat Sonnenthal in Dessau, in Darmstadt den Geh. Baurat Prof. Dr. Landbberg, für dip deutschen Zionisten Dr. Klee in Berlin, für die Bne-Brithlogen den Justitzrat Timendorfer, für Berlin den Vertreter des konservativen Prinzips im Rabbinat, Rabbiner Dr.Eichel hacher, den Stuttgarter Oberrabiner Dr. Krön er. den Geh. Hofrat Dr. Josefsthal in Nürnberg und einige andere. Die Zusammensetzung ist glücklich zu nennen. Es sind in der Tat alle Schattierungen des deutschen Judentums vertreten. Zu Schriftführern wurden die Justizräte Bernhard Breslauer und Dr. E. Friedemann ernannt. Die Errichtung eines Zentralbüreaus in Berlin wurde beschlossen. Gestundete Entscheidung. Der Zwist in der deutschösterreichischen Turnerschaft dauert fort. In Berlin war bekanntlich die Zweiteilung des 15. Kreises vorgenommen worden. Die Arier sollten unter sich sein und die „Nichtarier" auch. Damit waren aber die Arier nicht zufrieden, weshalb sie für den Austritt aus der gemeinsamen Organisation agitierten. Sie fanden jedoch in der am 29. v. M. stattgefundenen Versammlung nicht die nötige zwei Drittel Majorität und mussten sich mit der Vertagung bis zum 30. September begnüge«, wo ihr Wunsch wohl in Erfüllung gehen wird. Eine jüdisehe Demonstration in Sarajevo. Zum erstenmale, seit Oesterreich in den okkupierten Provinzen herrscht, kam es am Samstag den °28. Mai 1. J. zu einer recht stürmischen Demonstration in Sarajevo. Es hatten sich nämlich drei englische Missionäre (Rev. David Baron, Mr. Levert o ff und Mr. Rob. F e i n s i 1 b e r), getaufte Juden, in Sarajevo eingefunden, um da Vorträge über die Religion unter dem Titel: „Moses und Christus" zu halten. Den Missionären wurde seitens der Regierung die Bewilligung erteilt, ihre Vorträge zu halten, worauf diese Einladungen an die Juden versandten. Ausserdem verteilten sie verschiedenartige Broschüren, in welchen die Juden aufgefordert werden, sich zum Christentum zu bekehren, Dieser Vorgang erregte unter den Juden, besonders unter den spphardischen, grosse E trüstung; die angesehensten Mitglieder der Gemeinde begaben sich zur Regierußg, um die Abhaltung der Vorträge zu vereiteln, was jedoch erfolglos blieb. Am Samstag abends hätte nun der Vortrag stattfinden sollen. Schon am Nachmittage sammelten sich grössere Mengen sephardischcr Juden in den Gassen und Gerieten, welche Stellung sie gegen die Missionäre einnahmen so'lten. Je näher der Abend kam, umso grösser wurde die Erbitterung. Gegen 7 Uhr stand eine über tausend Menschen zählende Menge vor dem Hotel, in welchem sich die Missionäre befanden. Alle Gassen und Gässchen waren besetzt, und da vollständige Ruhe herrschte, konnte die anwesende Polizeiwache keine Veranlassung zum Einschreiten finden. Die Schar wuchs immer mehr an, so dass der ganze Verkehr in den anliegenden Gassen eingestellt werden musste. Die Missionäre wagten es nicht, das Hotel zu verlassen und zu dem. etwa zehn Minuten entferntem Vereinshause zu gehen, demzufolge unterblieb der Vortrag. Da zog die Menge, das „Zionslied" und „En kelohenu" singend, zu dem Orte hin, wo die Vorträge abgehalten werden sollten. Und, da kein Verstoss gegen die öffentliche Ordnung geschah, die Demonstranten sich würdevoll benahmen, begleitete sie die Polizei bis zum Vereinshause, wo ein Führer der Demonstranten von erhöhter Stelle eine kurze Ansprache an die Menge hielt, in welcher er zum ruhigen Auseinandergehen aufforderte. Nach abermaligen Hochrufen auf Zion und das jüdische Volk zerstreute sich die Menge. Am nächsten Morgen verliessen die Missionäre unverrichteter Dinge, den ersten Zug benützend, in geschlossenem Wagen diw Stadt, J. Dreyfus Nr. I. Kapitän Alfred Dreyfus ist doch nicht der erste Drpyfus! Es stellt sich heraus, dass es schon einmal eine AJffaire Dreyfus gegeben hat. So veröffentlicht die Revue „La Revolution frarcaise" ein Protokoll aus den Akten der Convention Nationale (Sitzung vom 29. Nivöse, Schneen* o^at) IIL Jahr (18 Jänner 171)5). Und zwar heisst es dort: „Die Nationale Versammlung findet nach Anhörung des Berichtes des Gesetzgebungsauschusses über die Bittschrift des Bürgers Simon Dreyfus, eines Juden, der vom revolutionären Komitee in Strassbursr am 20. Brumaire, II. Jahr der Republik (16. November 17D3) zu sechs Jahren schweren Kerkers verurteilt wurde, dass angesichts dessen, dass ein Urteil, wenn auch ein revolutionäres, das ohne nähere Angabe des Verbrechens, ohne Anführung von Zeugenaussagen erlassen wurde u. s. w. ein willkürlicher Akt ist, der anulliert werden rnuss, dass besagtes Urteil null und nichtig ist, und befiehlt, dass der genannte Bürger Dreyfus auf der Stelle in Freiheit gesetzt werde." Die Dreyfus-Affäre. Schleier auf Schleier fällt vom Hintergründe einer alten reichbewegten Tragödie, und Souffleure, Kulissenschieber und Regisseure werden unserem staunenden Auge sichtbar. Wahrhaft traurig*» Gestalten, die es wagten, der gesitteten Welt im Namen der Gemeinheit jenes Duell anzubieten, dessen Preis Dreyfus war. Ob einzelne Generale selbst an die Aussagen glaubten, die sie jetzt täglich widerrufen, lassen wir in Frage. Dass aber eine grosse Anzahl von Personen am Werke war, die vollkommen bewusst die Lüge zum abscheulichen Triumphe führten, haben Flucht und Tod einzelner, die strafgerichtliche Untersuchung anderer deutlich gezeigt. Erst in den letzten Tagen hat der Zufall der blinden Gerechtigkeit wieder den Arm geführt. Bei einem Besuche in den Bureaus des Generalstabes wurde der Hauptmann d'A utriche dabei betreten, wie er zahlreiche Radierungen eines Namens vornahm, der zugleich mit hohen Summen in den Büchern des Generalstabes vermerkt war. Dieser Name hiess A u s t e r 1 i t z. Mit einer widerspruchsvollen und lahmen Ausrede will der betreffende Offizier nun glauben machen, dass er den Namen eines belanglosen militärischen Agenten in Oesterreich auf diese Weise habe decken wollen. Da aber gelegentlich der Revision der Affäre durch den Generalstab jeden Moment die Piüfung der betreffenden Bücher zu erwarten war, weiss jedermann, um was es sich handelt und man ist nur im Zweifel, ob mit Austerlitz Czernucky oder der von ihm angeworbene ebenfalls falsche Zeuge im Prozesse Przyborowski gemeint ist. Also buchmässig betriebene Fälschung mit Mitteln, die von offiziellen Stellen bewilligt werden. Das wird hoffentlich den Gang der Verhandlungen des Kassationshofes beeinflussen und beschleunigen. Und dann wird hoffentlich noch jemandem die Zunge gelöst werden, der die in Dreyfus so brutal beleidigte Gerechtigkeit an ihren Feinden rächt. — y