Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 34 (18.8.1885)
- Date
- 1885-08-18
- Page
- Seite 539 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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539 sich aucff als completter Antisemit benahm und zum Schildhalter Stöckers hinaufrückte. Wie es den Anschein hat, wird jedoch W. seine Thätigkeit in den christlich-sozialen Versammlungen mit seinen wistenschaftlichen Arbeiten für vereinbar halten, und seine Gegenwart und seine Reden diesen fernerhin widmen. In den akademischen Kreisen wird man es gern sehen, daß Wagner ein Mandat nicht wieder annehmen will. Denn sein Auftreten, und die Art, wie er im Abgeordnetenhause so oft höchst unruhige und bewegte Szenen bewirkte, wurde nicht ganz mit der Würde des Universitätslehrers übereinstimmend gefunden. Die „Weser Ztg." schreibt hierüber folgendes: „Noch keinem Gelehrten ist die parlamentarische Thätigkeit so verhängnißvvll geworden, wie Adolf Wagner, keiner hat dadurch solche Einbuße an seinem Rcnommüe erlitten, wie er. In wistenschaftlichen Kreisen hatte mau das Gefühl, daß die leidenschaftliche und fanatische Betheiligung am öffentlichen Leben den objectiven Blick des Gelehrten trüben mußte, und Herr Wagner mußte seinen Trost für die Abwendung der gelehrten Kreise von ihm in der Verehrung suchen, die ihm von dem antisemitischen Theil der Studentenschaft erwiesen wurde. Wer den ganzen politischen Lebensgang des Professors Wagner verfolgt hat, der konnte merkwürdige Eigenthümlichkeiten an dem Manne wahrnchmen. Ursprünglich ein Mann von gemäßigt liberaler Richtung, schloß sich Wagner doch, als er in den Landtag gewählt wurde, der conservativen Fraction an, in der er mit Stöcker und Crcmer eine Gruppe für sich bildete, die sich immer bewußt blieb, daß sie ihre Bedeutung den breiten Bolksmasten verdankte und denen zu Liebe sie bei einigen Abstimmungen für gut fand, wie man zu sagen pflegt, die Wurst nach der Speckseite zu werfen. War schon dieser Anschluß an die konservative Partei ein Beweis dafür, daß man es bei Wagner mit einem im Grunde unpolitischen Menschen zu thun hatte, so mehrten sich im Laufe der drei Jahre, die Wagner dem Landtage angehörte, die Anzeichen dafür, daher ohne eigentliche politische Haltung rn die parlamentarische Arena getreten war. Wagner besitzt nur ein steuerpolitisches Ideal; weil er hoffte, daß er für die Verwirklichung destelben bei den Conservativen die thatkrästigste Unterstützung finde» würde, schloß er sich ihueu an. Er fühlte aber bald selbst heraus, daß er sich in eine falsche und schiefe Stellung gebracht hatte und daß er seinen Fraetiousgenoffen hier und da unbequem wurde. Man hatte den Eindruck, daß er sich bemühe, Herr dieser unangenehmen Ein psindung zu werden, wenn er in den christlich.socialen Versammlungen mit den Künsten der Demagogie opcrirte und Hetzreden hielt, die denen seines Freundes Stöcker gleichwerthig waren." — In der Presse mar es bis jetzt vermieden worden, über die Ansicht des Fürsten Bismarck betreffs der „Stöckeriade" zu sprechen. Neuerdings jedoch haben sich einige Stimmen darüber vernehmen lassen, und wir wollen dies registriren. In einer Berliner Correspondenz der „Köln. Volksztg." lesen wir: Die „Allgemeine Zeitung" in München ließ sich vor einigen Tagen schreiben, daß der Reichskanzler sich gegenüber der Affaire Stöcker ganz passiv verhalten habe. Das ist nur formell richtig. Daß Fürst Bismarck dem Hof- Prediger Stöcker keine Belobigung ausgestellt hat und ausstellen konnte, wird wohl Jedermann von selbst einsehen; dazu ist ihm auch Stöcker eine viel zu wenig sympathische Erscheinung. Die Sonntagsruhe wird von Niemandem aus der konservativen Partei lebhafter vertheidigt als von Stöcker und seinen nähern Freunden, während die Stellung des Fürsten Bismarck in dieser Frage bekannt ist, von andern Meinungs- Berschiedenheiten gar nicht zu reden. Aber in einem Punkte sind sie jedenfalls die besten Freunde, nämlich in dem tödtlichen Haß gegen die Fortschrittspartei, und gegen diese ist Stöcker als Mittel zum Zweck auch in der Wilhelmsstraße höchst angenehm. Ter Reichskanzler hat über Stöcker überhaupt kein sachliches Urtheil abgegeben, sondern auf eine mehr private Anfrage eine allgemeine Verhaltungsmaßregel in drei Worten ertheilt, die von liberaler Seite als passiv und nichtssagend, von den Freunden Stöcker's aber als Zeichen einer wohlwollenden Neutralität gedeutet werden. Ich habe Grund anzunehmen, daß die letztere Auffassung auch die der Regierung ist. Tie offiziöse Presse wettert nur gegen die Kreuzzeitung und hüllt sich bezüglich Stöcker's in ein beredtes Schweigen." _ Breslau, im Juni. Entwicklungsgeschichte der jüdischen Religionsschule. Porlrag gehalten in der jüngsten Versammlung der jüdischen Lehrer Schlesiens und Polens. von vr. Caesar Seligmann. R. Jochanan ben Sakkai wußte sich von dem römischen Imperator keine höhere Gunst zu erbitten, als die Erlaubniß zur Gründung einer Schule; er wollte, als er das unvermeidliche Ende der jüdischen Nation voraus sah, dadurch das Judenthum retten. Und R.Jochanan ist der Retter des Judenthums geworden in doppelter Beziehung. Einmal weckte und schärfte die Schule den Geist des Kindes, erhielt die Lebenskraft Israels rege aus der langen Wanderung durch die Finsieruiß vergangener Jahrhunderte, und als vor kaum hundert Jahren das Frühroth tagte, und für Israel die Pforten des bürgerlichen Lebens sich öffneten, da war es die jahrhunderllange Schulung des Geistes, die jene lange Zeit so verachtete Nation fähig machte, den anderen Völkern in wenigen Decennien nachzueilen auf einem Wege, zu dessen Znrücklegung diese ein halbes Jahrtausend gebraucht. Und : dann ward die Schule, vermöge des ausschließlich religiösen 34*