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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-08-18 · Heft 34 (18.8.1885) · p. Seite 538

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 34 (18.8.1885)
Date
1885-08-18
Page
Seite 538 (sequence 2)
Language
German
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538 erkennurig seiner philantropischen Bestrebungen, die er bei Ge- Gemüthes, der, wie wir oft genug auseinandergetzt haben, legenheit nicht minder den Nöthen widmete, in welche Christen durchaus mit den patriotischen und nationalen Pflichten, mit gerathen, z. B. in Syrien, den Einfluß zu verdanken, den er der vollen Hingebung an die patriotischen und nationalen in ähnlicher Weise durch persönliche Verwendung, selbst in Aufgaben nicht collidirt. Schon bei der antisemitischen Agifernen Ländern, übte. Es gereicht eben dem englischen Volke tation hat es sich hinlänglich gezeigt, daß gegen eine solche zum besonderen Ruhme, einem solchen Manne, der außerhalb Strömung die einzelnen, selbst hervorragendsten Männer eraller politischen Parteien stand und das Judenthum von seiner folgreich nicht zu kämpfen vermögen. Nicht daß man desorthodoxen Seite vertrat, so großen Werth beigelegt zu haben. Nun, Cremieux' Erbschaft zu übernehmen, ist bis jetzt in Frankreich Niemand vorhanden, während in England schon seit längerer Zeit Männer bestehen, welche die Sache der verfolgten Judenheit mit Erfolg vertraten und im Parlamente ihre Stimme erhoben zur Anklage tyrannischer Unteri drücker, selbst wenn dadurch nichts weiter erzielt werden kann, als die öffentliche Meinung zu unterrichten und in Stimmung zu versetzen, Männer wie Henry de Worms,! Nathaniel von Rothschild, Serjant Simon, Arthur Cohen; u. A. In der Deputirtenkammer und im Senate Frankreichs ' haben auch jetzt Juden Sitze inne; wir haben aber bis jetzt! nicht erfahren, daß sie, wo Judenthum und Juden in den; Debatten berührt werden, für dieselben das Wort ergreifen. —! Nach dem, was wir oben auseinander gesetzt, ist gegenwärtig die! Lage eine solche, daß von irgend einer Verwendung innerhalb der europäischen Staaten garnicht die Rede sein kann, selbst nicht in dem halbbarbarischen Rumänien. Es ist Sache der jüdischen Staatsangehörigen in jedem einzelnen Staate in! einem Falle, wo sie sich als Juden beeinträchtigt glauben, die gesetzlichen Wege der Beschwerde und der Petition zu betreten. Freilich ist dies eben nur in verfaffungsmäßig geordneten Staaten möglich. Aber in den anderen ist nichts zu thun, und wir müffen es passiv der Zeit und der Macht des Rechtsbedürfniffes, wir müffen es der Fügung der göttlichen Weltordnung überlaffen und vertrauen, daß eine Befferung und die Erkenntniß deffen, was Recht und wahres Jntcresse der staat-' lichen Gesellschaft ist, mit der Zeit cintreten werde. Es bleiben also nur die orientalischen Staaten übrig und unter, diesen wiederum nur Marokko und Persien, da die türkische Regierung stets wohlwollend gegen die Juden und den gerechten Verlangen derselben geneigt sich erwiesen hat. In diesen Ländern vermögen namentlich England und Frankreich zwar keine dauernde gesetzliche Verhältnisse, wohl aber in einzelnen Fällen Abhülse und Duldsamkeit * zu erwirken. Und hier sind es die Alliance isr. univ. und die Anglo- Jevvish Association, welche einen genügenden Einfluß ausüben, um die Aufmerksamkeit ihrer Regierungen aus vorkommcnde Gewaltthätigkeiten zu richten. Für diese Institute die nöthigcn Kräfte und Mittel beschaffen zu Helsen, ist die Pflicht Aller. Immer und überall jedoch besteht unsere Schutzwehr in der Theilnahme und Beeiferung aller Bekenner des Judenthums, ein Aufschwung des Geistes und halb passiv die Hände in den Schooß legen dürfe, mannhaft und unermüdlich muß der Verleumdung und Lüge durch Wort und That entgegengetreten werden. Aber das rechte Hilfsmittel ist doch nur der rechte Geist, der in allen Angehörigen der Confession lebendig ist, der dahin strebt, die vorhandenen Uebelstände, die zunr Borwurfe dienen, zu beseitigen oder doch zu mindern, und den Gegnern zeigt, daß sie auf eine Zersetzung und Auflösung des religiösen Verbandes und der Theilnahme an dem Geschicke der Glaubensgenoffen nicht rechnen können. Der Sankerutt -es Antisemitismus. VI. Wenn eine antisemitische Größe sich für die parlamentarische Thätigkeit bankerutt erklärt: so sind wir berechtigt, die Erörterung darüber der obigen Rubrik einzureihcn. Allerdings gicbt Prof. Ad. Wagner für seinen Rücktritt von der parlamentarischen Thätigkeit als Motiv an, daß er durch sie seinen wissenschaftlichen Arbeiten zu sehr entzogen würde. Nun, wir haben Männer der Wiffenschaft genug, welche beide Thätigkeiten in ausgezeichneter Weise verbinden. Nennen wir z. B. einen Virchow, Gneist, Hänel, neben welchen noch eine ganze Anzahl weniger bedeutender Universitätslehrer in den Parlamenten thätig sind. Herr Wagner wird es denen, welchen er als Gegner entgegengetreten ist, kaum verargen können, wenn sie auf die Thatsachen Gewicht legen, daß er bei den Reichstags- und bei den Berliner Stadtverorordnetenwahlen durckgefallen ist, selbst bei den Landtagswahlen in Berlin leer ausging, und einen ländlichen Wahlkreis aufsuchen mußte. Kommt hinzu, was offenkundig ist, daß die > conservativc Partei mit Herrn W. unzufrieden ist und sich mehrmals mit ihm in Diffens befand: so liegt cs uns näher, als Motiv seines Rücktritts die Befürchtung anzunehmen, er : werde nicht wieder gewählt. Denn gerade bei Herrn W. trifft ' es sich, daß er als Lehrer der Nationalökonomie auf der j parlamentarischen Arena die Verwendung seiner wiffen- J schaftlichen Theorie am ehesten sindet, also für einen solchen! Universitätslehrer die parlamentarische Thätigkeit am gej cignetstcn ist. Wagner hat zwar früher mehrmals sich dahin erklärt, daß er durchaus kein Antisemit sei; aber Wagner war früher gemäßigt liberal, und ist doch sehr konservativ geworden, und so ist es erklärlich, daß er, einmal in diese Reihen gerückt,

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