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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-03-25 · Heft 13 (25.3.1884) · p. Seite 203

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 13 (25.3.1884)
Date
1884-03-25
Page
Seite 203 (sequence 11)
Language
German
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203 schaffen, die sie sonst nicht erreichen. Dies verwirklichte sich denn auch. Obschon, wie zuverlässig behauptet wird, die Parteien sich vorher verständigt hatten, die Interpellation ohne weitere Besprechung zu lassen, um eben nur den Zweck, die Gemüther zu beruhigen, zu erfüllen, so vereitelten dies doch hinterher die Conservativen. Zelle begründete seine Anfrage in der ruhigsten, gemäßigtesten Weise und ebenso antwortete der Minister des Inneren, der sich einfach an den Bericht der Kösliner Regierung hielt, der wiederum das auch von uns mitgetheilte Schreiben des Bürgermeisters Sasse zur Grundlage hatte, und betonte der Minister den Vorbehalt, daß die positiven Ergebniffe erst aus der gerichtlichen Untersuchung erfließen könnten. Hiermit erklärten sich die Interpellanten zufrieden. Da erst trug der Führer der Conservativen, Herr von Minnigerode, aus Besprechung der Interpellation an und Stöcker ergriff das Wort, um eine wüthige Hetzrede zu halten, wie sie kaum so arg von ihm in der Bockbrauerei und vor seinen „Christlich-Sozialen" gehalten wird. Allerdings konnte er auch hier nichts weiter Vorbringen als den Wucher der Juden und die Schlechtigkeit der jüdischen Preffe, und als thatsächlichen Beweis wußte er nur wieder ein schon vor drei Jahren erzähltes Wuchergeschichtchen vorzubringen, wie es leider oftmals von Christen wie von Juden vor Gericht verhandelt wird. Und um eines solchen Einzelfalles soll die ganze Judenheit verfolgt werden! Er ging aber so weit, die Interpellanten zu beschuldigen, die Interpellation nur zu dem Zwecke eingebracht zu haben, Gelder von den Juden für ihre Kasse zu Wahlzwecken zu erhalten Prof. Hänel rief ihm: „Gemeinheit!" zu, wofür er zwar vom Präsidenten zur Ordnung gerufen wurde, in seiner Gegenrede aber Gelegenheit nahm, diese seine Acußerung dem Herrn Hofprediger gegenüber so recht zu begründen. Pros. Hänel und der Abg. Rechtsanwalt Munckcl erwiederten in glänzenden und durchschlagenden Reden, in denen sie das Treiben Stöckers vom moralischen sowie politischen Standpunkte aus auf's Schärfste kennzeichneten. Sie hatten dabei einen solchen Erfolg, daß die Herren v. Minnigerode und Prof. Wagner dem niedergeworfenen „Freunde" zu Hülfe eilen mußten. Der Erstere that dies in seiner bekannten schwächlichen Weise, welche nach Humor greift und nur Stroh zu fassen vermag. Wagner erwiderte als Gehülfe Stöckers mit Anklagen gegen die Juden, ohne den geringsten Beweis anzuführen. Ter gelehrte Mann weiß immer Behauptungen aufzustellen, aber Beweise gehen ihm aus. In die Einzelheiten cinzugehen, sinden wir keine Veranlassung. Den eigentlichen Ausgang werden erst die gerichtlichen Untersuchungen in Neustettin liefern. cj M4 ac 1 evu Deutschland. Berlin, 14. März. (Privatmitth.) In der gestrigen Sitzung des Reichstages erschien Fürst Bismarck nach langer Abwesenheit und ergriff sofort das Wort, um sein Verfahren in der Angelegenheit der nordamerikanischen Lasker-Resolution zu rechtfertigen. Ihm antwortete der Abg. Prof. Hänel. Es ist nicht unsere Aufgabe, den Vorgang, der doch nur allgemeiner politischer Natur ist, zu kritisiren. Ter Reichskanzler bekundete, daß er dem alten Spruche folge: „Wer nicht mit mir ist, ist wider mich." Jedenfalls hat Lasker durch den Verlauf dieser ganzen Begebenheit eher gewonnen als verloren. Er ist noch nach seinem Tode zu einem politischen Motor von größter Bedeutung gestempelt worden und zwar erkannte ihn in diesem Range gerade sein hochgestellter Gegner noch mehr an als seine Freunde und Anhänger. Während sonst die Geschichte die Wirksamkeit eines Mannes mit seinem Hinscheiden für abgeschloffen annehmen muß, wird sie sich mit diesen Ereignissen nach seinem Tode, die zwischen zwei mächtigen Staaten und deren hervorragenden Repräsentanten-Hänsern spielen, zu beschäftigen haben. Bonn, 12. März. Es kann nicht unsere Sache sein, den weitern Verlauf der Angelegenheit betr. der Beileidsadreffe des nordamerikanischen Abgeordnetenhauses zu verfolgen, da sie eine rein politische geworden. Nur das Moment wollen wir hervorheben: in das Repräsentantenhaus wurde ein Antrag auf eine Resolution eingebracht, welche Bedauern über den Vorgang ausdrückt und wiederholt die Theilnahme des Hauses an dem Verluste, den der deutsche Reichstag durch den Tod Lasters erfahren, bekunden soll. Dieser Antrag wurde dem Ansschuffe für das Auswärtige überwiesen. Braunschwcig, 12. März. (Privatmitth.! Rach langen, schweren Leiden entschlief gestern Abend der Landcsrabbiner Pros. l)r. Levi Herzfeld im 74. Lebensjahre, und der Tod dieses pflichtgetreuen und warmherzigen wie gelehrten Mannes hat das allgemeinste Mitgefühl erweckt. So ist denn abermals ein Veteran des neueren Rabbinats hcimgegangen, der jene Sturm- und Drangzeit der Reform mitthätig durchlebt und bleibende Erfolge zu erringen mitgewirkt hat. Er war zu Ellerich im Jahre 1*10 geboren, hatte seine rabbinischen Studien unter dem sel. Rabbi Salomon Eger und ans der Universität zu Berlin gemacht und folgte 1813 seinem Lehrer auf dem Rabbinatssitze von Braunschweig. Sein erstes bedeutenderes Werk war das Buch Kohelet, übersetzt und erläutert (Braunschweig 1838): sein bedeutendstes, seine Ge- 13*

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