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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-03-25 · Heft 13 (25.3.1884) · p. Seite 202

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 13 (25.3.1884)
Date
1884-03-25
Page
Seite 202 (sequence 10)
Language
German
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202 setzes, der Ordnung. Werden diese gebrochen, dann geht es ( nicht blos über die Juden her, sondern über alle, die an dem Staat, dem Gesetz und der Ordnung betheiligt sind, d. h. Alle, die nicht zu den Anarchisten gehören, und wir überlassen es den Schreibern der „Kreuzzeitung", ob sie selbst sich zu jenen oder zu diesen rechnen. Sie predigen die Anarchie gegen die Juden, aber Thatsache ist es, und die Neu-! stettiner Excesse beweisen es im Kleinen, daß eine solche gegen die ganze staatliche Macht und Ordnung sich richtet. Diese muß einschreiten, nöthigen Falls mit blanker Waffe, und wer sich ihr widersetzt, brütet die Anarchie gegen den Staat. Die Herren von der „Kr. Ztg." lüsten in ihrer Leidenschaft nur§ ihre Maske. Nicht beffer verhält es sich mit dem, was die „Kr. Z." vorher droht, mit dem „Weltaschenbrödelthum" des Judenthums. Die Kreuzzeitung vergißt hierbei, daß in den Zeiten, wo wirklich das Judenthum Weltaschenbrödel war, es doch auch noch andere Aschenbrödel gab. Es war zu der Zeit, wo fast die gesammte bäuerliche Bevölkerung die Aschenbrödel der Junker, der Adeligen, der Faust- und Raubritter war, wo Jeder, der nicht den Panzer auf seiner Brust und das Schwert in der Faust führte, beliebig gemißhandeltes Aschenbrödel war, wo außer den Zunftherren alle arbeitenden Menschen Aschenbrödel waren. Das Aschenbrödelthnm beschränkte sich also damals nicht blos auf die Juden, sondern dehnte sich auf die ungeheure Masse des ganzen Volkes aus. Die Zeiten haben sich aber geändert. Schon mit dem Aufkommen des absolutistischen Staates, mit der Herrschaft der souveränen Fürsten wurde es anders und die zum Aschenbrödelthum verurtheilten Klassen kamen allmälig in eine gesicherte, gesetzliche, wenn auch immer noch vielfach beschränkte Stellung. So auch die Juden. Man kam doch zum Bewußtsein, daß auch der absolutistische Staat ohne Gesetz und Ordnung, ohne Beseitigung aller anarchischen Katastrophen, ohne Gesetz und Recht für Alle nicht bestehen könne. So! kam es allmälig, daß auch der absolutistische Staat die i Leibeigenschaft aufhob, die Vorrechte der Adligen beschränkte, und die Juden der Gleichberechtigung zuführte — wir erinnern z. B. an das königl. preußische Edikt vom 11. März! 1812, worin der absolutistische preußische König seine jüdischen llnterthanen den christlichen gleichstellte, wenn auch mit einigen Beschränkungen, lind die Zeit ist wieder anders geworden. Der absolutistische Staat ist zum constitutionellen geworden; die Verfassungen sind auf Grundprinzipien aufgebaut, mit denen sie nur stehen oder fallen können. Zu diesen Grundrechten gehört die Gleichstellung aller Staatsangehörigen, die Gleichheit Aller vor dem Gesetze, die Sicherung des Lebens, des Eigenthums und der Ehre Aller ohne irgend einen Unterschied. Von einer bloßen „Humanität der Zeit", oder was der „Kr. Z." gleichdünkt, einem sentimentalen humanen Zuge der Zeit, kann hier nicht die Rede sein, sondern von der zwingenden Consequenz der Prinzipien, auf welchen der ganze Staat, die ganze Gesellschaft aufgebant ist. Wir wissen allerdings, daß die Partei der „Kr. Z." gerade diese Grundprinzipien zu beseitigen und den Staat in die Zeiten des Aschenbrödelthums zurückzusühren wünscht und strebt. Und daß ihr hierzu die Juden die erste Handhabe zu bieten scheinen. Aber dies ist es eben, was ihr nicht gelingen wird, nicht weil sie in diesem Unterfangen die Juden gegen sich hat, die sind im großen Ganzen machtlos, sondern weil sie die ganze übrige Welt außer ihrer eigenen Schaar zu überwinden hätte, und Jedermann weiß, mit den Juden fangen diese „frommen" Leute an, doch das ganze Volk meinen sie, das sie ihrer Herrschaft wieder unterwerfen wollen. Genug, man sieht, bis zu welcher Aufforderung, nämlich bis zur Aufforderung zum Dynamit, es diese Menschen bringen, welche die Maske der Frömmigkeit vorthun. Unter dieser Maske rufen sie dann schließlich aus: „Wir haben die Juden verwarnt!" Ja, aber was sollen wir denn thun? Wir erfüllen unsere bürgerlichen und staatsbürgeri lichen Pflichten sogut wie Ihr; gehen friedlich nach den Bestimmungen der Gesetze dem Gewerbe nach wie Ihr; erziehen unsre Kinder und lassen sie unterrichten in den öffentlichen; Lehranstalten wie Ihr. Giebt es unter uns Einzelne, welche Unrecht thun, ja Verbrechen begehen, giebt es unter uns Wohl- und Schlechtgesinnte — nun so ist dies nicht minder der Fall unter den „biederen" Deutschen, den „leichtfühligen" Franzosen, den „ernsten" Engländern, den „leidenschaftlichen" Italienern und selbst unter den „gutmüthigen" Ruffen. Allen diesen Völkern gehören wir an, und theilen ihre Vorzüge und ihre Fehler. Doch ja, was eigentlich die fromme Kreuzzeitung von uns verlangt, das wiffen wir, haben aber keine Lust, es zu thun. Ihre Wege gefallen uns nicht. Die Interpellation Zelle im Preußischen Abgeordnetenhause. Wir haben schon oben den Text der Interpellation mitgetheilt und kam dieselbe in der Sitzung am 14. d. M. zur Verhandlung. Die Absicht der Interpellanten war, eine Erklärung der Staatsregierung zu bewirken, welche den von den Antisemiten in der Masse eifrig verbreiteten Glauben beseitigen sollte, als ob die Excedenten gegen die Juden straflos bleiben würden. Jndeß empfanden wir von vornherein die Beforgniß, daß die Interpellation von den Conservativen und besonders von Stöcker und Wagner benutzt werden würde, , um ihre Hetzreden von der höchsten Tribüne des Landes ertönen zu lassen und ihnen dadurch eine Publicität zu ver-

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