Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 13 (25.3.1884)
- Date
- 1884-03-25
- Page
- Seite 204 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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204 schichte des Volkes Israel von der Zerstörung des ersten Tempels bis zur Einsetzung des Makkabäers Simeon (Braunschwcig 1*47), aus welchem ein größerer Auszug vom „Institut zur Förderung der israelitischen Literatur" herausgegeben wurde. Außer einer Anzahl Predigten und zwei Abhand-; langen über die Kunst und die Maße bei den Hebräern war j seine letzte Arbeit eine linguistische: „Einblicke in die Urzeit! der semitischen Sprachen." Schon hieraus ersieht man, von welch' vielseitigem Wissen der Verstorbene war. Sein An-! denken wird allen denen theuer bleiben, die mit ihm in 1 nähere Berührung gekommen. Aus Westfalen, 11. März. Liebermann von Sonnenbcrg, der bekannte Berliner Antisemitenführer, wollte in den letzten Tagen in unserem Jndustriebczirke Judenhetze treiben. In Bochum hat er damit keinen Erfolg gehabt, in Dortmund mußte gestern Abend eine von ihm einberufene Versammlung polizeilich aufgelöst werden, weil eine allgemeine Prügelei entstand. So wie der Mann zu sprechen begann, erhob sich Zischen und Gegenrede, daß er nicht zum Worte kommen konnte. Jedenfalls hat unsere Bevölkerung bewiesen, daß sie sehr wohl wisse, daß sich hinter dem Antisemitismus die äußerste Reaktion versteckt ist, die sie nicht will. Könitz, 1!. März. Nachdem nunmehr vor einigen Tagen der Neustettiner Monstreprozeß sein Ende erreicht hat, wird man den Bewohnern unserer Stadt das Lob nicht versagen können, daß sie während der ganzen Dauer der Verhand-, lungen ein durchaus anständiges und würdevolles Verhalten an den Tag gelegt haben, während, nach den tumultuarischen! Sceuen der letzten Tage zu schließen, in Neustettin die Hcnrici'schcn Zeiten wiedergekehrt zu sein scheinen. Neustettin, 13. März. 'Nachdem die Ruhe hier wiederhcrgestellt ist und zwar mit nur sehr geringer Anstrengung der Sicherhcitsbchördcn, läßt sich ein Urtheil über die hiesigen Vorgänge bilden. Man muß der „N. Stett. Z." beistimmen, wenn sie sagt: „Obwohl man doch in Neustettin an maßgebender Stelle von dem eigenartigen Geiste, der einen großen Theil der Bevölkerung dieser Stadt, wie die Verhandlungen in Könitz ergaben, kennzeichnet, hinlänglich im Voraus unterrichtet sein mußte und obgleich es ein offenes Gcheimniß war, daß die Rückkehr der in Könitz Freigesprocbeneu das Signal zu neuen Exccssen geben würde, ist in Neustettin von Seiten der Behörden anscheinend nicht das Geringste geschehen, um dem geplanten Uebersall der Massen gegenüber gewappnet zu sein. Man hat einige Gensdarmen wehr in die Stadt gezogen; damit schien die Umsicht der Behörden erschöpft zu sein. Dank dieser Energie blieb die aufgebotcne Polizeimacht zwei Tage lang machtlos, und nachdem sie endlich mit blanker Waffe der tobenden Rotten Herr zu werden versucht, ist cs, wie es scheint, erst den telegraphischen Vorstellungen der bedrohten Juden bei dem Regierungspräsidenten in Cöslin gelungen, militärischen Beistand herbeiznrufen. Nur wer übrigens Neustettin nicht näher kennt, wird sich über derartige Vorkommnisse noch verwundern können; uns kommen sie durchaus nicht unerwartet; sie gehören eben zum Wesen der daselbst herrschenden Zustände." Wir geben hier den Bericht, welchen die hiesige Polizeiverwaltung, gez. „Sasse, Bürgermeister", der „Ostsee-Z." hat zukommen lassen: „Das Urtheil des Konitzer Schwurgerichts wurde hier schon am Freitag, den 7. März er., bald nach 6 Uhr bekannt. Es fanden an diesem Abende, entgegen dem Berichte des „Berliner Tageblatt" vom 0. März er., keine Ausläufe oder Ruhestörungen irgend welcher Art statt. Am; Sonnabend, den 8. März cr., waren die Straßen belebter. ' Gegen halb acht Uhr Abends wurden aus der, von einer - jüdischen Familie bewohnten zweiten Etage eines Hauses in i der Preußischen Straße Steine unter das Publikum geworfen. Diese Thatsache ist durch übereinstimmende Bekundungen glaubwürdiger Bürger und die Wahrnehmungen der überwachenden Polizeibeamten festgestellt. In Folge dessen sammelte sich eine ziemlich große aufgeregte Menschenmenge; es wurden von Zeit zu Zeit Drohungen gegen die Juden ausgestoßen, und im Ganzen etwa 12 Fensterscheiben eingewvrfen. Ter jüdische Kaufmann Moses Freundlich, welcher an dem Fenster seiner erleuchteten Borderstube stand, wurde durch einen Steinwurf an der Stirn verletzt. Gegen 10 Uhr Abends kam der Omnibus des Mund'schen Hotels, in welchem sich die beiden Heidemann's und der Vorsteher der Synagogen-Gcmeinde Löwe, sowie andere Personen befanden, in die Stadt. Die Menge verfolgte den Omnibus zum Hotel Mund, und von da zum Heidemann'schen Hause. Aus dem Markte schlossen sich zur Deckung ein Gensdarm und ein Polizeisergeant an. Es sind einige Scheiben des Omnibus eingeworfcn. Dagegen ist Niemand in den Omnibus eingcdrungeu, vielmehr nahm zur Sicherheit der Insassen ein der hier gebildeten Bürgerwache angehöriger Bürger im Omnibus Platz. Der Zeuge Merner hat bei dem Aussteigcn aus dem Omnibus einige Stockschläge erhalten, verletzt ist derselbe nicht. — Eine Strecke vor dem Heidemann'schen Hause hielten der Bürgermeister und Polizeibeamte die Menge soweit zurück, daß der Omnibus von sehr wenigen begleitet, vor dem Hcidemann'schen Hause ankam. Heidemann's und Löwe konnten sich ohne jegliche Verletzung in das Heidemann'sche Haus begeben. Heidemann ist also nicht halb todt geschlagen, das Heidemann'sche Haus ist nicht demolirt, ebensowenig ist das Leshcim'sche Haus beschädigt, geschweige denn demolirt. Am Sonntag, den V. März, Abends wurden 2 Läden jüdischer Kaufleute erbrochen, in dem einen der Inhalt der nicht verschlossenen Ladenkassen umhergeftreut und nur zum Theil entwendet. Waaren sind aus beiden Läden in ganz geringer Quantität gestohlen. — Außerdem wurden die Fensterscheiben