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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-11-01 · Heft 44 (1.11.1881) · p. Seite 724

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 44 (1.11.1881)
Date
1881-11-01
Page
Seite 724 (sequence 4)
Language
German
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724 Li» rumänisches Circulair. Wir haben in Nr. 41 ein Circulair des russischen Ministers Jgnatieff veröffentlicht — heute haben wir ein Circulair des rumänischen Ministers des Innern, Rosetti, mitzutheilen, das den gerade entgegengesetzten Geist athmet, und deshalb zur Vergleichung auffordert. So bewährt sich auch hier der alte Erfahrungssatz, -aß durch die göttliche Fügung den Verfolgten in dem einen Lande Rettung ersprießt, wenn in einem andern ihr Verderben geplant wird. Das an die Polizeipräfekten gerichtete Circulair lautet: „Seit ungefähr dreißig Jahren hat eine ununterbrochene Invasion von Juden, die aus anderen Staaten nach Rumänien sich flüchteten, im Lande eine ökonomische und sociale Erschütterung hervorgerufen. Diese schwierige Frage hat nach langen Kämpfen, soweit es eben möglich war, durch das von den Kammern votirte Gesetz eine Regelung gefunden. Indem den Juden bei uns alles gewährt wurde, was Recht und Billigkeit für sie verlangen konnte, hat Rumänien seine Lage verstärkt, um, ohne Verleumdungen ausgesetzt zu'sein, alle durch die öffentliche Sicherheit geförderten Maßnahmen gegen die Invasion von subfistenz- und berufslosen Fremden Zu treffen. Nachdem diese Frage derart geregelt worden war und eine weitere Regelung derselben in Aussicht stand, war man zum Glauben berechtigt, daß sie nicht mehr in den Bereich jener Fragen gehören würde, welche Aufregungen Hervorrufen und Leichtgläubige irreführen. Aber seit ungefähr dreißig Tagen habe ich mit Verwunderung Anzeichen vorgefunden, welche in mir den Verdacht erregen, daß es noch Leute gebe, welche neuerdings Judenhetzen hervorzurufen bestrebt find. Indem ich diese Symptome, welche meine Aufmerksamkeit wachriefen, weiter verfolgte, machte ich die schmerzliche Wahrnehmung, daß ich mich nicht getauscht habe. Ich habe gefunden, daß gewiffe Leute in ihrer Verblendung so weit gehen, daß sie in einigen Orten durch Affichen das Publikum gegen die Juden aufzuhetzen suchen, ja, daß sogar das Wort „Mord" ausgesprochen wird. In zwei Ortschaften, wo dergleichen Affichen gefunden wurden, ist constatirt worden, daß die Urheber Diener in den niedrigsten Kaffeehäusern und ganz ungebildete Leute waren. Diese Personen sind offenbar blinde Werkzeuge in den Händen von Leuten, die kein Berständniß für das Unheil haben, welches sie über das Land durch derartige verbrecherische Aufreizungen heraufbeschwören. Ich ersuche Sie daher, Herr Präfekt, wachsam zu sein und nicht nur auf die blinden Werkzeuge dieser verbrecherischen Aufreizungen die Hand zu legen, sondern auch darauf zu sehen, daß die wahren Urheber dieser Hetzereien von der Polizei entdeckt werden. Ich ersuche Sie ferner, im persönlichen Verkehr die Bürger aller Klaffen auf die Gefahr aufmerksam zu machen, denen sich jede Gesellschaft aussetzt, die sich zur Begehung derartiger Verbrechen herabwürdigt. Ich appellire an alle Bürger ohne Unterschied der socialen und politischen Parteistellung, sie möchten Jedermann über das Unheil aufklären, das durch solche Verbrechen dem Lande zur Last fallen würde und darauf Hinweisen, wie schwer es unfern Ruf schädigen würde, wenn es hieße, wir verstünden nicht von der Freiheit Gebrauch zn machen und sähen allzu gleichgültig zu, wie dieselbe durch Hetzereien verbrecherischer Natur seitens einiger Verblendeter erdrückt wird. Als Minister für die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung verantwortlich und verpflichtet, das Uebel im Keime zu ersticken, verlange ich, Herr Präfekt, in dringendster Weise, daß Sie in kürzester Zeit die Urheber dieser verbrecherischen Umtriebe entdecken und daß Sie allen die Ueberzeugung beibringen, daß ich ihnen gegenüber schonungslos und in ihrer ganzen Schärfe die Gesetze des Landes in Anwendung bringen werde." (Vgl. auch die Zeitungsnachricht aus Bukarest.) Aus Rußland. Petersburg, im Oktober. In der zweiten Hälfte des August c. find aus Wilna, Kowno, Witebsk, Mohilew, Grodno, Kiew, Shitomir, Jelisawetgrad, Cherson, Simferopol, Jekaterinoslaw rc. rc. verschiedene jüdische Notabeln — Rabbiner, Gelehrte, Aerzte, Advokaten, Stadträthe, Finanziers rc. — in der Residenz eingetroffen, um über die gegenwärtigen so schwierigen Zustände der Juden zu berathschlagen, und namentlich darüber, wie die materielle und geistige Lage derselben zu verbessern wäre. Nach geschehener Anzeige beim Herrn Minister des Innern versammelten sich diese 56 Notabilitäten am 30. August im Hause des Herrn Baron Günzburg, um die erste Sitzung abzuhalten. Wie der „Hamelitz" zu erzählen weiß, soll auch die äußere Physiognomie dieser Versammlung einen gewaltigen Effect gemacht haben. In dem prächtigen Sitzungssaals faßen auf vergoldeten Stühlen neben einander Personen, die in Hinsicht ihres Alters, ihrer Erscheinung, ihrer Tracht, ihrer Anschauungen und ihrer Lebensweise so sehr divergiren und dabei doch von dem einmüthigen Wunsche beseelt waren, ihrer Nation Hülfe zu leisten. Nachdem Baron Günzburg, der einstimmig zum Präses gewählt, über den gegenwärtigen Stand der Judenstage referirt und Alles, was bis hiezu zur Lösung derselben geschehen, mitgetheilt hatte, wurden, nach lebhafter Debatte, bei welcher fast alle Anwesenden sich betheiligten, folgende 9 Puntte auf die Tagesordnung gesetzt: 1) Die Zustände in den von den Judenhetzen betroffenen Gebieten klarzulegen und die in jenen Ortschaften vorhandenen

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