Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 44 (1.11.1881)
- Date
- 1881-11-01
- Page
- Seite 723 (sequence 3)
- Language
- German
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723 aus einer achtzigjährigen Pilgerfahrt" (Leipzig 1861) erberufene und zusammengesetzte Commission für die Revision scheinen lassen. In diesem politischen Glaubensbekenntnis das der lutherischen Bibelübersetzung. Nachdem man in den eine Fülle von historischem Material enthält, spricht sich Kalch- ] berg auch über die Juden in Galizien aus. Er schreibt: „Als ich am 9. April 1853 bei —9° R. Morgens in Lemberg eintraf, sollte ich sogleich einen Beweis von der Unentbehrlichkeit uud Nützlichkeit der Juden in Galizien erhalten. Ein hochgestellten Beamter, welchen ich gebeten hatte, mir eine paffende Wohnung auszumitteln, war sofort bei meiner Ankunft bei mir im Hotel erschienen, um mir ein Berzeichniß von Wohnungen vorzulegen. Ich beschloß sogleich die Runde zu machen. Als ich unter das Hausthor trat, grüßte mich ein jüdischer Faktor mit der Frage: „Suchen Exzellenz eine Wohnung?" „Jawohl!" war meine Antwort. Obschon mein Begleiter den Zudringlichen abwehrte, frug ich doch: „Hast sechziger Jahren den Text der Uebersetzung des neuen Testamentes durchgenommen hatte, sind zur Revision des alttestamentlichen Textes 10 Jahre nöthig gewesen. Wenn auch nicht in allen Jahren des verslossenen Jahrzehntes, so doch in den meisten, trat zweimal eine Anzahl evangelischer Theologen und alttestamentlichcr Exegeten verschiedener Hochschulen auf mehrere Wochen in den Oster- und Herbstserien in Halle zusammen, um die von verschiedenen Reserenten vorbereiteten Abänderungsvorschläge zu begutachten und nach zwei Lesungen einen revidirten Text festzustellen. Wie es bei einem wissenschaftlichen praktischen Unternehmen, an dem so viele Gelehrte Mitwirken, nicht anders sein kann, wird auch dieses die Spuren der Biclköpfigkeit seines Ursprungs Du welche?" Er sagte: „Ja, gleich hier unten au der! an sichtragen. Die schwankenden Mehrheiten können es nach Promenade, die Wohnung des Bankiers H." Mein Bekeiner Seite hin zu innerer Folgerichtigkeit kommen lassen, gleiter entgegnete, diese sei ja nicht frei. „Aber sie wird, Der Augsburger „Allg. Z". schreibt man darüber (wohl von es demnächst", versetzte der Jude. Nun denn, ich fuhr hin fachmännischer Seite) aus Leipzig: und siehe da, dieselbe wurde demnächst frei und war entsprechender als alle, welche mein Begleiter verzeichnet hatte; ich nahm sie und blieb darin durch alle Jahre, die ich in Lemberg zubrachte. Jeder christliche Gewerbsmann hält sich einen jüdischen Faktor. Etwa ein Jahr später besuchte mich ein eben angekommener Herr Feldmarschall-Lieutenant und klagte, daß er sich für seine Bedürfniffe nicht zu rathen und zu helfen wiffe. Ich empfahl ihm, einen jüdischen Faktor zu nehmen, er aber war indignirt über eine solche Zumuthung. Ich lächelte und meinte: „Kommt Zeit, kommt Rath." Eine Woche darauf rief er mir auf der Straße lächelnd zu: „Ich habe bereits meinen Faktor und bin in Ordnung." Die Judenfreffer in Galizien sind eine eigcnthümliche Spezialität, heute schimpfen sie, daß es Einem bange wird, aber siehe da, des andern Tages begegnest du den Grimmigen Arm in Arm mit dem Manne im Kaftan, welcher der Propinator, der Geldbeschaffer und der Zubringer jeder Art für oen zürnenden Es haben sich zwischen dem philologischen Berathcr und der Kommission Schwierigkeiten herausgestellt, die nur mühsam ausgeglichen werden konnten, und das, was über die endgiltige Textconstitution verlautet, läßt in mancher Beziehung eher auf einen Rückschritt als auf einen Fortschritt der Revision schließen. Ein Beispiel mag das beweisen und Zeugniß ablegen von dem Geiste, der jetzt unter den evangelischen Theologen einer in den Vordergrund getretenen „kirchlichen" Richtung die Oberherrschaft behauptet. Das hebräische Wort für die große Fluth, die im ersten Buch Mosis an den Namen Noahs geknüpft ist, heißt Mabbul. Es wird im Alten Testament nur von dieser großen Fluth gebraucht. Luther hat es mit dem altdeutschen Wort Sintfluth, d. h. große Fluth, wicdergegeben. Daraus ist dann nach Luther durch eine falsche Etymologie das gewöhnlich gebrauchte Wort Sündfluth geworden. Nun sollte man denken, eine Commission von evangelischen Theologen zur Christensohn ist, denn der Jude ist ihm eben unentbehrlich, sozia^ Revision der Lutherischen Uebersetzung hätte das jetzt nicht unentbehrlich. Ich sah einen Bauer, der, als ihm der jüdische mehr gebräuchliche Wort „Sintsluth" entfernt, jedenfalls das Branntweinschänker den versagten Kredit wieder gewährte, den Juden umarmte mit dem Ausrufe: „Du bist meine Herrschaft, mein Kreishauptmann, mein Kaiser, mein Herrgott." Entrüstet ist der greise Staatsmann über den Antisemitismus, den er einen Rückschritt nennt, den hoffentlich schon die nächste Generation tief beschämt zurückweisen werde. Er beruft sich auch auf die politische Erfahrung, welche das Judenthum durch Verfolgungen nur immer gefesteter und gekräftigter erscheinen läßt, so wie der Thon im Feuer konsistenter wird. X. Halle, im Okt. Allhier tagt jetzt zum letzten Mal die von den deutschen evangelischen Kirchenregimentern einganz falsche „Sündfluth" getilgt. Aber auf den Antrag des Consistorialpräsidenten Hegel hat man, da dieser notorisch ganz falsche Ausdruck, der durch nichts als durch die falsche Volksetymologie in den Text gekommen ist, doch zu tief in das kirchliche Bewußtsein des evangelischen Volkes eingedrungen sei, denselben beibehalten! — Wir haben in allen unseren Bibelansgaben r*co mit „Fluth" übersetzt und hielten es stets damit, daß wir Juden weder „Sintfluth", noch „Sündfluth", sondern „Fluth" und zu näherer Bezeichnung „die noachidische Fluth" sagen. Wir sind verpflichtet, den Text vor jeder Eintragung eines ihm fremden Sinnes zu schützen. Redaction. 44'