Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 43 (24.10.1876)
- Date
- 1876-10-24
- Page
- Seite 697 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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697 orte eine öffentliche nan vor den versammelten Kundigen. In Prag fand er jedoch nicht, was er suchte, wanderte daher, da er dort von der bedeutenden Jeschibah hörte, welche damals unter Rabbi M. Sofer in Preßburg blühte, nach dieser Stadt, um dessen Unterricht zu genießen. Wie hoch dieser Lehrer, ungeachtet ganz veränderter religiöser Ansichten, fortdauernd in feiner Achtung fiand, zeigen die Worte in der Vorrede zu dem Werke „Kritiscke Lese": „Ich saß einige Jahre zu den Füßen des in Lehre, Thal und Tugend großen Moses Sofer", so wie der Eifer, mit welchem er sich desselben vor wenigen Jahren in der A. Z. d. I. gegen vr. Zunz annahm. , Und doch war es in Preßburg, wo seine geistigen Bestrebungen eine andere Richtung erhielten, indem er dort in einem Privathause, in welchem er Unterricht ertheilte, sowohl die alte als die deutsche klassische Literatur kennen lernte, und sich nicht nur, wohl heimlich, mit beiden beschäftigte, sondern auch dadurch angeregt wurde, seine hebräischen und talmudischen Studien in wiffenschaftlicher Weise zu betreiben. So verließ er Preßburg nach ca. sieben Jahren als tüchtiger Hebräer und Talmudist, aber auch mit andern Kenntnissen bereichert. Er weilte eine Zeit lang in seinem Vaterorte, um seine damals schon wankende Gesundheit zu stärken, und ging nach Halle, wo er bei Gesenius gme Aufnahme, wie auch Anregung und Unterstützung in seinen wissenschaftlichen Bestrebungen fand. Nachdem er einige Jahre dort verweilt, kam er nach Berlin, wo er sich bald durch Geist, Kenntnisse und Charakter Anerkennung und theilnehmende Freunde, so wie auch durch wissenschaftliche Arbeiten den Namen eines gründlichen Gelehrten verschaffte. Als daher von Seiten der Cultusgemeinde ein israelitisches Lehrer-Seminar unter Direction des i)r. Zun; in's Leben gerufen wurde, erhielt auch er eine Anstellung an demselben. Tech hielt sich dieses Institut nicht lange, sondern wurde von einem spatern Cultus-Vorstanve von neuorthodoxer Richtung wieder aufgehoben. Die hierdurch entstehenden Kämpfe, bei welchen Lebrecht's scharfe Feder sich auszeichnele, endigten mit der Gewährung einer mäßigen Pension an die betreffenden Lehrer. Später erhielt er eine Anstellung an der B. H. Ephraim'schen Lehranstalt, welche Stiftung, eine Zeit lang dem Judenthum entfremdet, mit auf sein Betreiben demselben zurückgestellt worden. In jener Zeit oder früher scheint auch der Plan in ihm aufgetaucht zu sein, den Talmud ohne Commentare, aber mit kritisch richtig gestelltem Texte und mit Anführung von verkommenden Parallelstellen herauszugeben, welchem Plane die lehrreichen Schriften: „Handschriften und erste Ausgaben des babylonischen Talmud", Berlin 1862, und „Kritische Lese verbesserter Lesarten und Erklärungen zum Talmud", Berlin 1864, ihre Entstehung verdanken. Ob jenes verdienstliche Werk zur Ausführung gekommen, oder ob Kränklichkeit, Mangel an Theilnahme, oder eine andere Ursache die Ausführung verhindert, ist Schreiber dieses nicht bekannt geworren. F. Lebrecht feierte vor wenigen Jahren seinen siebzigsten Geburtstag unter großer Theilnahme seiner vielen Freunde, welche er sich durch seine hervorragenden geistigen Eigenschaften, wie durch sein liebenswürdiges Betragen erworben. Seitdem besuchte er zum dritten Mal seit seinem Aufenthalt in Berlin seinen Heimathsort, wo er den Vorsatz kundgab, im nächsten Jahre nach Erlangen überzusiedeln. Der Tod ließ diesen Vorsatz nicht zur Ausführung kommen, und erlöste ihn von seinen körperlichen Leiden. Segen seinem Andenken! Vermischtes. Ein Artikel in dem „Neuen Pester Journal" „die Juden in der Türkei" enthält nichts, was man nicht längst wüßte, schließt aber mit einem Histörchen, für das wir die Bürgschaft dem Verfasser des Artikels überlassen. Er sagt: „Die jüd. Frauen sind meistens von prächtigem Wüchse, und die begeistert« Schilderung, mit welcher der gekrönte jüd. Sänger Frauenlvb seine Sulamith sich zeichnete, paßt gar oft auf solch' eine Gestalt. „Blonde Jüdinnen" findet man im Oriente nicht. Die Frauen gehen gleich den Türkinnen auf der Straße gänzlich verschleiert, nur muffen sie zum Unterschiede ein Abzeichen tragen, damit sie nicht mit einer Türkin verwechselt werden. Ihre Stellung in der Familie ist eine weit bessere, als diejenige der Türkinnen, nähert sich aber nicht derjenigen, welche unsere Frauen in der Gesellschaft inne haben." „Die türkisch-jüdischen Frauen sind überaus religiös und stellen die Heiligkeit des Familienlebens und die Reinheit ihrer Tugend über Alles. Nachstehendes Histörchen, das bis heute noch nicht in die Oeffentlichkeit gedrungen, charakterisirt sie vorzüglich." „Mau zählte eben das zweite Jahr nach der Thronbesteigung Abdul Aziz', als er eines frühen Morgens mit seinem glanzenden Stabe durch die schmutzigen Straßen des Ghettos ritt. Jefta, des reichen Abrahamiten Abirr hübsches Töchterlein, lugte gar neugierig vurch's schmale Fensterlein nach dem ungewohnten herrlichen Aufzuge, der sich ihr darbot. Auch sie entging den Blicken des lüsternen Scheerenkönigs nicht, denn noch stürzte sich die Sonne nicht in die kühlenden Fluchen des Meeres, als sich Jefta in dem balsamgeschwängerten Erden-Houri Abdul Aziz' befand." „Noch waren die vier Wochen der Waschung und Salbung nicht vorüber, als Jefta mit dem seidenen Tüchlein des Sultans beglückt wurde. Die Nacht senkte ihren dichten Schleier über Stambul; melodisch schlugen die Wellen an das feste Gemäuer des Serails. Sinne berückende Töne erklangen gar leise, ein Zeichen, daß eine Jungfrau wieder der Sinnlichkeir Abdul Aziz' zum Opfer fällt. Doch diesmal sollte seine Lüsternheit nicht befriedigt werden, denn anstatt der mit Sehnsucht erwarteten warmen Umarmung fand er einen starren, kalten Leichnam 43*