Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-10-24 · Heft 43 (24.10.1876) · p. Seite 698

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 43 (24.10.1876)
Date
1876-10-24
Page
Seite 698 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3227069-3227113--34857-3304773
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Iefta hatte das seidene Tüchlein dazu benützt, um sich damit zu erwürgen." „Seit dieser Zeit wurde keine Jüdin im Harem Abdul Aziz' ausgenommen. Zum Danke dafür wird alljährlich am jüdischen Allerseelentage ein besonderes Gebet für die arme Iefta in allen türkischen Synagogen verrichtet." — Das Colorit, welches der Erzähler seinem „Histörchen" giebt, erweckt nicht viel Vertrauen auf seine Glaubwürdigkeit. Mag dem aber auch so sein, jedenfalls giebt er ein Zeugniß für die allgemeine Meinung, die man von den türkischen Jüdinnen hegt. Die menschliche Culturfähigkeit und die Forderungen der Humanität beschäftigen uns zu oft in diesem Blatte, als daß wir nicht auch hier folgende intereffante Bemerkungen mittheilen sollten. „In einer der letzten Sitzungen der Hamburger Naturforscherversammlung hielt Profesior Birchow einen bemerkenswerthen Vortrag über die Nächstliegenden Ziele der Anthropologen. Er leitete denselben damit ein, daß die Anthropologie trotz ihrer Äugend jetzt schon mit manchen allen Anschauungen aufräume; so mit der Meinung, daß die niedrigst befähigten Völker diejenigen seien, welche am wenigsten Cultur besaßen. Der Schluß von der Culturleistung auf die Culturfähigkeit sei nur zulässig bei Völkern, die mitten in einer großen Culturbewegung standen, nicht aber bei ganz isolirten Völkern. So ständen die australischen Papuas keineswegs so tief, wie man bisher geglaubt habe. Aus dieser Erkenntniß schöpft Birchow eine tief humane Lehre, nämlich die Widerlegung der Meinung, daß solche Völker dem Untergang unausweislich geweiht sind, wenn sie mit Cultivirten in Berührung kommen. Birchow meint, der Untergang solcher Völker sei mehr der Rohheit der Europäer und ihrer Unfähigkeit, jene Völker zu erziehen, zuzuschreiben. Der Beweis sei noch keineswegs geliefert, daß sie untergehen müßten, weil sie nicht bildungsfähig sind. Es liege hier ein Widerspruch der Europäer mit ihren eigenen Anschauungen vor. Wenn man den heutigen cultivirten Menschen als das Product einer höheren Entwicklung erkläre, so dürfe man die Möglichkeit einer solchen Entwicklung nicht als eine Quelle des Unterganges für jene Völker ansehen, die heute auf einer Culturstufe stehen, auf der wir einmal gestanden haben müsien. Es sei daher dringend nothig, neben der Beobachtung der äußeren Erscheinungen, dem Sammeln von Möpsen, Waffen, Kleidern, auch über die geistige Thätigkeit uncultivirter Völker, über ihre Sprache, ihr religiöses Denken systematische Beobachtungen zu machen, und so wendet sich Birchow hier in Hamburg, nachdem eine ähnliche Anregung bei der Kriegsmarine nicht viel gefruchtet, an die deutsche Handelsmarine, aus deren Mitte die Wiffenschaft so viele Förderungen erfahren, mit der Bitte, den Capitänen, die in solche Länder reisen, Fragebogen in dem oben angedeuteten Sinne auf ihre Fahrten mitzugeben und durchs sie Notizen sammeln zu lassen. Es sei keine Zeit zu verlieren und jeder Tag kostbar. An dem Beispiel der Zerotekas, Nachkommen der alten südamerikanischen Culturvölker, wies Birchow nach, wie wichtig derartige Arbeiten namentlich bei Völkern sind, die in rapidem Aussterben begriffen sind. Bon dem genannten Volke waren, als der Ethnograph Behrend dasselbe aufsuchte, nur noch wenige Greise vorhanden, welche Spuren der alten Sprache bewahrt hatten." — Die Bemerkungen Virchow's sind in jeder Beziehung richtig und von großem Gewicht für die Beurtheilung des Menschengeschlechtes. Daß die Berichte der Reisenden über dasselbe Volk, namentlich unter den uncultivirten Racen sich oft auf's Aeußerste widersprechen, haben wir erst jüngst an dieser Stelle hervorzuheben Gelegenheit gehabt. Würden nach dem Vorschläge Virchow's zahlreiche Berichte vorliegen, so könnte daraus die Wahrheit leichter ermittelt werden. Es sind, lehrt die Geschichte ferner, von den Europäern Stämme zum Untergang gebracht worden, welche bereits eine nicht geringe Culturstufe erreicht hatten. Wir glauben z. B. nicht, daß die Peruaner und Mexikaner, als die Spanier in deren Reiche einfielen, um sehr viel geringer cultivirt waren als diese, nur daß die Spanier die Feuerwaffen für sich hatten, die Eingeborenen mittels derselben unterwarfen und sie alsdann in der abscheulichsten Weise mißhandelten. Jndeß kann man auch den Nordamerikanern Len Vorwurf nicht ersparen, die empörendste Ungerechtigkeit gegen die Rothhäute bis auf den heutigen Tag zu verüben. Man verdrängt sie selbst aus den ihnen durch Berttag zugesicherten Sitzen, reizt sie dadurch zum Angriff und rottet sie dann durch überlegene Macht aus. So geschieht es noch vor unsren Augen. Die Geschichte aber muß auch diese Nachtseiten der civilisirten Völker verzeichnen. Als ein unterscheidendes Merkmal wollen wir hervorzuheben nicht unterlassen, baß der Islam alle Nichtmohammedaner K i a f i r s, d. h. Leugner, Ungläubige nennt, während das Judenthum mit demselben Worte (nTiv) nur den wirklichen Gottesleugner, besonders in der eigenen Mitte bezeichnet, die Andersgläubigen allein nach dem Inhalte ihrer Lehre z. B. 2 "12"^ die Anbeter der Gestirne. Uebrigens sprechen auch noch andere Religionen von „Ungläubigen", womit sie alle Andersgläubigen bezeichnen. An der neuen Universität zu Czernowitz (Bukowina) studirten im Wintersemester l 875,76 166 Studenten. Davon kamen 64 auf die griechisch-orientalische Kirche, 36 auf die jüdische Religion, 34 auf die römisch-katholische Kirche, 29 auf die griechischkatholische, 2 auf die armenisch-katholische und 2 auf die evangelische.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.