Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 20 (11.5.1875)
- Date
- 1875-05-11
- Page
- Seite 322 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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322 ihre gut geregelte Gemeindeverfastung bei. An ihrer Spitze stand ein strenger und eifriger Rabbiner, der später Oberrabbiner in Posen wurde.*) Er war im Rufe eines großen Gelehrten und eines halben Heiligen. Seine kleine Gestalt, sein blasies Gesicht widersprachen der Sage nicht, daß er wöchentlich mehrere Tage saste und auf bloßer Diele schlafe. Ec war überaus gewistenhaft in der Befolgung aller talmuvischen Vorschriften und Gesetze, namentlich auch der durch die polnischen Rabbiner noch hinzugefügten Vorschriften; und wer da weiß, was Liese fordern und dem Menschen anmuthen, der kann sich vorstellen, welch' eine furchtbare Last auf seinen Schultern lag, aber auch durch ihn zugleich der Judenschaft aufgebürdet wurde. Dennoch**, wurde dadurch weder die Achtung vermindert, die man ihm zollte, noch der Gehorsam gegen seine Befehle." Die biblischen Stoffe scheinen setzt wieder in die Mode zu kommen, das heißt auf der Bühne, und zwar in Operntexten, und merkwürdiger Weise sind jüdische Dichter und Componisten die Werkzeuge hierzu. Wir haben jüngst über die Oper „Die Königin von Saba", gedichtet von Mosenthal, componirt von Goldmark, berichtet, welche in Wien großen Beifall fand und im nächsten Winter in Berlin zur Aufführung kommen wird. In diesen Tagen nun kam in Berlin eine neue Oper „Die Makkabäer auf die Bretter, ebenfalls von Mosenthal gedichtet, von Rubinstein, der dem jüdischen Stamme angehört, componirt, und ebenfalls mit großem Beifall ausgenommen. Diesmal allerdings hat Mosenthal nur das bekannte Trauerspiel gleichen Namens" von Otto Ludwig zu Grunde gelegt und in ausgedehntem Maße als Operntext reproducirt. Wir haben bereits in einem früheren Jahrgangs die Vorzüge und Schwächen der Ludwig'schen Dichtung besprochen, die ungeschichtlich, jedoch in dichterisch gerechtfertigter Weise einen Sprößling des makkabäischen Hauses zum gleichzeitigen Verräther an Religion und Vaterland macht, ihn jedoch zu einem nicht genügend motivirten Martyrium umkehren läßt, was der Verfasser des Operntexles ebenfalls ausgenommen hat. Eigenthümlich ist es, daß die Berichterstatter über beide Opern die Gesänge und Musik religiösen und nationalen Inhalts als sehr gelungen und eindrucksvoll, die der Liebesscenen aber als mißlungen in beiden Piecen erklären. Daß auch in den „Makkabäern" synagogale Melodien häufig durchklingen, heben die Berliner Referenten hervor. Nach ihrem Urtheile wird auch diese Oper nicht gar zu schnell vom Repertoir schwinden. *) ES war dies der vielgerühmte, auch durch einige Schriften «Dcrufchim, Thefchubot und Thoscphoth zur Mischna, bekannte R. Akiba Eger, der 1837 in Posen verstarb. Redaction. **) Hakte Klöden die Juden damaliger Zeit noch besser verstanden, so würde er hier nicht „Dennoch", sondern „Deshalb" gesagt haben. Redaktion. Römische Zustande. Eine lange Zeit hindurch, und sie ist noch nicht ganz vorüber, wurde die hellenische und römische Cultur hochgepriesen, und ihr gegenüber die allleslamevtliche, ivsonders die mosaische fast verächtlich behandelt. Wir sagen gegenüber — denn allerdings bildet die letztere zur ersteren in den meisten Punkten einen Gegensatz. Aber genauere und unparteiischere Forschungen haben ein ganz anderes Urtheil über diese beiden großen Erscheinungen des Alterthums festgestelll. Heben wir heute nur einen Zug hervor, der allerdings schon oft in Betracht gezogen worden. In einer ttefflichen Monographie: „Karl Bücher, Die Aufstände der unfreien Arbeiter 143 bis 129 v. Ehr. Frankfurt a/M. 1874", werden in einigen Zügen die Zustände der Sklaverei im römischen Staate zu jener Zeit geschildert. Vergegenwärtigt man sich nun, wie durch die mosaische Gesetzgebung innerhalb des jüdischen Volkes das Sklaventhum fast aufgehoben und in seinem Reste durch die humansten gesetzlichen Bestimmungen abgeschwächt worden: so wird man nicht zweifeln, wem man die Palme des Menschenthums zuzusprechen, und wen der modernen Humanität zunächst zu stellen habe. Zur Erhärtung geben wir hier Einiges aus dem römischen Sklavenleben wieder: „Die Römer hielten immer an der Strenge des Kriegsrechts fest, nach welchem der besiegte Feind mit Gut und Leben dem Sieger verfallen war. Schon im Jahre 209 nach der Eroberung Tarents, wurden 30,000 Gefangene verkauft, im Jahre 207 nach der Schlacht am Metaurus über 5000, im Jahre 200 mindestens 15,000. Tiberius Sempronius Grachus warf bei seiner Rückkehr aus dem sardinischen Kriege (17 7>, in welchem mehr als 80,000 getöolet oder gefangen wurden, solche Masten auf den Sklavenmarkt, daß der Preis bedeutend fiel, und seitdem das Sprichwort in Schwang kam: „Spottbillig wie ein Sarder". Nach der Besiegung des Perseus wurden im Epirus siebenzig Städte zerstört und 150,000 Menschen verkauft. Die lebendige Beute begann ein Hauptfactor zu werden bei jedem neuen Kriege, und die jahrelangen Kämpfe gegen ungefährliche ligurische, illyrische und spanische Stämme scheinen lediglich Sklavenhetzen gewesen zu sein. Dem Heere folgte der Sklavenspeculant; der Feldherr war vielleicht selbst ein solcher; und fehlte es an Feinden, so griff man wohl Freunde an, unter Mißachtung von Eiden und Staatsverträgen. Und daneben blühte der Sklavenhandel; Sklavenschiffe durchkreuzten überall das Mittelmeer; die Hauptzufuhr wurde aus den Ländern Borderasiens durch Kreter und Kilikier geliefert» welche daneben beide das verwandte Gewerbe des Seeraubes trieben. Keine bedeutende Stadt, kein nennenswerthes Heiligthum entbehrte des Sklavenmarktes; der Hauptfiapelplatz war aber das von den Römern gegen Rhodos begünstigte Delos; 10,000 Sklaven wurden hier oft an einem Tage umgesetzt. Die Behandlung war die denkbar schlechteste. Wo der Ackerbau noch das Feld behauptet hatte, lebten die armen Knechte unter der Aufsicht eines selbst unfreien Verwalters heerdenweise beisammen.