Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 20 (11.5.1875)
- Date
- 1875-05-11
- Page
- Seite 323 (sequence 13)
- Language
- German
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323 Ihre Wohnung bildete die wohlverwahrte Arbeilercaserne, ein halb unterirdisches Gebäude mit vielen schmalen Fenstern, welche so hoch vom Boden angebracht sein mußten, daß sie nicht mit der Haud erreicht werden konnten. Mit Fesseln belastet, aus Stirn und Gliedern gebrandmarkt, zogen sie am srühen Morgen zu harter Arbeit aus. Es war dafür gesorgt, daß sie bis Sonnenuntergang in Athem erhallen wurden. „Der Sklave muß entweder arbeiten oder schlafen," hatte der alte Cato gesagt, der römische Musterwirthfchaster dieser Zeit. Den Herren kam es lediglich darauf an, mit möglichst geringen Kosten möglichst reichen Gewinn zu machen. Wiesen sie doch die Sklaven zur Befriedigung ihrer geringen Bedürfniffe an Nahrung und Kleidung ausdrücklich auf den Raub hin, der ohnedies dem Hirtenleben so nahe liegt. Bald war in ganz Sicilien Weg und Steg unsicher; allein und unbewaffnet wagte Niemand mehr» selbst auf den Hauptverkehrsstraßen der Insel, zu reisen; täglich hörte man von Raubmord und Gewaltthat. Den römischen Rittern und der einheimischen Geldaristokratie war die allgemeine 'Roth gleichgiltig, und die römische Obrigkeit war zufrieden, wenn die Steuern, Zehnten und Hutgelder regelmäßig in den Schatz zu Rom, d. h. zunächst in die Taschen der Generalpächter, stoffen." Die Juden nm 1800 nach christlicher Schilderung. Im Verlause der von uns schon erwähnten „JugenLerinnerungen Karl Friedrichs von Klöden" »Leipzig, 1S74) finden wir einige Auszeichnungen über die Juden in Markisch- Friedland aus dem Jahre lSüo, welche als Auffassung eines wohlwollenden Christen damaliger Zeit den Leser interessiren werden, und die wir deshalb hier wiedergeben. „Mit den Juden standen wir ununterbrochen in einem nothwendigen Verkehr und Umgänge, der zum Theil sogar freundschaftlich geworden war. Es gab unter ihnen recht wackere und redliche Leute, und mancher Christ hätte sich an ihrem Beispiele spiegeln können. Der Eifer, mit welchem sie ihren religiösen Verpstichtungen nachzukommen suchten, hatte etwas Rührendes und machte sie ehrwürdig. Wenige nur gab es in jener Zeit, welche es damit leicht nahmen, ungeachtet ein großer Theil dieser Pflichten sehr lästig und mit nicht unbedeutenden Opfern verbunden war. Nicht zu gedenken der unzähligen Vorschriften, insbesondere der polnischen Rabbiner, welche für jede, auch die unbedeutendste Handlung des menschlichen Lebens bestimmte Gesetze ausführliche Regeln und Gebete enthalten, so sind insonderheit die Sabbathgesetze und die Vorschriften für die Feier der Feste sehr streng und fordern Opfer und Entsagung mancherlei Art. Niemand vermag sich ihnen, ohne in harre Strafen zu verfallen, zu entziehen. Gegen diese Strafen kann keine weltliche oder christliche Obrigkeit schützen; Alles hängt dabei von dem Rabbiner ab. Die höchst eigenthümliche Verfassung, die Lehrmeinungen , besonderen Ansichten und Gebräuche der Juden waren unausgesetzt ein Gegenstand unserer Betrachtungen und Beobachtungen, wie dies bei der steten Umgebung und dem Verkehr mir ihnen nicht anders sein konnte." „Außer den Sabbathen und Feiertagen gaben die Begräbnißfeierlichkeiten, Hochzeiten, die Mondscheinanrachten u. s. w. so manches zu beobachten und zu Lenken. Besonders setzte das Versöhnungsfest und die Feier der Zerstörung Jerusalems die Stadt in Bewegung. An beiden Festtagen war der ziemlich lange Weg vom Thore bis zum jüdischen Begräbnißplatze vom srühen Morgen an zu beiden Seiten mit dichten Gruppen jüd. Bettelvolkes, der sogenannten „Pletten" *). besetzt, welche dazu von weit nnd breit herbeigeströml waren. Bei jeder Familie befand sich ein großer Hause von Kindern. Der Sage nach waren die meisten derselben unechte Sprößlinge einer jüd. Mutter von einem christlichen Vater; denn es wurde behauptet, daß, wenn eine solche Geburt vorkäme, das Kind jederzeit Len Pleiten übergeben würde; daher ihr großer Klnderreichthum. Ob die Sage begründet ist, habe ich nicht untersuchen können.**» — Diese Pletlen sind ein höchst elendes Volk. Mit Lumpen bekleidet, von Schmutz und Ungeziefer starrend, fast ohne Heimath und Wohnung, führen sie ein Leben weit kläglicher, als die Zigeuner, und sind fast alle Vagabunden. Wer Bettlergruppen in Callots Manier nach allen ihren Abstufungen und Gestalten studiren wollte in meist überaus malerischen Gruppen, wie sie der Zufall und eine höchst rege Lebendigkeit ordnet, der konnte nichts Besseres thun, als sich an einem der beiden genannten Festtage aus jenen Weg zu begeben. Jeder Jure mußte ihn passiren, um auf dem Begräbnißplatze zu beten; aber jeder Jude mußte auch den Pleiten nach seinem Vermögen ein Almosen spenden, mochte es noch so gering sein. Diese Gewißheit einer klingenden Ernte war es eben, welche so sehr viele Plenen weither herbeizog. Am Tage der Zerstörung Jerusalems schritten die jüdischen Knaben neben ihren Eltern mit hölzernen Schwertern einher, die sie sich selber schnitzten und meistens roth anstrichen. Gegen Mittag zogen sämmlliche Pleiten in die Stadl und wurden von den Aelteften den einzelnen Judenfamilien zugetheilt, um sie für diesen Tag zu beköstigen und zu beherbergen, eine höchst lästige und unangenehme Ausgabe, da die schreckliche Unreinlichkcit der Pleiten nölhig machte, sich möglichst fern von ihnen zu Hallen. — Am Versöhnungsfesle war jeder jüdische Hausvater *> „Pletten" ist nichts anderes als das verdorbene „Bittet", d. b. eine Anweisung aus eine jüdische Fainitie zu freier lstost für einen wan vcrndcn Juden. Sotebc „Ptcrtcn" wurden vom DrtSvorstebcr der Ärmeneape »Gabbai» ausgctbeitl. Last die Wanderer selbst so genannt wurden, war entweder provinziell oder ein Mißverständnis; des Ver faffers. Redaclion. r*i Dies war sicherlich eine erfundene, gehässige Lage, die vielleicht in irgend einein einmaligen Vorgang ihren Ursprung batte. Man er innere sich des Widerwillens und der Verachtung, welche alle Juden gegen uneheliche Geburten, und besonders aus solcher Vermischung bcgten! Kein wandernder Jude bälte sich damit besaßt. Redaetion.