Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 35 (27.8.1855)
- Date
- 1855-08-27
- Page
- Seite 445 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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443 Dazu find wir um die Erde Wie ein Gürtel rings geleget, Dazu unsre Wacht am Südcap Aufgestellt wie in Sibirien, Daß wir uns vorm schwarzen Stiere Apis nimmer opfernd beugen, Nicht vorm Sperberkopf Osiris' Und der Katze bärt'gem Haupte, Daß wir lieber Knechtschaft dulden Und den Tod in Stromeswellen, Bis im tiefen Meeresgründe Findet Pharao das Grab, Und die Söhne Zuda's ziehen Gotte jubelnd in die Wüste, Abermals ein Zcugniß gebend Von der Glaubensfreiheit Sieg. Kommst Du drum nach einem Lande, Vilgrim, schau nur auf die Söhne Zuda's, ob gebeugt im Joche, Oder auftecht, eignen Willens, Weißt dann, welcher Geist hier thront. Darum, wenn die Zeit naht, jährlich, Setzen wir zum Mahl uns nieder, Mazzoth, ungesäu'rte Kuchen, Zu verzehren, weil das reine Brot des Lebens sie bedeuten, Und weil unsre Väter stets sie Zu des Lebens Zcugniß aßen. Und so ruf ich die Gemeinde Auch im Land der Gummibäume Und der Känguruh's zusammen, Zu berathen, wie wir Heuer Wohl am besten Mazzorh backen." — „Geh, mein Bote, zögre nicht — Glaubensfreiheit, Glaubcnstreuc Sind des Mcnschengeistes Weihe, Sind sein Odem, find sein Licht." Leitende Artikel. Harzburg, 16. August. Per Rückschritt. Bei tteferm Einblick in die wirkliche Lage der Dinge kann man sich nicht verläugnen, daß, ttotz allem Bemühen und Ankämpfen, momentan wenigstens, in der Sache des Judenthums gegenwärtig ein ziemlicher Rückschritt stattfindct. Wir meinen hier nicht nach außen hin, in der politisch-socialen Lage der Juden, vielmehr, was noch höher steht, ganz innerlich im Judenrhume. Vor uns liegt die Anzeige des eben erschienenen Michael Sachs'- schen Machsor in Nr. 33. dieser Zeitung. Wir haben dasselbe noch nicht gesehen, wir haben es insondcrs mir der Anzeige zu thun, welche jedoch eben andeutet, was das Werk beabsichtigt. Zuerst wird vor Allem die Vollständigkeit gerühmt — obgleich in der Dosfischen Zeitung Herr vr. Heincmann sofort die „Vollständigkeit" auch seines Machsors hervorhebt. — Während man also aller Orten die Piutim mehr oder weniger ausscheidet, die Selichot vereinzelt, die Kinnoth verringert, hat Berlin den Vorzug, sich des Machsors in seiner ganzen Vollständigkeit, und zwar doppelt zu rühmen, und sich sein dickes Gebetbuch in nichts schmälern zu lassen — was denn auch mit dem jüngst vom „Berliner Rabbinat" erflossenen Gutachten übereinstimmr, daß der jüdische Ritus in nichts verändert werden dürfe und ganz so bleiben müsse, wie er ungefähr im Zahre 1400 war, weder wie er früher gewesen, noch seitdem sich etwa hie und da gewandelt, ein Gutachten, dessen wir in diesen Blättern deshalb nicht erwähnten, weil es in der Thal des Erwähnens nicht werth. Ist das nicht eigen? Während nicht allein Frankfurt am Main, Mannheim, Aachen und andere süddeutsche Gemeinden, sondern auch Wien und selbst Prag Gebetbücher drucken lassen, die man bequem in die Hand nehmen, oder gar in die Seirentasche stecken kann, läßt Berlin das seinige wiederholt in groß Folio, oder in zehnbändigem Ocrav auflegen und jubelt dieses großen Ereignisses. Zuzweit aber empfiehlt die Anzeige dieses Sachs'sche Machsor als ein wahres „Erbauungsbuch" — natürlich für Juden, sonst hätte man geglaubt für — Chinesen und Japaner. Also diese Piutim, die so viel des Aberglaubens, so viel des Unsinns, so viel geschmacklose Hyperbel und Sprachverdrchcrci enthalten, diese Piutim, die in ihrem maßlosen Wortgcklingel, ihrer Spielerei mir Schriftstellen, ihrer verbrannten Phantasie alle wahre religiöse Erkenntniß vernebeln, alle wahre religiöse Empfindung verdrehen — die nur darum vom jüdischen Volke in sein Gebetbuch ausgenommen wurden, weil Niemand vom Volke sie verstand, und weil man sic doch im unerhörtesten Galopp, wo nur die seitenlangen gleichen Reimsylben nachdrücklich herausklinzen, wegschluppern kann — 35*