Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 35 (27.8.1855)
- Date
- 1855-08-27
- Page
- Seite 446 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3225931-3225967--14794-3300474- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
446 diese sollen ein Erbauungsbuch fir uns Juden im Jahre 5616 und sofort sein! Sagt man „officielles Gebetbuch, wo man's einmal noch so will" — gut, aber Erbauungsbuch. Kurios, närrisch, zuletzt betrübend.... Wir haben jüngst eine ausführliche Literaturgeschichte dieser „mittelalterlichen synagogalen Poesie", wenigstens den ersten Theil, von Zunz erhalten, und find dessen ganz froh, obgleich schon da die ausgesuchten Proben — die besten und noch genießbarsten Stücke — wenn man sie vorlesen will, nothwendig den Kinnbackenkrampf nach sich ziehen. Indessen vom wissenschaftlichen Standpunkte, in seiner historischen Bedeutung gefaßt, ist Alles willkommen. Da aber, wo jene zugleich als erhebend, belehrend, erquickend, als Erbauungsbuch, als großartig, tiefsinnig, erhaben aufgetischt werden, müssen wir sie doch allen Ernstes zurückweisen. Sie find „mittelalterlich", wir jedoch, Gott sei Dank! nicht mehr mittelalterlich. Bei uns Juden ist es Sitte, die Todten hübsch einfach in ein leinenes Hemd zu kleiden und sie so zu begraben, hingegen die Stätte, wo sie ruhen, heilig zu halten und auf dem Grabstein Geburts- und Stcrbezeit zu verzeichnen. Nun, Zunz' literarhistorische Bearbeitung ist nichts als eine Sammlung der Grabsteine, und nun lasset uns die Todten einfach bestatten, nicht aber Rosen - und Lorbeerkränze um die Häupter winden, Seide und Sammet um die starren Glieder hüllen — das ist nicht jüdisch. Die Piutim find als Gebete, als Elemente des Gottesdienstes und der Erbauung todr für uns, und all diese erzwungene Verherrlichung ist nichts als knitttiger Goldschaum. Warum wir dieses bemerken? warum wir nachdrücklich dagegen sprechen? Weil allerdings darin nur die Andeutung einer Richtung liegt, die für wahrhafte Religiosität im Judenthume, für ächte religiöse Erkenntniß und Empfindung, für wahres Leben im Judenthume höchst nachtheilig ist; jene Richtung, die in prunkhafter Weise die verlebtesten Formen des mittelalterlichen Judenthums conserviren will und damit wirklich religiös zu sein vorspiegelt, während sie innerlich weder an Lehre, noch an Gesetz hält, welche dominirend das Judenthum lediglich in diesen, für unsre Zeit nur verzerrt erscheinenden Alfanzereien findet, das Aufgeben derselben für Abfall ausschreit, und damit fteilich! — den Missionairen und den Juden einen Gefallen thun, die zum Abfall sich anschicken. Es wird eine Zeit kommen, die von diesen Männern strenge Rechtfertigung fordern wird. Es find jetzt ungefähr zwölf Jahre her, als ein Buchhändler einen namhaften Gelehrten anging, ihm eine neue Ausgabe des alten Machsor zu bearbeiten. Damals wies derselbe dieses Anerbieten fast wie einen Schinipf ab, und jetzt? rühmt man sich, es so recht vollständig auf den Markt zu bringen. Es find noch nicht zwölf Jahre, als man im Judenthume danach strebte und rang, Aufklärung, vernünftige Bildung, Geschmack mit Religiosität und frommem Sinn zu verbinden, das mittelalterliche Judenthum zu klären und zu veredeln, zu säubern und zu läutern, als man seinen Ruhm darein setzte, nachzuweisen, daß im Judenthume die Uebereinstimmung der Offenbarung, der Vernunft und des Herzens gegeben sei, und jetzt? will man mit verdrehten Augen die abgestorbenen Formen, Weisen und Lehren des Mittelalters conserviren, und giebt dies für Judenthum, für Tradition Moscheh's, für Offenbarung Gottes aus. Und dies Alles zu einer Zeit, wo das religionslose Leben immer weiter um sich greift, wo bei Alt und Jung das religiöse Leben in immer größere Vergessenheit finkt, wo Erwerb und Genuß die immer stärkeren Triebfedern des Lebens und sein ganzer Inhalt werden, wo eine zahllose Masse Juden schon vornehm oder höhnisch lächelt, wenn man nur von etwas Anderem redet, wo namentlich in Berlin ein so nichtssagendes Wesen unter unseren Glaubensgenossen grasfirr, daß es schon nicht mehr zum Erschrecken, sondern zum Ekel ist. wo demnach die einzige Wehr gegen dieses Treiben die erhabene Verklärung des Judenthums in Lehre und Erscheinung wäre! ... Es ist ein alter Spruch: „die Gegensätze berühren sich" — aber dadurch gehen beide zu Grunde. Aphorismen. Der preußische Handelsminister, Herr von derHeydt, war längere Zeit in Paris zur Weltausstellung. Daß er hier, wie jeder Andre, Großes gesehen und Vieles gelernt hat, läßt sich voraussetzen. Hätte er doch auch das Eine gesehen und wahrgenommen: wie in Frankreich die Verfassung allen Bekenntnissen gleiche Rechte zusagt, und der dortige Handelsminister dennoch niemals einen Erlaß publicirt, der jüdischen Baucandidaten zwar das Eramen gestattet, aber ihnen sofort zu wissen thut, daß sie niemals auf eine Staatsanstellung zu rechnen haben. Vielleicht gewahrte er auch, wie das großartige Leben der ftanzöfiscken Nation, welche Hunderttausende von Soldaten und Milliarden von Francs auf den Krieg verwenden kann, während zu gleicher Zeit die höchsten Blüthen des