Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 51 (20.12.1907)
- Date
- 1907-12-20
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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71. Jahrgang. Nr. 51. £HtH&rfiÜ£& Berlin, 20. Dezember 1907. Vetlsge zur „Allgemeinen Leitung deß Judentums". lkorrrtzondrn?rn und Agchrichtm. Deutschland. I. Berlin, 15. Dezember. Nach - dem Schulunterhaltungsgesetze vom 28. Juli 1906, welches mit dem 1. April 1908 in Kraft tritt, muß auch die Schuldeputation des Magistrats neu organisiert werden. Zum erstenmal erhält auch das Judentum als solches in dieser so wichtigen Behörde seine offizielle Vertretung. Nach Wortlaut des Gesetzes muß in allen Kommunen, in welchen mehr als 20 jüdische Kinder die Volksschule besuchen, der Ortsrabbiner neben dem evangelischen und katholischen Ortsgeistlichen Sitz und Stimme in der Schuldeputation erhalten. Nach dem Vorschläge des Magistrats soll die neu zu organisierende Schuldeputation bestehen aus einem evangelischen, einem katholischen Geistlichen und dem dienstältesten Rabbiner der hiesigen Gemeinde, 6 Magistratsmitgliedern, 12 Stadtverordneten und 12 sogenannten Bürgerdeputierten, unter denen sich mindestens 3 Lehrpersonen befinden sollen. Bisher war zwar die jüdische Gemeinde gesetzlich und offiziell nicht in der Schuldeputation vertreten, aber in der Praxis wurde es so gehandhabt, daß einer der 12 Bürgerdeputierten von dem Vorstände der jüdischen Gemeinde nominiert und dann von den städtischen Behörden hineingewählt wurde. Zuerst war dieses Mitglied der Prediger Dr. Michael Sachs. Nach seinem im Jahre 1863 erfolgten Tode trat das Mitglied des Schul- und Talmud-Thora-Vorstandes der jüdischen Gemeinde Professor Steinthat an seine Stelle, ihm! folgte dann der damalige stellvertretende Vorsitzende des Schul- und > Talmud-Thora-Vorstandes Geh. Sanitätsrat Dr. Abraham, und jetzt j ist als Vertreter der jüdischen Gemeinde Sanitätsrat Dr. Werner Mitglied der Schuldeputation. Vom nächsten Jahre an wird also der offizielle Vertreter des Judentums wiederum, wie einst zur Zeit von Michael Sachs, ein Rabbiner sein. Wir können dieses nur als einen eminenten Fortschritt betrachten. Nicht nur, daß hier in den altprenßischen Provinzen die jüdische Religion zum erstenmal eine gesetzliche Beachtung findet, viel wichtiger ist es noch, daß die Forderungen der jüdischen Religion in der Schulbehörde von sachkundiger Seite vertreten werden können. Es wäre nur zn wünschen, daß überall, wo die gesetzliche Voraussetzung von mindestens 20 jüdischen Schulkindern zutrifft, die Gemeinden mit Nachdruck auch auf die Ausführung der gesetzlichen Vorschrift bestehen. Besonders möchten wir die Glaubensgenossen in den Berliner Vororten darauf aufmerksam machen, von denen manche auch gegen die berechtigten Forderungen der Juden in bezug auf das Schulwesen sich durchaus ablehnend verhielten. Wo ein Rabbiner nicht vorhanden ist, hat die Gemeinde auch das Recht, einen anderen Kultusbeamten zur Berufung in die Schuldeputation vorzuschlagen. Besonders würde in einem solchen Falle der etwa vorhandene staatlich geprüfte Religionslehrer sich dazu eignen. 8. Berlin, 15. Dezember. In der heutigen Repräfentantenversammlung gelangten zunächst zwei Zuwendungen zur Annahme, und zwar die der Familie Heilmann im Betrage von 2000 Mark an das Krankenhaus zur Errichtung einer Moritz und Emma Heilmann Jahrzeitstiftung, ferner die Zuwendung der Erben des im Jahre 1869 verstorbenen Geheimen Kommerzienrat Joel Wolff Meyer im Betrage von 22 231,45 Mark an das Krankenhaus zur Errichtung einer Geh. Kommerzienrat Joel Wolff Meyer-Stiftung in der neu zu errichtenden Entbindungsanstalt. Die zur Revision der Kassen und des Depositoriums eingesetzte, aus den Herren Weinberg, Hirsch und Rosenow bestehende Kommission hat die Bestände geprüft und in bester Ordnung gefunden. Die Versammlung nimmt diesen Bericht zur Kenntnis. Der Rechnungsabschluß der alten Synagoge pro 1906/07 ergibt an Einnahmen 32 613,37 Mark einschließlich des Gemeindezuschusses von 29 084 Mark, an Ausgaben 31470,49 Mark, mithin einen Minderverbrauch von 1 142,88 Mark. Der Rechnungsabschluß der neuen Synagoge für die gleiche Zeit schließt mit einem Minderverbrauch von 3 811,94 Mark. Der Gemeindezuschuß belief sich auf 52 794 Mark, die Ausgaben aus 49 518,06 Mark, die Gesamteinnahme auf 53 330 Mark. Die Abrechnung über den Erweiterungsbau der dritten Alterversorgungsanstalt, dessen Kosten bekanntlich durch die hochherzigen Stiftungen der Frau Erna Pakscher und der Max und Mathilde Prösterschen Stiftung gedeckt worden sind, verzeichnet eine Minderausgabe von 16 718,18 Mark. Der verbliebene Rest ist dem Fonds der Alterversorgungsanstalt zugeführt worden. — Die turnusmäßig ausscheidenden Mitglieder der Waisenkommission, die Herren Behrens, Jacob und Steinthal wurden debattelos auf die Dauer von drei Jahren wiedergewählt. — Punkt 9 der Tagesordnung bringt die Satzungen der jüngst errichteten Dr. Michael Holzm an-Stiftung. Aus den Bedingungen heben wir nur hervor, daß der Zweck der Stiftung ist, kranken oder einer besonderen Pflege bedürftigen Zöglingen der Lehrerbildungsanstalt der hiesigen jüdischen Gemeinde Unterstützung zu gewähren. Die Einkünfte der Stiftung bestehen in den Zinsen des Kapitalvermögens, in Geschenken und sonstigen Zuwendungen. Der Direktor und das Lehrerkollegium bestimmen meiner besonderen Konferenz die zu unterstützenden Zöglinge sowie die Höhe der Unterstützungen. Bei Stimmengleichheit entscheidet die Stimme des Direktors. Die Verwaltung der Stiftung wird vom Gemeindevorstand geführt, welchem ein Bericht über die bewilligten Unterstützungen im Februar jedes Jahres zu überreichen ist. — Zur Verhütung von Einbruchsdiebstählen auf den Gemeindefriedhöfen gelangt ein Vertrag mit der Wach- und Schließgesellschaft „Groß-Berlin" zur Annahme. Die Gesellschaft stellt für den Friedhof Weißensee zwei Wächter, in der Schönhauser Allee einen Wächter, der sich mit dem Tagesportier des Friedhofs abzulösen hat. — Zur Besetzung der Stelle eines Adlatns des Dirigenten der zweiten Religionsschule vom 1. Oktober ab wird ein Betrag von jährlich 300 Mark bewilligt. — Für die Rassow'sche Höhere Mädchenschule wird die Bewilligung einer Jahressubvention im Betrage von 560 Mark vom 1. April 1908 ab zu den Kosten des jüdischen Religionsunterrichts ausgesprochen. — Eine längere Debatte veranlaßt e die Vorlage betreffend Aenderung der Satzungen der Armenkommission. Es handelt sich um Aenderungen rein formaler Natur und die heute zum Beschluß erhobenen Bestimmungen tragen im wesentlichen zur Entlastung der Plenarberatung bei und räumen den Abteilungs- Vorsitzenden respektive den Abteilungen größere Rechte ein. Ein weilergehender Antrag des Ausschuß III, der durch Herrn Rechtsanwalt Dr. Ignaz Cohn vertreten wurde, fand auf Grund der eingehenden Ausführungen des Vorsitzenden der Armenkommission Dr. Feilchenfeld und des langjährigen Mitgliedes dieser Kommission Herrn Emil Pi ncus nicht die Zustimmung der Versammlung. — In die gemischte Kommission zur Vorbereitung der Wahl zweier Rabbiner wurden seitens der Repräsentanz die Herren Professor Geiger, Dr. Ignaz Cohn, Willibald Loewenthal und Louis Sachs entsandt, aus dem Kollegium des Gemeindevorstandes sind die Herren Kommerzienrat Eisner und Justizrat Timendorfer abgeordnet. Die augenblickliche Zahl der Rabbiner reicht für den Predigldienst in unseren sechs Synagogen nicht mehr aus. Die Anstellung von Predigern wird zurzeit nicht als zweckmäßig erachtet. — Zur Aufstellung eines Denkmals für Moses Mendelssohn, das sich ein ad hoc gebildetes Komitee, an dessen Spitze die Herren Professor Liebermann, James Simon und Moritz Manheimer stehen, zur Aufgabe gesetzt hat, ist vom Gemeindevorstand vorbehaltlich der Genehmigung des Denkmalentwurfs und der Art seiner Ausführung ein Platz im Vorgarten der jüdischen Knabenschule zur Verfügung gestellt worden. Die Vorlage wird von der Repräsentantenversammlung mit dem Zusatz Weinberg angenommen, der die Prüfung des Denkmalentwurfs auch seitens der Repräsentanz festsetzt. Eine längere Diskussion ruft der Antrag Kalischer hervor, der eine Vertagung der Wahl des Platzes wünscht, weil er diesen der Bedeutung des