Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 51 (20.12.1907)
- Date
- 1907-12-20
- Page
- Seite 612 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Doch in Rosa Frangenheims Seele bohrte der Wurm der Eitelkeit nach wie vor. Wie der Hirsch nach Wasser, so schrie ihr Herz nach christlichen Pensionären. llnd siehe da! An einem schönen Septembertage, die Sonne leuchtete hell und freundlich und die Luft wehte sanft und weich, schien der Traum ihres Lebens endlich in Erfüllung zu gehen. Es war nach dem Diner, die Pensionäre hatten sich in ihre Zimmer zurückgezogen, höchst befriedigt, denn prächtig hatte die Nudelspeise gemundet, die Frau Rosa zu Ehren des Sonnabends bereitet. Wenn sie auch nicht orthodox war, so gläubig war Rosa geblieben, um den Sabbat zu heiligen, und sei es auch nur durch ein feiertägliches Essen. Die Pensionsmutter dachte just der Ruhe zu pflegen, da schellte es. Ein sehr eleganter, blondhaariger, schneidiger Herr erschien auf der Bildfläche. Der sorgfältig gepflegte, emporgesträubte Schnurrbart, der Mittelscheitel auf dem kräftigen Haupt, sein kavaliermäßiges Auftreten und seine etwas schnarrende Sprechweise — all' das berührte Frau Rosa äußerst sympathisch. Ihr kundiges Auge erkannte sofort, daß sie es nicht nur mit einem sehr feinen, wohlhabenden und hochgestellten Herrn zu tun hatte — einem Justizbeamten oder dergleichen — sondern auch — und das machte ihr Herz vor Freude hüpfen — mit einem Angehörigen der christlichen Religionsgemeinschaft. „Frau Frankenheim selbst?" fragte der Fremde. Rosa bejahte mit tiefer Berbeugung und bat ihn, Platz zu nehmen. Der Herr zog die feinen Glacehandschuhe aus und begann ohne Umschweife: „Seit einigen Tagen bin ich mit Frau und Tochter hier, ivohnc im Kurhaus, beabsichtige aber mit meiner Gattin weiter zu reisen, das Töchterlein jedoch hier in einer Pension zu lassen. Die Ihrige wurde mir lebhaft empfohlen, deshalb komme ich zu Ihnen, um Sie zu fragen, ob sie mein Kind arifnehmen wollen." Frau Rosas volle Wangen röteten sich noch intensiver vor Freude, Glück und Seligkeit. „Aber gewiß," säuselte sie verbindlich. „sehr willkommen wird mir Ihr Fräulein Tochter sein, und das schönste Zimmer soll sie haben, das Zimmer dicht neben demjenigen der Frau Major von Retzlaff." Sie akzentuierte Titel und Adel sehr scharf, schien aber keinen besonderen Eindruck damit zu machen. Nur beiläufig fragte der fremde Herr: „Frau Major? Ihr Pensionat ist interkonfessionell?" „O, gewiß," beeilte sich Frau Rosa Frankenheim zu erwidern, „bei mir wohnen beide Konfessionen in buntem Durcheinander; Christen und Juden in schönstem Einvernehmen; viel Christen sogar. Ihr Fräulein Tochter wird sich wohl bei mir behaglich fühlen. Aber nun gestatten Sie mir wohl. Ihnen das Zimmer zu zeigen." Sie erhob sich und der Besucher folgte ihr. Er besichtigte die Räumlichkeit und erwies sich sehr befriedigt, um so mehr, als die charmante Wirtin all ihre blühende Beredsamkeit aufbot. um sich neben der schlecht zahlenden Renommierchristin noch eine besser zahlende zu sichern. Und in der Tat, man wurde handelseinig; der schönste Bioment in Frau Rosas pensionsmütterlichem Dasein. Gerührt drückte sie dem edlen Manne die Hand, der vornehm und nobel genug ist, die Pension für einen Monat im voraus zu entrichten. Er greift nach dem Hut, um sich zu verabschieden. „Also, Frau Frankenheim, in einer halben Stunde bringen wir Ihnen unsere Tochter. Auf Wiedersehen!" Doch schon an der Türe, wird er von der glückstrahlenden Penfionsmutter zurückgehalten, denn just in diesem Augenblick erscheint die Majorin auf der Bildfläche. Rosa Frankenheim bläht sich vor Stolz, da sie die Frau Major von Retzlaff als ihre liebe, langjährige Pensionärin vorstellt. Da schlägt sich der vornehme Herr vor die Stirn, macht eine leichte Verbeugung, lüftet den Hut und entschuldigt sich: „Gott, verzeihen Sie meine Ungezogenheit — habe ja in der Rage ganz vergessen — wie konnte mir das nur passieren! — ja, ja. man wird alt — Hab' Ihnen ja noch gar nicht meinen Namen genannt. „Also gestatten Sie, daß ich mich Ihnen vorstelle — mein Name ist Moritz Cohn." Litrrsrilcht Mitteilungen. Srttn '’ÖlJ (Crotalia Aurea), 126 hebräische Gedichte (im Zahlenwert des hebräischen Titels), von Vittorio Castiglioni aus Triest, gegenwärtig Rabbiner in Rom; I. Kauffmann, Frankfurt a. M. 1907. Die Schule Josef Almanzi's und S. D. Luzzattos in Padua ist in Italien nicht ausgestorben; Castiglioni, der mit diesen gottbegabten Meistern des hebräischen Stils persönlich in Verbindung stand, weiß sich durchaus eins mit. ihnen, und in deren Geiste sind auch seine Gedichte gehalten. Aeußerlich haben sie die Sonnettform, wie einmal in Italien üblich, sind in sehr elegantem Hebräisch geschrieben, völlig rein von Rabbinismen, klar und fließend; nur dem Metrum zuliebe ist einiger Zwang angewendet worden, nach der Meinung des Verfassers, der sich hierüber im Vorworte ausspricht, nur Kleinigkeiten, in Wirklichkeit aber recht häufige sprachwidrige Abweichungen in der Vokalisation. Nicht verschwommene Gefühlsdichtungen sind es, sondern aus konkretem Anlaß herausgewachsen und darum inhaltreich und kernig. Da der Verfasser ein Inhaltsverzeichnis nicht beigegeben hat, so soll hier eine Gruppierung vorgenommen werden. Am sympathischsten berühren die Gedichte familiären Inhalts; wie alte Pijjutim muten an die Stücke, die den Festzyklus besingen und einen echt religiösen Sinn atmen; historisch interessant sind die Apostrophierungen großer Männer (Almanzi, Luzzatto, Ende Lolli, A. Jellinek, M. Mortara) und die Verherrlichung von Gemeindeangelegenheiten, als da sind: Ausbau der Synagoge in Gorizia (Görz), rnehreremal die Synagoge in Triest (die hundertjährige Feier, auch italienisch, S. 43), Friedhof in Padua, der König von Italien besichtigt die neue Synagoge in Rom, die Einweihung dieser Synagoge (beide auch italienisch, wie auch eine Elegie auf den Tod Theodor Herzls). In Schrift und Wort arbeitet Castiglioni an der Regenerierung der italienischen Judenschaft; möge auch dieses neueste Buch seines Geistes ihn dem großen Ziele näher bringen! Wien. Dr. Samuel Krauß. Lrikkksltrn Lrr Hedsktion. F. A. in B.r Zu unserem lebhaften Bedauern sind wir leider nicht in der Lage, den Bericht über die schöne Chanukahfeier in Ihrem Verein, ebenso wie die vielen Berichte, die uns von auswärts über Chanukahfeste in Schulen, Vereinen und Gemeinden zugegangen, Raummangels wegen zum Abdruck zu bringen. M. S. Ihre Ansichten über die Mischehe stimmen mit den von uns wiederholt in diesem Blatte ausgesprochenen genau überein. Es erscheint deshalb nicht notwendig, nochmals darauf zurückzukommen. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.