Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 44 (1.11.1907)
- Date
- 1907-11-01
- Page
- Seite 528 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228744-3228789--63938-3297877- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
528 erschien ihm in ihrem langen, prächtigen Pelz so groß und ihre schöne Hand war so köstlich von dem dunklen Aermel umrahmt, ihre blauen Augen blickten ermunternd durch den schwarzen Schleier, der von der mit Perlen und Edelsteinen besäten Stirnbinde niederwallte. Und wie klang erst ihre Stimme, als sie Muskatnuß verlangte! Welche Musik lag in dem Tone, mit dem sie sprach : „Geben Sie mir vier Sardellen." Ihre Ruhe schüchterte Barom ein und begeisterte ihn zugleich, wie die Majestät der schönen Herrscherin den jungen Pagen. Und als sie endlich bezahlte und er ihr das Kleingeld reichte und ihre Fingerspitzen seine Hand berührten, da hätte er sich am liebsten gleich als Teppich unter ihre Füße gelegt. Noch an demselben Abend schrieb er in seinein Stübchen oben einen Brief an die Angebetete. Derselbe war offenbar sehr glühend, denn er ersetzte ihm das Feuer im Ofen. Barom hatte in seiner Seligkeit vergessen, einzuheizen, und es war auch das erstemal, daß seine Zigarre ruhig in dem Seidenpapier ans dem Fenster liegen blieb. Er begann seinen Brief mit „Verehrungswürdige, schöne Frau!" und schloß ihn mit den Versen aus Faust: „O Liebe, leihe mir den schnellsten deiner Flügel, Und führe mich in ihr Gefild." Er überlegte lange, ob er seinen Namen daruntersetzen solle oder nicht. „Was ist ein Name?" sagte er endlich laut, „nicht einmal soviel als der Schatten, den ein Mensch wirst, die Etikette auf der Ware, welche uns nur zu oft über den Wert derselben täuscht. Kann sie in meinem Herzen lesen, die schöne Holde, und das kann sie nur, wenn sie mir auch ein wenig gut ist, so wird sie sogleich erraten, von wem diese, sie anbetenden Zeilen sind, und erratet sie es nicht, so ist es besser, ewige Nacht verschlingt den Brief und seinen Schreiber." Er Unterzeichnete den Brief nicht und gab ihn am nächsten Morgen Abrahamek mit dem Aufträge, ihn sofort zur Post zu tragen, und er gab ihm auch das nötige Geld. Nicht fünf Minuten waren vergangen und die schöne Witwe erschien am Fenster mit seinem Briefe in der Hand und lächelte. Es war sein Brief, daran konnte er keinen Augenblick zweifeln, denn sie hatte das innere Fenster geöffnet und er sah deutlich das grüne, hoffnungsreiche Papier, und sie wußte, daß der Brief von ihm kam, denn sie nickte ihm zu, und sie war über seine Anbetung durchaus nicht böse, denn sie lächelte so behaglich, während sie las und blickte von Zeit zu Zeit über den Brief weg gnädig auf ihn herab. Abrahainek hatte Barom, in der eigennützigsten Absicht von der Welt, einen großen Dienst geleistet. Er hatte nämlich das Geld eingesteckt und den Brief Frau Kosches selbst übergeben. Das Ideal hatte es also weder nötig, seinen Scharfsinn anzustrengen, noch in Baroms Herzen 51t lesen. (Fortsetzung folgt.) Sprechsgsl. Herr Redakteur!?k^Xas in New Jork erscheinende sozialistische Tageblatt „Die Wahrheit", im Jargon geschrieben, enthielt vor einiger Zeit die folgende Anekdote: Napoleon I. sei einmal in Frankfurt a. M. am neunten Ab gewesen und habe zu seinem Erstaunen in der Synagoge die allgemeine Trauer gesehen und erfahren, das; ganz Israel noch nach achtzehnhundert Jahren den Untergang seiner nationalen Selbständigkeit betrauere. Erstaunt fragte dann Napoleon: Warum greift ihr nicht zu den Waffen, um die alte Heimat wieder zu erobern? Als er später seinen Feldzug nach Syrien unternahm, rief er die Juden auf, ihn zu unterstützen und versprach ihnen, wenn sein Plan gelingen sollte, ihr Reich wiederherzustellen. Es ist überflüssig, das Sagenhafte der Erzählung nachzuweisen, das schon dadurch feststeht, daß Napoleons Feldzug nach Syrien vor seiner Anwesenheit in Deutschland unternommen wurde. Vom Gesichtspunkte der vergleichenden Sagenforschung wäre es mir jedoch von Interesse, zu erfahren, ob Napoleon jemals in Frankfurt gewesen ist und ob seine Anwesenheit in die Zeit des neunten Ab fiel, und endlich, ob er Beziehungen zum Frankfurter Judentum hatte. In den mir zugänglichen Biographien Napoleons habe ich darüber nichts finden können. Vielleicht kann einer Ihrer Leser darüber Auskunft geben. Da ich nun schon einmal im Fragen bin, möchte ich auch noch eine andere Angelegenheit zur Sprache bringen, die mich seit längerer Zeit beschäftigt und über die ich schon anderwärts, leider vergeblich, Auskunft zu erlangen suchte. Grätz gibt in seiner Geschichte (Band XI, S. 420, 1. Aufl.) an, daß Libermann, der Herausgeber der Apologie des Hamburger Reformtempels, Nogah Zedek, Dessau, 1818 zum Katholizismus übergetreten sei. Das schreiben andere nach, und so ist diese Angabe auch in das „Yearbook ofthe Central Conference of American Rabbis," vol. XVI, S. 285 übergegangen. Grätzs Quelle ist G. Wolf, der in seiner Biographie Mannheimers, Wien 1863, diese Angabe ohne jeden Quellennachweis macht. Wolf ist leider in Einzelheiten sehr unzuverlässig. Grätz geht noch über Wolf hinaus und identifiziert diesen Libermann, allerdings mit einiger Reserve, mit dem bekannten Konvertiten, dem Abbe Franz Libermann, was einfach unmöglich ist, da dieser nach Wetzer und Weltes Kirchenlexikon, Band V, Seite 220, erst am 12. April 1804 geboren war, und daher 1818 nicht als rabbinischer Schriftsteller austreten konnte. Der Verfasser des Nogah Zedek unterzeichnet die im Sommer 1818 verfaßte Vorrede „Eliezer Libermann, Sohn des Zeeb Wolf, Rabbiner in und Umkreise". Der Titel kann sich sowohl auf den Vater wie auf den Sohn beziehen. Da es einen Ort Hanigau nicht gibt, kann es sich nur um Hagenau handeln. Der Konvertit Libermann war allerdings der Sohn des Rabbiners Lazarus Libermann in Zabern, was wohl im Elsaß liegt, aber nicht mit Hagenau identisch ist. Auch ist es gar nicht wahrscheinlich, daß die Bezeichnung des Rabbineramtes sich auf den Sohn bezieht, denn alle Reformgegner sprechen von Libermann als einem Landstreicher, so Moses Sofer, ein Meister des Kalauers, der ihn, wie ich die Worte deuten zu müssen glaube, aus dem Lande „Schnorr" an dem Flusse „Freß" stammen läßt. Auch scheint er trotz der Angaben von Grätz und Wolf nicht aus Oesterreich gewesen zu sein, denn in einem an Moses Sofer gerichteten Briefe (Hatham Sofer VI, Nr. 92) wird er ausdrücklich als Pole bezeichnet. Sollte Libermann wirklich später zum Christentum übergetreten sein, so hätte er ja gute orthodoxe Gesellschaft, zum Beispiel Michael Bernays und Heimann Tiktin, die Söhne von heftigen Reformgegnern, Selig Cassel, den Agitator gegen die Frankfurter Rabbiner- Versammlung, Aron Brimann, den Verfasser oder Plagiator eines Index zum Schulchan Aruch, Jechiel Lichtenstern, den Rabbiner von Tapio Szele usw. Die Sache würde also nichts gegen die Reform beweisen, aber es wäre doch interessant zu wissen, was aus diesem Libermann geworden ist, und wo sein Vater Zeob Wolf, der 1818 noch lebte, Rabbiner war, wenn der Sohn mit dem rätselhaften nicht absichtlich gefackelt hat. Cincinnati, 29. September 1907. Ergebenst Gotthard Deutsch. ft ^rfeiocnmt wird vor einem Schwindler, der sich Israel vD Abrahamson nennt, angeblich Student aus Riga, 22 Jahre alt, elegante Erscheinung, gewandtes Benehmen und sicheres Auftreten. Er weiß durch abenteuerlich klingende Geschichten seine Zuhörer für sich einzunehmen und ihr Mitgefühl zu erwecken. Brandschatzt Vereinskassen und Private. Worms, 20. Oktober 1907. L. Oppenheimer. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.