Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 44 (1.11.1907)
- Date
- 1907-11-01
- Page
- Seite 527 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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527 pelz und Korallen geschmückt in das Gewölbe trat, um sich ein neues Kopftuch zu kaufen, ja, es gab vielleicht keine Dame, keine Jüdin und keine Köchin in der Kreisstadt, die ihm nicht für einige Augenblicke als jenes weibliche Wesen erschienen wäre, das Gott ausschließlich zu dem Zwecke erschaffen hatte, um von Barom Hirschbein bewundert, geliebt, vergöttert zu werden. Nun hatte er Frau Genendel Kosches erblickt, und von diesem großen Momente an war der Tempel erbaut, stand die Göttin auf dem erhabenen Piedestal. Der rosige Nebel hatte sich zusammengeballt, das Ideal hatte einen Körper angenommen, und zwar einen äußerst soliden Körper und saß in kostbar bequemer Pelzjacke an dem Fenster gegenüber und strickte oder las. Die Erde war Barom Hirschbein noch niemals als ein Jammertal erschienen, er war schon allzusehr beschäftigt, um auf so trübe Gedanken zu kommen, aber jetzt kam sie ihm noch schöner vor, als das herrlichste Gedicht in seinem Buche. Die Sonne leuchtete festlich wie eine Sabbathlampe, die Menschen gingen alle wie geputzt einher und Frühlingsduft erfüllte das finstere kleine Kaufmannsgewölbe. Wenn Barom früh am Morgen aufstand, wo noch ein zweifelhaftes Licht herrschte und weißer Nebel die Kirchtürme einhüllte, blickte er schon von seinem Dachfenster aus sehnsüchtig nach jenem der Witwe hinüber und bewunderte den weißen Vorhang, der vor dasselbe gezogen war, und regte sich dieser ein wenig oder bildete er sich dies auch nur ein, so erschrak sein Herz und das Blut stieg ihm in die Wangen. Vom Morgen bis zum Abend, während er wog und maß und Godel Munds Ware redlich empfahl und mit der Kreide seine Rechnungen auf den Ladentisch schrieb, sah er Frau Genendel Kosches an dem Fenster gegenüber, oder er sah auch nur ihren pelzbesetzten Aermel, und das genügte ihm. Kam aber endlich der Abend heran, so flog er die dunkle, steile Treppe zu seiner Dachstube empor, wie von Engeln getragen und vergaß seine Zigarre und seine Bücher, ja er vergaß oft einzuheizen und stand an dem kleinen Fenster und hauchte die Scheiben an und wischte mit der warmen Hand die schimmernden Eisblumen weg und sah hinab in die erleuchtete Stube der Frau Kosches oder eigentlich auf die weißen Vorhänge, welche ihre Fenster verhüllten und war so glücklich' wenn er einen Schatten an demselben erscheinen oder auch nur vorüberschweben sah, und sein Glück wurde nicht im mindesten dadurch geschmälert, wenn dieser teure Schatten nicht Frau Kosches, sondern nur deren Köchin angehörte. Und nun gar, wenn der Vorhang einmal offen blieb und hinter den von Frost überzogenen, von innen erhellten Scheiben für einen Augenblick die üppige Witwe wie eine Fee hinter den durchsichtigen Mauern ihres Kristallpalastes sichtbar wurde, oder wenn der Mond geheimnisvoll dämmerte und sie einige Zeit am Fenster stand, um in die stille, beglänzte Straße hinabzusehen. Dann seufzte Barom tief auf und murmelte, die Hand auf das Herz gepreßt, und ein wenig durch die Nase: Blickte stundenlang Nach dem Fenster seiner Liebe, Bis das Fenster klang. Bis die Liebliche sich zeigte. Bis das teure Bild Sich ins Tal hinunterneigte, Ruhig, engelmild. Und wenn sie dann wieder langsam in die Tiefe des Zimmers ging und endlich ganz entschwand, rief er schmerzlich nach, aber mit einem Schmerz der ihm Wohltat, den er gewiß nicht um die Freude eines Weltmannes hingegeben hätte: Vor mir liegt's in weiter Ferne, Näher bin ich nicht dein Ziel. Doch es währte nicht allzu lange und die Schöne begann Barom und seine stumme Anbetung zu bemerken und das Ziel näherte sich ihm. Frau Kosches erschien häufiger am Fenster und kämpfte unermüdlich gegen den Frost, der ihr seine Eisgardinen vor dasselbe zog, und sie erwiderte die furchtsam schwärmerischen Blicke des Jünglings mit vergnügtem Behagen. Dieser machte jetzt aus der kleinen, blatternarbigen Tulpe seine Liebespvst. Nicht, daß er derselben Briefchen auf rosafarbenem Papier zusteckte oder ihr ein Poem an ihre Herrin in den Einkauskorb legte oder sie selbst zum Dolmetsch seiner Huldigungen machte, o nein — er fing das viel feiner an. Er gab ihr den Kaffee um zwei Kreuzer billiger das Pfund, als allen anderen, er suchte für sie die besten Zitronen, die fettesten Heringe, die süßesten Rosinen aus. Tulpe verlangte vier Pfund Zucker, er gab ihr vier ein Viertel. Frau Kosches wünschte Kaviar. „Wir führen keinen Kaviar", sagte Godel Mund. „Das ist richtig", fiel Barom ein, „aber es gibt nichts, was wir nicht für Frau Kosches zur Stelle schaffen würden. Meinen untertänigsten Handkuß, in einer halben Stunde wird der Kaviar dort sein." Es währte nun allerdings drei Viertelstunden, aber Abrahamek brachte den Kaviar. Du mußt glauben, Du mußt wagen. Denn die Götter leih'n kein Pfand — rief Barom eines Morgens aus, und als Tulpe eine halbe Stunde später erschien und Puder verlangte, wog er ihn, sehr zugunsten der Frau Kosches, ab, schüttete ihn in einen seinen Sack von weißem Papier und schrieb mit seinen kühnen Schriftzügen auf denselben: Komm herab, Du schöne Holde, Und verlaß Dein stolzes Schloß. Zwei Minuten vergingen und schon wurde Frau Kosches in ihrer Pelzjacke am Fenster sichtbar, sie hielt den Papiersack in der Hand, las die schwärmerischen Verse und lachte. Barom maß eben Barchent für die Frau Majorin ab und benützte die Gelegenheit, um dieselbe bis vor die Tür hinausznbegleiten und dann auf der Schwelle stehen zu bleiben. Die schöne Holde öffnete das Fenster und lehnte sich hinaus, die weißen Hände in die pelzgefütterten Aermel verbergend. Barom verneigt sich ehrerbietig, aber er wagte es nicht, sie viel mehr als nur mit einem flüchtigen Blicke anzusehen. Sie dankte ihm freundlich und zog sich dann wieder zurück. Es war ihr offenbar kalt, trotz den köstlichen Marderfellen, während der gute Barom in seinem dünnen Merinokaftan vor Glut verging. Nachmittags — es dämmerte bereits draußen und in dem kleinen Gewölbe war es fast Nacht — rauschte plötzlich Frau Genendel Kosches selbst herein. Baronr fühlte, wie seine Füße sich streckten, wie sie lang wurden und immer länger, er erstaunte säst, daß er nicht mit dem Kopfe an die Decke des Gewölbes stieß, und die Zunge wurde ihm so schwer und groß, sie füllte den ganzen Mund, und Tausende von Ameisen liefen ihm über den Rücken. Frau Kosches verlangte dies und jenes und er bediente sie so langsam, so ungeschickt — er hätte weinen mögen vor Scham, aber sie schien seine Unbeholfenheit ebensowenig zu bemerken, wie seine Verzweiflung. Sie lächelte gnädig und er sah sie von Zeit zu Zeit von der Seite an und sein Schmerz wich mehr und mehr einem namenlosen Entzücken. Sie