Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 44 (1.11.1907)
- Date
- 1907-11-01
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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71. Jahrgang. Nr. 44. Berlin, I. November 1907. Der Gemeindevote. Beilage zur „Allgemeinen Leitung deF Judentums". lkorrelponden?en und Aschrichten. Deutschland. 8. Berlin, 29. Oktober. Unter Vorsitz des Herrn James Simon fand am 17. d. M. eine Sitzung des geschäftsführenden Ausschusses des Hilssvereins der deutschen Juden statt. Mit lebhafter Befriedigung nahm der Ausschuß Kenntnis von den günstigen Berichten, die Herr Dr. Paul Nathan von den ersten Etappen seiner Studienreise nach dem Orient — Sofia, Philippopel, Konstantinopel — erstattet hat. Es geht aus diesen Berichten hervor, daß die Institute, die der Hilfsverein unterstützt hat, sich in bestem Zustande befinden, daß die vom Hilfsverein entsandten deutschen Lehrer eine fruchtbare, von den Gemeinden in hohem Grade anerkannte Tätigkeit zu entfalten in der Lage sind, und daß die Mitwirkung des Hilfsvereins bei der weiteren Ausgestaltung des Schulwesens in den Balkanländern und im Orient in immer .steigendem Maße erbeten wird. Die Vorschläge, die Herr Dr. Nathan nach eingehenden Beratungen mit angesehenen kompetenten Gemeindemitgliedern dem Ausschuß des Hilfsvereins übermittelt hat, fanden einstimmige Annahme. Es wurden die folgenden Beschlüsse gefaßt: An die Schule der Deutschisraelitischen Kultusgemeinde in Sofia, wo bereits ein vom Hilfsverein gestellter deutscher Lehrer wirkt, wird ein zweiter Lehrer zur Erteilung von hebräischem Unterricht geschickt. Der Schule der israelitischen Gemeinde in Philipoppel, wo zwei vom Hilfsverein entsandte deutsche Lehrer tätig sind, wird das gewünschte Fröbelmaterial und Material für den Anschauungsunterricht zur Verfügung gestellt. Die Mittel für die drei Schulen, die sich dem Hilfsverein in Konstantinopel angeschlossen haben, werden den gestellten Anträgen entsprechend bewilligt. Der in hohem Maße wünschenswerte rasche Ausbau der Or-Thoraschule in Konstantinopel zu einer sechsklassigen Volksschule wird durch die Bewilligungen des Hilfsvereins nunmehr ermöglicht. Für das Schuljahr 1907/08 werden der Or-Thoraschule 5700 Mark und zur Deckung eines Defizits infolge von Umzugskosten 925 Mark gewährt. Die sünsklassige Schule „Zeror ha Chajim" und die vierklassige „Achridaschule" in Konstantinopel erhalten zur Ausgestaltung des Unterrichts und zur Vornahme notwendiger Restaurierung 1100 respektive 2900 Mark. Ferner wurde beschlossen, die Subvention von 4000 Kronen für den in Galizien zweÄ Studiums der Verhältnisse ständig stationierten Sekretär des „Wiener Hilfsvereins für die notleidende jüdische Bevölkerung in Galizien", der sich im besonderen die Fortführung der volkswirtschaftlichen Hilfsaktion in Galizien angelegen sein läßt, zu erneuern. Der Delegierte des Hilfsvereins hat die spezielle Aufgabe, weitere Möglichkeiten zur Vermehrung der Erwerbsangelegenheiten in Galizien, zur Einführung neuer und zur Ausbreitung schon bestehender Industrien ausfindig zu machen; er hat auf seinen Studienreisen bereits wertvolles Material in dieser Richtung gesammelt, das für die Ausgestaltung des Hilfswerks nutzbar gemacht wird. Für den Ausbau des Bremer Auswanderungsbureaus des Hilfsvereins der Deutschen Juden werden die erforderlichen Mittel zur Verfügung gestellt. Für das Kinderashl in Odessa, das unter den Wirkungen der Pogrome und der Pogromfurcht ständig aufs schwerste zu leiden hat, wird — gemeinsam mit dem Frankfurter Hilfskomitee für die notleidenden osteuropäischen Juden — ein Betrag von 5000 Mark bewilligt. Nach Maisad (Gouvernement Kowno), das durch zwei Brände im Juni und August schwer heimgesucht worden ist, wurden — gleichfalls gemeinschaftlich mit dem Frankfurter Hilfskomitee — 1500 Mark überwiesen. Zwei jungen Leuten, die sich zum Handelslehrer respektive Zahnarzt ausbilden und nach Abschluß ihres — in einem Jahre beendeten — Studiums ihre Berufstätigkeit in Palästina bleibend ausüben wollen, wurden Stipendien gewährt. In der Sitzung wurde noch mitgeteilt, daß die landesherrliche Genehmigung zur Annahme der Schenkung von 10 000 Mark aus dem Julius Bleichröderschen Nachlaß erteilt worden ist. — Die Organisation des Hilssvereins der deutschen Juden in Deutschland hat einen weiteren Ausbau erfahren, der infolge der Ausbreitung des Vereins und des ständig sich erweiternden Arbeitsgebiets sich als notwendig erwiesen hat. Durch Zuwahl einer Anzahl hochangesehener Persönlichkeiten aus allen Teilen Deutschlands, die sich bereits in hohem Maße um die Bestrebungen des Hilfsvereins verdient gemacht haben, sind der geschäftsführende Ausschuß und das Zentralkomitee des Hilfsvereins verstärkt worden. — Dem geschäftsführenden Ausschuß sind die Herren Bezirksrabbiner Dr. Salvendi (Dürkheim), Professor Dr. Schäfer (Berlin) und Manfred Berliner (Hannover) beigetreten, dem Zentralkomitee die Herren: Rechtsanwalt Eugen Beer (München), Salomon Bergel (Posen), S. Bergmann (Furth), Ernst Carlebach (Heidelberg), Landtagsabgeordneter Rechtsanwalt Dr. Cohn (Dessau), Justizrat Cohn (Tilsit), Salomon Epstein (Frankfurt a. M.), Dr. W. Feilchenfeld (Berlin-Charlottenburg), Dr. G. Feldmann (Stuttgart), Rechtsanwalt Gunzenhauser (Stuttgart), Kammergerichtsrat Hammerschlag (Berlin), Gideon Heymann (Berlin), Siegfried Jacob (Berlin), Rechtsanwalt Dr. Jarecki (Posen), Dr. A. Klee (Berlin), Rabbiner Dr. Kopfstein (Beuthen), Eugen Laaser (Tilsit), Gustav Levinstein (Berlin), Max Levy (Worms), Simon Marx (München), Rabbiner Dr. Münz (Gleiwitz), Kommerzienrat Siegmund Pincus (Berlin), Sally Reiß (Mannheim), Sartorius Rheinhold (Hannover), Stadtverordneter 'Max Salinger (Berlin), Stadtrat Schleyer (Posen), Dr. P. Schottländer (Breslau), Moritz Simon (Wiesbaden), Dr. Moritz Sobernheim (Berlin), Geheimer Kommerzienrat Sonnenthal (Dessau), Rabbiner Dr. Stein (Schweinfurt), Justizrat Voß (Ostrowo), Hermann Wahl (Barmen), Emil Weill (Karlsruhe i. B.). Landtagsabgeordneter Justizrat Dr. Wolff (Lissa), D. Wolff (Thorn), Dr. Wolpe (Thoru), Julius Zadig (Beuthen). £2 Berlin,25. Oktober. Im Verein für jüdische Geschichte und Literatur sprach gestern vor einer sehr zahlreichen Zuhörerschar Herr Rabbiner Dr. Porges aus Leipzig über das Thema: „Aus dem wirtschaftlichen Leben der westeuropäischen Juden im Mittelalter." In großen Zügen entwarf der gelehrte Redner ein Bild von den ökonomischen Verhältnissen der französischen Juden im 13. und 14. Jahrhundert, wobei er richtig bemerkte, daß auch die deutschen Juden jenes Zeitalters wohl das gleiche Bild darboten. Ihre Eigentumsverhältnisse, ihr Besitz an Grund und Boden, ihre finanzielle Lage, ihre Bedeutung als Bankiers, die Anklage des Wuchers, der Vergleich mit den christlichen Wucherern, ihre Beschäftigung, die Beteiligung am Handwerk und Ackerbau, alles wurde besprochen und an der Hand von Akten und Zahlen bewiesen. Besonderes Interesse erregten die Auszüge aus dem Kassabuche eines südfranzösischen Juden jener Zeit. Der Vortrag fand lebhaften und wohlverdienten Beifall. — Aus den auswärtigen Vereinen: In Königsberg sprach Dr. Max Wittenberg über „Jüdische Auswanderung", in Tilsit Rabbiner Dr. Ehrlich über „Das jüdischchazarische Reich", in Rakel Lehrer Peczkowski über „Die Musik im Judentum — das Judentum in der Musik", in Bernstadt i.Schl. Herr Oberkantor Davidsohn-Gleiwitz über „Die Melodien und Gesänge des jüdischen Gottesdienstes", in Dresden Dr. M. Wittenberg über „Biblische Frauen" und Oberkantor Ziwi-Elberfeld über „Die Frage nach Ursprung und Entwicklung einer spezifischjüdischen Musik", in Köln Privatdozent Dr. Gold stein-Darmstadt über „Die moderne Religionsphilosophie und ihre Beziehung zum Prophetismus", in Frankfurt a. M. Dr. L. Hirschberg-Berlin über „Die Bibel in der Musik". In Offenbach a. M. wurde durch den Verbandsvorsitzenden am 9. d. M. ein neuer Verein eröffnet, der bereits 150 Mitglieder zählt. Vorsitzender desselben ist der sehr rührige Herr Rechtsanwalt Dr. Fritz Guggenheim daselbst.