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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-09-13 · Heft 37 (13.9.1907) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 37 (13.9.1907)
Date
1907-09-13
Page
[Seite] (sequence 12)
Language
German
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lich an edler Einfachheit und künstlerischer Abrundung gewonnen hat. Ausgehend von einem biblischen Texte, aber ohne demselben Zwang anzutun, verbreitet sich Coblenz in seinen Predigten über Fragen der Ethik, der Ethik des Einzelmenschen und der bürgerlichen Gemeinschaften, sowie über religiöse Fragen mit der Ruhe des abgeklärten Geistes und doch mit dem Feuer der Ueberzeugung. Da hört man nichts von der so beliebten und doch nicht gerade geschmackvollen Art: „Wie ist doch unsere Religion so herrlich!", „So lehrt es unsere Religion" nsw. Nichts von alledem. Und doch, wenn der Religion entfremdete Glaubensgenossen, wenn Nichtjuden diesen Prediger hören, wenn sie ihn lesen, dann fühlen sie: Der das von der Kanzel herab verkündet, ist ein jüdischer Prediger, er ist Repräsentant des Judentums, selbst tief wurzelnd in dieser Religion. Was sür eine Religion muß das sein, die zu einer solch erhabenen Weltanschauung, zu einer solchen sittlichen Höhe emporführt! Aus der Fülle des Gebotellen sei einiges Charakteristische hervorgehoben. In der ersten der Predigten, die mir eine Progrannnrede des Verfassers zu sein scheint, spiegelt sich seine Auffassung des prophetischen Judentums wieder. Er zeigt, daß unsere Propheten nicht nur „die großen Zerstörer gewesen sind, die mit kraftvoller Energie verderbliche Anschauungen und Vorstellungen überwunden haben ..." sondern daß sie auch „neue sittliche Werte geprägt" haben. Das sei vor allem denen ins Stammbuch geschrieben, die in unseren heutigen fortschrittlichen, ernst nach Wahrheit ringenden und ans dem Boden des prophetischen Judentums stehenden Theologenlediglich die Zerstörer sehen und von ihrer aufbauenden Tätigkeit nichts bemerken wollen. In wahrhaft trefflicher Weise spricht sich Coblenz in der Predigt Nr. 5 über das Wesen der religiösen Freiheit aus. Einige markante Stellen aus dieser Predigt mögen hier Platz finden: „Was fordert von uns die religiöse Freiheit? Vor allem das eine, ohne das keine positive Religion möglich ist: die Anerkennung der Ideen und Grundsätze, die die Religion beherrschen und in ihren geschichtlich gewordenen Formen lebendig sind. Glaube doch nicht, du seiest freigesinnt, weil du auf religiösem Gebiete schaltest und waltest wie du willst. Vergangenes preisgebend und Neues schaffend, ohne durch irgend ein Gesetz dich binden zu lassen, das ist keine Freiheit, das ist Willkür. . . Ihr irrt, wenn ihr glaubt, das Judentum der Vorzeit sei euch innerlich fremd. Was euch fremd zu sein scheint, steht euch in Wirklichkeit recht nahe. Der Geist der israelitischen Gemeinschaft hat es geschaffen, und euer Geist gehört diesem Gesamtgeist Israels an, er ist in ihm eingeschlossen, er wächst aus ihm heraus. Euer Geist gehört dem Gesamtgeist Israels an..Ich stehe nicht an, es zu sagen: Diese Predigten bedeuten für die jüdische Kanzelberedsamkeit einen unverkennbar großen Fortschritt. Man rechne es dein Rezensenten einmal nicht als Unterlassungssünde an, wenn er — des beschränkten Raumes halber — nicht auch auf kleine Schwächen des Buches eingeht. Ihm war es hauptsächlich darum zu tun, auf die Bedeutsamkeit der Neuerscheinung hinzuweisen. Schließen möchte ich mit dem Hinweise, daß das Buch vom Verleger äußerst geschmackvoll ausgestattet wurde. B. * Rabbiner Dr. Mar Grün Wald: Beruria, Gebet- und Andachtsbuch für jüdische Frauen und Mädchen. Wien 1907. Verlag von Josef Schlesinger. „Schafft euch Erinnerungen!" ruft ein großer, edler und gütiger Meister der Tonkunst, Franz Liszt. Er wollte damit wohl sagen: „Bewahret im Gedächtnis des Herzens, was Erhebendes euch je begegnet!" Ein halbes Jahrhundert ist dahingeranfcht, daß der Name Beruria der Gattin des frommen Rabbi Meir einen unauslöschlichen Eindruck auf mein Kindergemüt machte, die hohe Seelengröße, die sie bei denr plötzlichen Tode ihrer beiden Herzenslieblinge bewies, mir Tränen entlockte. In der schwersten Stunde meines Lebens, als vor länger als drei Jahrzehnten meines Herzens Abgott in meinen Armen verschied, mußte ich an Beruria denken, und im Hinblick auf dieses edle Vorbild fand ich Aufrichtung und Erhebung, lernte ich in meinem grenzenlosen Schmerze „Kinder als anvertrautes Gut betrachten"! On revient toujours a son premier amour. Zu dieser Jdealgestalt meiner Kindheit werden meine Gedanken nun wieder zurückgeführt, da der jugendliche, geist- und gemütvolle Rabbiner Dr. Max Grunwald seine Festgabe für jüdische Frauen und Mädchen, die mit dem Namen Beruria geschmückt ist, in meine Hände legt. Das hehre Bild Berurias ist wohl nur einem kleinen Bruchteil unserer modernen Frauen und Töchter bekannt, und dieses ihnen näher zu bringen, ihre fromme Ergebung ihnen als Vorbild und Beispiel darzustellen, wäre schon ein großes Verdienst. Nun aber gewinnt der Herausgeber des vor uns liegenden Gebet- und Andachtsbuches ein noch unvergleichlich höheres Verdienst, daß er sich an diejenigen Frauen und Töchter Israels wendet, die der heiligen Gebetsprache unkundig, und daß er durch diese wundervollen religiösen Poesien — denn selbst die Prosaabschnitte, wie die verschiedenen Betrachtungen kann nran getrost ''als solche bezeichnen, — ihnen die Kenntnis der Gebete ihres Stammes vermittelt. Fraglos werden diese in der Formvollendung, in der sie geboten werden, ihren tiefen Eindruck auf Geist und Gemüt nicht verfehlen, da sie auch durchaus modernem Empfinden augepaßt sind, das Alte und Ehrwürdige dabei respektierend. Es gilt bei gar vielen unserer Frauen und Töchter für ungeheuer modern, überhaupt „glaubenslos" zu sein, alle altehrwürdigen Traditionen mit dem kritischen Seziermesser zu beleuchten. Nun, eine Frau ohne Glauben, ohne wahrhaftes Gottvertrauen ist ein Unding. Im höchsten Jubel des Glückes wendet sich jede reckte und echte Frau an ihren Gott, „Herr Gott ich danke dir!" „Du guter Gott im Himmel droben, bin ich so heiligen Glückes wert?" und in der tiefsten Not unseres Herzens rufen wir: „Herr, Gott, hilf mir, erbarme dich meiner im bittersten Leid"; wenn uns der Tod das Liebste geraubt finden wir Trost, Ruhe und Frieden des Gemütes, wo sie einzig und allein zu suchen, in den Segnungen der Religion. Ein ganz außerordentlicher Vorzug des Buches ist in dem Abschnitt: „Im Kreislauf des Lebens" allen Situationen des weiblichen Gemütslebens „von der Wiege bis zum Grabe" gerecht zu werden, sür jede den richtigen Ton, das richtige Wort zu finden; der Verfasser erweist sich hiermit als ein überaus seiner Herzens- und Seelenkenner. Das Kapitel „Bilder und Zeichen am Lebenswege" enthält tiefe, sinnige Lehren und höchst beachtenswerte Weisheitssprüche aus Bibel, Talmud und Midrasch und kann als das Vorbild aller Aphorismen- und Sentenzensammlungen unserer Zeit betrachtet werden, daher auch wohl geeignet, selbst die modernsten Frauen und Töchter zu fesseln und zu interessieren. Im Schlnßartikel: „Erkenne den Gott deines Vaters", finden wir Urteile Andersgläubiger über den Verrat am angestammten Glauben; neben Napoleon I. und Friedrich dem Großen, den Brüdern Humboldt und Fritz Reuter werden unsere modernen Frauen und Töchter ihren Lieblingen Ibsen und Nietzsche, wie vielen anderen erlesenen Geistern, die alle mehr oder minder hart und scharf den Abfall vom angestammten Glauben verurteilen, begegnen. Mit diesen Aussprüchen großer und bedeutender Männer aller Zeiten hat der Verfasser sein Werk gekrönt. Gerade in den höheren Schichten hat der Abfall vom angestammten Glauben erschreckende Dimensionen angenommen. Es ist eine gebieterische Forderung unserer Zeit, die Glaubenstreue unserer Frauen und Töchter zu festigen, denn in ihrer Hand liegt als Bildnerinnen und Erzieherinnen einer künftigen Generation die Erhaltung des Judentums. Möchten sich unsere Frauen und Töchter klar bewußt werden, daß „noblesse oblige", daß ihre höhere Bildung, ihr modernes Empfinden ihnen auch die Pflicht auferlegt, das Dichterwort: „Was du ererbt von deinen Vätern. Erwirb es, um es zu besitzen" hinsichtlich ihrer Glaubenstreue zu beherzigen und zu betätigen. Als Wegweiser hierzu kann ihnen das Gebet- und Andachtsbuch „Beruria" werden. Möge das treffliche Erbauungsbuch Eingang und Verbreitung bei unseren Frauen und Töchtern finden, dies wäre der herrlichste Lohn für den Herausgeber, der sich mit so liebevoller Hingebung und rastlosem gleiße seinem Werke gewidmet hat. Einige Beiträge der Herren Rabbiner Dr. Gttdemann, Wien, Dr. W. Münz, Gleiwitz, Adolf Freyhan. Breslau, wie der Damen Frau Lisa Tarlau, Hamburg und Fräulein Anna Lachmann, Breslau, sind dem Buche eingesügt. Regina Neisser. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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