Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 37 (13.9.1907)
- Date
- 1907-09-13
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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71. Jahrgang. Nr. 37 Berlin, 13. September 1907' Der Gemeindevate. Vellage zur „Allgemeinen Leitung deß Judentums". Korrelpondrn?rn und Sschrichten. Deutschland. s. Berlin, 8. September. Der Fürforgeverein für hilflose jüdische Kinder E. V. hat jetzt eine Auskunftsstelle im Kinderheim Artilleriestraße 36 b eröffnet. Eltern, die durch Krankheit, durch Arbeitslosigkeit, oder durch andere Schicksalsfrage getroffen, für längere Zeit oder auch nur vorübergehend nicht in der Lage sind, für ihre Kleinen in ausreichender Weise zu sorgen; Angehörige, deren Töchter ein Opfer der Verführung wurden; Mädchen, die das Elternhaus verlassen, von der Familie verstoßen, vielleicht auch von ollen Mitteln entblößt, bange der Zeit ihrer Entbindung entgegen sehen — sie alle finden hier eine Stätte, an welche sie sich vertrauensvoll wenden können. Sie sind sicher, daß sie hier'Rat finden, so sachgemäß wie ihn reiche Erfahrung in der Wohltätigkeitspflege, so uneigennützig wie ihn hilfsbereite Nächstenliebe erteilen kann. Die Auskunftsstelle leistet mehr als ihr Name verspricht. Sie erteilt nicht nur Rat, sondern greift auch helfend ein. Sie sucht zerrüttete Verhältnisse zu ordnen, wenn dadurch die Zukunft des Kindes gesichert wird; sie nimmt den Hilfesuchenden Schritte ab, die ihnen unangenehm sein müssen und sorgt, wo es erforderlich ist, auch für die Mittel zur Unterstützung. Dabei wird im Interesse der Hilfesuchenden strengste Verschwiegenheit gewahrt, und es werden von denen, die selbst nicht in die Auskunftsstelle kommen können oder sich davor scheuen, die Gesuche auch schriftlich angenommen. Die neue Einrichtung hat also ein ähnliches Arbeitsgebiet wie die burenux ouyerts, die sich in Frankreich schon jahrzehntelang außerordentlich segensreich bewährt haben. Es verdient der Versuch, diese Errichtung nun auch in Deutschland einzuführen, volle Beachtung, zumal in einer Zeit, wo die Fortschritte der Kiuderfürsorge in dem Mittelpunkte des öffentlichen Interesses stehen. Die Auskunftsstelle lst täglich von 2 bis 4 Uhr nachmittags geöffnet; die Leitung hat eine in der Wohlfahrtspflege bewährte Kraft, die Lehrerin Fräulein Dorothea Wormann übernommen. Schriftliche Gesuche können auch nach der Privatwohnung von Fräulein Wormann, Oranienburgerftraße 32 gerichtet werden. Es ist dadurch ausgeschlossen, daß außer der Leiterin der Auskunftsstelle ein anderer von dem Gesuche Kenntnis erhält. , s. Berlin, 8. September. Am 4. d. M. fand unter dem Vorsitz des Herrn James Simon eine Sitzung des geschästsführenden Ausschusses des Hilfsvereins der deutschen Juden statt. Mit leb, hastem Beifall nahm der Ausschuß die Mitteilung des Geschäftsführers im Ehrenamt, des Herrn Dr. Paul Nathan, entgegen, daß die Mitgliederzahl des Hilfsvereins von 13 000 am Ende des Jahres 1906 zurzeit, also bis September 1907, auf 17 000 gestiegen ist. Die Ausbreitung des Hilssvereins und die sich immer steigernden vielfältigen Aufgaben, die an ihn herantreten, lassen die Mitarbeit möglichst zahlreicher hervorragender und opferwilliger Persönlichkeiten aus allen Teilen Deutschlands als unumgänglich notwendig erscheinen. Demzufolge wurden für das Zentralkomitee 40 neue Mitglieder und für den geschüftsführenden Ausschuß drei Mitglieder in Vorschlag gebracht; diese einstimmig angenommenen Vorschläge werden dem Zentralkomitee unmittelbar zur Bestätigung vorgelegt werden. Dr. Nathan gab einen Bericht über den Stand des Hilfswerks für die Opfer der Judenverfolgungen in Rumänien und Marokko. Weitere Mittel für diese Zwecke wurden für eventuelle Erfordernisse bereit gestellt. Die Hilfsaktion für die russischen Juden erfordert nach wie vor dauernd erhebliche Aufwendungen. In dieser Sitzung wurde die Subvention für die Auswandererherberge in Königsberg i. Pr., die unter Verwaltung des dortigen Schutzkomitees des Hilfsvereins steht, erhöht; die Subventionen für das Hilfskomitee für jüdische Auswanderer in Basel und für den jüdischen Hilfsverein in Berlin, die sich beide die Fürsorge für Auswanderer angelegen sein lassen, wurden erneuert; dem jüdischen Volksverein wurde außerdem ein einmaliger Beitrag von 200 Mark gewährt. Die jüdische Studentenkasse Esrath Achim in Zürich, die besonders infolge der noch immer tieftranrigen wirtschaftlichen Lage des Zarenreiches durch russische Studenten sehr stark in Anspruch genommen wird, erhielt wie im Vorjahre 300 Franken. Für Galizien, woselbst der Hilfsverein der deutschen Juden in engster Verbindung mit der befreundeten Großloge für Deutschland und in Kooperation mit dem Wiener Hilfsverein für die notleidende jüdische Bevölkerung in Galizien vorgeht, wurden Bewilligungen vollzogen, die den Ausbau des Hilfswerks speziell auf dem Gebiet der Jugendfürsorge weiterführen. Es wurden Mittel zur Begründung von Kindergärten in Tarnow und Kolomea bewilligt, wo ein besonderes Bedürfnis nach diesen segensreichen Instituten besteht, die sich auch in Galizien aufs beste bewähren, und wo tatkräftige und hingebungsvolle Persönlichkeiten die Initiative zur Durchführung dieses schönen humanitären Werkes ergriffen haben. Es wurde ferner dem jüdischen Zweigkomitee für die internationale Bekämpfung des Mädchenhandels zur weiteren Verfolgung seiner Zwecke durch Begründung von speziellen Komitees in Galizien, die dem Mädchenhandel im Lande selbst energisch entgegenwirken sollen, ein Betrag von 800 Mark zur Verfügung gestellt. Eine hebräische Schule in Rzeszow, die in kleinem Rahmen Nützliches leistet, erhielt eine Zuwendung von 200 Kronen. Für Schüler der Lehranstalt des Herrn Rabbiner Dr. Jung in Ungar.-Brod (Galizier und Russen) wurden 600 Aronen Stipendien gewährt. Ein großer Teil der Tagesordnung, die sich auf Bewilligungen für Lehranstalten und andere Institute im Orient, insbesondere in Palästina bezieht, wurde zurückgestellt bis zur Rückkehr des Herrn Dr. Nathan von einer Reise, die er nach dem Orient, Bulgarien, der europäischen Türkei, Kleinasien, Syrien, Palästina zum Studium der wirtschaftlichen Verhältnisse dieser Länder und der Lage der dortigen Juden und ihrer Aussichten für die Zukunft unternimmt. Der Ausschuß dankte Herrn Dr. Nathan dafür, daß er bereit ist, die Institute des Hilssvereins im Orient zu besichtigen und Vorschläge für eine weitere Ausgestaltung des Schulwerkes und der humanitären Institutionen des Hilfsvereins zu machen. Herr Dr. Nathan wird schon von der Reise aus fortlaufend Beobachtungen aus dem Orient dem Ausschuß einsenden Unter Vertagung aller andern Anträge, die aus den Balkanländern und der europäischen und asiatischen Türkei Vorlagen, lvurden für das hebräische Gymnasium in Jaffa, durch dessen Begründung einem lebhaften Bedürfnis entsprochen worden ist, 1600 Franken zur Anschaffung von Büchern und Instrumenten bewilligt. Zur Ausbildung einer palästinensischen Kindergärtnerin in Deutschland — an Kindergärtnerinnen von Fach ist ein großer Mangel in Palästina — und zur Unterstützung eines Arztes, der sich in Palästina niederlasseu will und der spezielle Kenntnisse auf ophtalmologischem Gebiete hat — was für den Orient von besonderm Wert ist — wurden entsprechende Beiträge gewährt. ff. Berlin, 8. September. Der emeritierte Hauptlehrer H e i m a n n Neufeld, in der Lehrerwelt der ganzen Provinz Posen gut gekannt, ist hier gestorben. Derselbe war in Schrimm geboren, er amtierte in Aions, Kosten und Schrimm. Sein gedeihliches Wirken an der Unleroffizierschule in Schrimm wurde wiederholentlich vom Offizierkorps durch Anerkennung und Aufmerksamkeiten ausgezeichnet. Nach seiner Pensionierung übersiedelte er nach hierher, wo er dem Vorstande des Vereins der Schrimmer angehörte. Die Lauterkeit seines Charakters, seine Pflichttreue und stete Hilfsbereitschaft trat in der Ausübung seines Amtes als Mitglied der Armenverwaltung besonders hervor. Bei der Beerdigung war ein Deputierter'der Stadt mit der Amtskette erschienen. Der Verein der Schrimmer war durch seinen Vorsitzenden, Lehrer Wolff, vertreten. Rabbiner Dr. Warschauer hob in seiner Rede die Verdienste des Entschlafenen hervor und bekundete dies durch das Textwort: „Ein frommer und gerechter Mann ist dahin gegangen." Von der Königlichen Regierung ist Lehrer Neuseld