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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-09-13 · Heft 37 (13.9.1907) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 37 (13.9.1907)
Date
1907-09-13
Page
[Seite] (sequence 11)
Language
German
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„Allerdings," war Gerolds geringschätzige und verächtliche Antwort, „ich erinnere mich ganz genau, daß diese die Zeit ist, wo die Juden sich den Himmel als eine Gerichtsstube vorstellen, wo Gott eine große Bücherrevision vornimmt, wo alle Engel als Ankläger und Verteidiger viel beschäftigt sind, und ein starker Verkehr in Strafen und Freisprechen herrscht!" Saul überhörte absichtlich den leichtfertigen Scherz seines Freundes. „Dieses Fest," sprach er in demselben Tone weiter, „bedeutet für mich sehr viel. Es entführt mich der Unruhe des weltlichen Treibens; es heiligt inein unbedeutendes Streben; es weihet meine ganze Lebensempfindung, denn es zeigt mir, daß schließlich doch noch ein höherer Zweck, ein erhabeneres Endziel vorhanden ist, dem wir unsere Kraft widmen sollen." „Diese Zeit," fuhr er mit Wärme weiter fort, „bedeutet für mich einen Antrieb, wenn ich in den Erdennichtigkeiten erschlaffen will, sie gibt mir Gelegenheit, die weltlichen Eitelkeiten auf ihren wahren Wert zu prüfen, außerdem schärft sie mir noch eine heilige Menschenpflicht ganz besonders ein, indem sie das Band festigt — zu meiner Schande sei es gesagt: vielleicht das einzige Band — das mich mit meinem Volke, mit meinem Stamme verbindet, und macht mich zum wesentlichen Bestandteil seines Schicksals und seines Kampfes." „Ein „Band" nennst Du es?" rief Gerold, nur den letzten Satz aus der Rede seines Freundes herausgreifend. „Sage lieber „eine Fessel", „eine Kette", und anstatt „Schicksal" kannst Du getrost „Verdammung" setzen, und Du hast das Richtige getroffen! Für eine sentimentale, phantastische Empfindung — denn nur auf eine solche kommt es höchstens heraus — sollen wir, willst Du Deine weitausschauenden, weitreichenden Pläne und Talente in den winzigen Raum einzwängen; willst Du Dich freiwillig und mit sehenden Augen in allerlei Hindernisse und Hemmnisse hinein stürzen! — Ich sage Dir, Saul, Deiue Handlungsweise ist unverzeihlich, verbrecherisch! Du, der Du zu höheren Dingen berufen bist: zu schaffen und zu wirken für das Heil und Wohl des Menschentums, Du hast gar kein Recht, nur einem Teile, einer Sekte anzugehören. Die ganze, große Welt verlangt und gebraucht Dich. Und das ist der einzige Ruf, dem Du folgen solltest und auch folgen mußt!" „Und Du, Gerold?" »Ich? Ich bin eine Null — der ausgeprägte Alltagsurensch, der gar nicht in Betracht kommt. Bei mir hat es sehr wenig zu sagen, wem ich angehöre; das Wenige, was ich schaffen würde, könnte weder Gutes noch Böses bewirken — das volle Bewußtsein meiner Bedeutungslosigkeit ist ja auch die einzige Ursache, daß ich noch nicht gänzlich vom alten Stamme losgebrochen bin. In jedem Falle habe ich dem Zeitgeiste Rechnung getragen und ihm mannigfache Zugeständnisse gemacht; in erster Reihe ist aus Gerschon Gabrielsohn jetzt „Gerold Gawrilow" geworden, schon aus dem Umstande, weil ich es vermeiden will, meinen anrüchigen und verpönten Ursprung den Menschen ins Gesicht zu schleudern. Der alte Stamm glaubt noch immer, mich als seinen Zweig betrachten zu können! Meinetwegen! Ich wünsche ihm viel Glück zu diesem schönen und wertvollen Besitztum. Doch Du, Du hast mit der Riesin Natur gekämpft und ihr ihre Geheimnisse abgerungen. Du bist auf dem besten Wege, durch Deine Forschungen eine Weltgröße, eine Berühmtheit zu werden — und nun willst Du Dich durch Alteweibergeschichten beeinflussen und von dem gesteckten Ziele seitwärts drängen lassen? Geh, Du bist ein Phantast und ich habe keine Geduld mit Dir?' „Von den alten Weibern, die mir diese Geschichten erzählen, war wenigstens eine eine Heldin," sprach Saul mit bebenden Lippen, während eine Träne in seinem Auge erglänzte. „Daraus folgt aber noch lauge nicht, daß sie die Mutter eines Helden war," war Gerolds nüchterne Gegenrede. „Wenigstens für mich bist Du kein Held mehr, Saul. Du fürchtest ja der Abgeschmacktheit die Maske abzureißen, weil sie zufällig alt und grau geworden; weil Du zu feig bist, der Wahrheit ins Gesicht zu schauen. Der einzige Beweggrund, der Dich hindert, gerade und ausrecht durch das Leben zu gehen und der Welt offen Dein Gesicht zu zeigen, ist ja doch nur eine mattherzige Sentimentalität. Oder im günstigsten Falle kannst Du Dich von dem stumpfsinnigen jüdischen Pöbel als Märtyrer bewundern lassen. Doch vergiß es nicht, daß der Unterschied zwischen diesem und einem ausgemachten Narren nur in einer eigensinnigen, trotzigen Auffassung besteht." „Also ein Narr oder ein Feigling!" sprach Saul mit überlegenem Lächeln. „Wenigstens läßt Du nur die Wohltat des Zweifels angedeihen, was Dir aber nur die doppelte Belästigung auferlegt, auch meine Anschauung oder Rechtfertigung nach beiden Seiten hin anhören zu müssen." „Wohlan, der Feigling soll den Vorrang haben. — — Höre zu: Ein Haufen verfolgter, abgequälter, schwacher Menschen lagert in einer Wildnis. Zur Nachtzeit sitzen sie alle, Männer, Frauen, Greise und Kinder, bebend und zitternd da, angstvoll erwartend, wann wohl der schleichende, unsichtbare Feind den tödlichen Schlag gegen sie führen wird-; die Nacht schreitet fort; aber-sie fürchten auch das Tageslicht, weil dieses sie noch mehr zur Zielscheibe des vernichtenden Geschosses macht. Und so zittern und fürchten sie fortwährend, bei Tag und Nacht; wehr- und waffenlos dem Untergänge preisgegeben. Nur zwei unter ihnen sind bewaffnet, der einzige Schutz, zu dem die Verfolgten hoffend und flehend aufblicken. Diese beiden aber werden von den Lockungen des Feindes fortwährend bestürmt. „Kommt zu uns," läßt er seinen schmeichelnden Lockruf hören. „Kommet zu uns, gebet auf die undankbare Rolle, für eine verlorene Sache noch weiter zu kämpfen. Kommet.zu uns, unser ist der sichere Sieg, und wir werden auch Euch zu Macht und Ansehen verhelfen, aber kommet schnell, sonst werdet auch ihr untergehen in ihrem Verderben — —." Einer der beiden Waffenbesitzer läßt sich verführen und schließt sich beii Verfolgern seines Volkes an, während der andere treu und fest auf seinem Posten verbleibt. Null, Gerold, sage mir, wer ist hier der Feigling, der Abtrünnige, oder der Standhafte?" (Fortsetzung folgt.; Literarische Mitteilungen. Dr. F. Coblenz: Predigten, gehalten in der Shnagoge zu Bielefeld. Neue Folge. Verlag von I. Kauffmann, Frankfurt a. M 1907. Stolz und schlicht zugleich sagt der Verfasser im Vorwort: „Der Ersolg meiner ersten Predigtsammlung — nach kaum zwei Jahren war die ganze Auflage bis auf wenige Exemplare vergriffen — veranlaßt mich, eine neue Sammlung zu veröffentlichen." In der Tat, ein Erfolg, der gewiß nur wenigen Predigtsammlungen beschieden war. Auch der vorliegenden neuen Sammlung darf man einen ähnlichen Ersolg Voraussagen. Denn ein Geist durchweht beide Bücher: der Geist der Treue gegen sich selbst. Es spricht hier ein Mensch zu Menschen, nicht über weltenferne Dinge als ein Weltfremder, sondern als ein Seelen- und Weltenkundiger über das, was des einzelnen Herz bewegt, was des einzelnen Geist beschäftigt, und überall spinnen sich Fäden zwischen Religion lind Leben. Ich rühme dies von beiden Sammlungen, nur daß das neue Buch weit mehr noch von der Abgeklärtheit der Weltanschauung zeugt, nur daß seine Sprache innerlich an Überzeugungskraft und Eindringlichkeit, äußer-

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