Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 24 (14.6.1907)
- Date
- 1907-06-14
- Page
- Seite 282 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228744-3228769--63592-3297499- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
282 der aber natürlich seine Vorläufer hatte. Die einzelnen Phasen dieser literarischen Epoche philologisch und in ihrem sachlichen Inhalt zn erforschen, stellte sich Freudenthal zur Allsgabe. Auch die Schriften des Geschichtsschreibers Jvsephus zog er in den Bereich seiner Studien, die als wertvolle Beiträge zur Kenntnis des klassischen Altertunls geschaht werden. Seine „Hellenistischen Studien" (Breslau 1878—1878) sind als eines der bedeutendsten Werke auf diesem Gebiete von Meistern wie Ranke, Mommsen u. a. anerkannt lvordcn. In den letzten zwanzig Jahren widmete sich Freudenthal ansschlietzlich seiner Lehrtätigkeit an der Breslauer Universität. Neben den Forschungen, die sein eigenes Gebiet ausmachten, beschäftigte er sich auch eifrig mit der Lebensgeschichte und der Philosophie Spinozas. Er hat sich mit diesen Forschungen große Verdienste erworben. Im Jahre 1899 erschien von ihm die „Lebensgeschichte Spinozas, Urkunden und nichtamtliche Nachrichten", in der Frendenthal ans Grund von urkundlichem Material mit vielen Legenden, die sich an den Namen des großen Denkers von Amstcrdain knüpften, gründlich aufräumte. Spinozas Leben ist inl Laufe der Jahrhunderte oft beschrieben uild besprochen worden, aber selten objektiv und mit Sachkenntnis. Die erstell Biographen dieses Philosophen folgten den Anfzeichnungen irnd Angabeil von Männern, welche die Kenntnisse der Ereignisse aus zweiter Quelle hatteil und dazu lloch die Borgüilge nicht verstanden. Uin Spinozas Erlebnisse zu verstehen, muß inan die Zustände kennen, die damals iin Ghetto von Anlsterdam herrschten, außerdem die Verhältnisse uild die geistige Richtung der holländischen Republik. Zunl erstenmal hat Freudenthal aiiltliches Material alis dem jüdischere Gemeindearchiv zll Alnstcrdain und aus anderen Quellen veröffentlicht, aus dem zu ersehen ist, daß viele Angaben über die Ausstoßung Spinozas aus de»l Judentum, diese tragische Episode, die so oft pathetisch behandelt wurde, gerade in den ivichtigsten Punkten falsch sind. Dieses Buch Frendenthals, das bei Kennern große Wertschätzung fand, war der Vorläufer zn einer neuen, gründlichen Biographie des Philosophen, die 1904 unter dem Titel „Das Leben Spinozas" als der erste Band einer großangelegten Arbeit: „Spinoza, sein Leben und seine Lehre" in Frommmallns Kollektion („Klassiker der Philosophie") crschieneil ist. Es ist dies die erste objektive, lnilfassende Lebensbeschreibung Spinozas, die nur Frclldenthal, der gründliche Kenner der Philosophie und der geistigen Strömungen iin Judentnin, die aus Spinozas Entwicklung zweifellos eingewirkt haben, liefern konnte. Dies Buch gehört unbestreitbar zn den besten auf dem Gebiet der biographischen Literatur. Wohltuend wirkt der ruhige Ton der Sachlichkeit, in dem es gehalten ist. Freudenthal tritt nicht als Apologet auf, nach keiner Richtung; er sucht weder den Philosophen, noch dessen Verfolger zu rechtfertigen, sondern die Ereignisse so zu schildern, wie sie sich in der Wirklichkeit abgespielt haben. Es ist ein treues Kulturbild, das uns Frendenthal in diesein Buch entrollt. Erst durch Frendenthals wahrheitsgetreue und meisterhafte Schilderung lernen wir das Charakterbild des auch in seinem Lebensschicksal merkwürdigen Denkers kennen, wie auch den interessanten Kreis, der sich um den von der Gemeinde Ansgestoßenen gebildet hat. So hoch wir die philosophischen Forschungen Frendenthals schätzen, ist doch seine Biographie Spinozas als das bedeutendere und wichtigere Werk des verstorbenen Gelehrten zu bezeichnen. Denn es beschäftigt sich mit einem kühnen Geist, dessen Einfluß ans das moderne Leben in der Literatur und in der Gesellschaft unermeßlich ist. Jacob Freudenthal hat ein Alter von beinahe 68 Jahren erreicht. Er wurde am 20. Juni 1889 zu Bodenfelde in Hannover geboren und studierte am Rabbinerseminar und an der Universität in Breslau jüdische Theologie und klassische Philologie. Im Jahre 1868 wurde er als Nachfolger Joels Dozent an der genannten theologischen Lehranstalt in Breslau und seit 1875 auch Dozent an der Universität. Erst 1888 wurde er ordentlicher Professor der Philosophie an derselben Hochschule, der er znr Zierde gereichte. Im September 1906 erhielt Freudenthal den Charakter als Geheimer Regierungsrat. Ein großer Gelehrter, ein trefflicher Lehrer, ein edler Mensch ist in Jakob Freudenthal dahingeschieden. Sein Name wird in der Wissenschaft, der er mit unermüdlichem Eifer gedient, unvergessen bleiben.') Die Juden in Lusmen und dir Spsnilch- Iüdilche frage. Von Ch. Weitzner in Sarajevo. III. Ad) komme nun zu der jetzt so aktuellen, sogenannten Spanisch-Jüdischen Frage, welche auch in diesem geehrten Blatte oft behandelt wurde, nachdem ich noch vorausschicke, daß den eigentlicher: Anstoß, um mich mit diesem Gegenstände zu befassen, ein Aussatz des unvergeßlichen Dr. Kahserling s. A. in diesern werten Blatte gegeben hat. Es ist übrigens seltsam, daß wir Bosniaken von der europäischen Presse und Wissenschaft seit jeher so arg vernachlässigt werden. Fast noch nie hat man es bis jetzt der Mühe wert gefurrden, sich etwas naher mit uns zu befassen; selbst Kahserling zählte im genannten Artikel aller Herren Länder, wo Spaniolen wohnen, aus: Rumänien, Serbien usw., aber von Bosnien war darin keine Silbe. *) Es sei mir gestattet, diesem Nachruf noch einige Worte hinzuzufügen. Ich habe den Heimgegangenen seit 40 Jahren gekannt und in ihm den Lehrer wie den Meister verehrt. Als er 1867, eben selbst noch ein Schüler wie wir, vom seligen Seminardirektor Frankel eines Tages zu unserem Lehrer gemacht wurde, wußte sich der Achtundzwanzigjährige sehr schnell unser aller Achtung durch sein gründliches Wissen und seinen belehrenden Vortrag, unser aller Liebe aber durch seine Herzensgute und Liebenswürdigkeit, sowie dnrck die Vornehmheit seines Wesens zu erobern. Im Seminar hat Frendenthal vor allem Neligionsphilosophie und Hellenistika vargetragen. Diese Vorträge werden allen, die sie gehört, in unvergeßlicher Erinnerung fortleben. Frendenthal war ein Schwiegersohn von Michael Sachs s. A. und viele, die beide Männer gekannt, haben die' große Aehnlichkeit zwischen beiden in Geist und Wesen, die Verbindung von attischer Feinheit mit jüdischem Geiste, die beide auszeichnete, hervorgehoben. So war es denn auch eine Lieblingsidee des Heimgegangenen, den Nachlaß von Sachs zu ordnen und als ein Denkmal treuer Pietät herauszugeben. Im nächsten Bande des „Jahrbuchs der jüdischen Literaturvereine" sollte zur Feier des hundertsten Geburtstages von Sachs eine Auswahl aus diesem Nachlaß und eine Charakteristik des großen Mannes erscheinen. Da erhielt ich am 30. v. M., also zwei Tage vor seinem Tode, das solgende Schreiben Freudenthals ans Jannowitz im Riesengebirge: „Ein nervöses Leiden hat mich gezwungen, sür das Semester- Urlaub zu nehmen und hier in der reinen Gebirgsluft Erholung zn suchen. Leider muß ich auch einer ärztlichen Vorschrift folgen und jeder geistigen Tätigkeit fern bleiben. An die Herausgabe der Sachsschen Briefe kann ich daher fürerst nicht denken. Es tut mir sehr leid!" Nun ist er selbst hingegangen und an ihm hat sich das Wort des griechischen Weisen erfüllt: „Ein rascher Tod, das ist der beste Trost. Wir aber, die wir ihn gekannt und geehrt, werden sein Andenken immerdar in Ehren halten. G. K.