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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-06-14 · Heft 24 (14.6.1907) · p. Seite 281

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 24 (14.6.1907)
Date
1907-06-14
Page
Seite 281 (sequence 5)
Language
German
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281 Dazu ist nun ZU bemerken: 1. daß die Jewish Territorial Association in London durch ihren Präsidenten Israel (nicht Jsaac) Zangwill bereits hat erklären lassen, daß sie der ganzen Sache fernstehe, 2. daß - die Regierung das Gesuch des betreffenden Agenten — denn nur um einen solchen handelt es sich — um Ueberlassung einer Million Acres in West- Australien bereits abgelehnt hat. Aber auch sonst ist in dem Artikel viel Falsches. Es ist deshalb von Interesse, was ein genauer Kenner der jüdischen Kolonisationsbestrebungen, Herr Professor Dr. Otto Marburg hier, zu dem Artikel bemerkt: „Es besteht natürlich ein gewaltiger Unterschied zwischen einem jüdischen Reich, das wohl mit Recht für in absehbarer Zeit unerreichbar gehalten wird, und einer kompakten autonomen jüdischen Siedelung, welche sehr gut denkbar, wenn auch aus dem Grunde schwer durchführbar ist, weil die 5—6 Millionen Juden Rußlands und Rumäniens, die ja im wesentlichen das Material hierzu liefern müßten, nur zum kleineren Teile Ackerbauer sind, und es in der ganzen Welt bei den im Vergleich mit der Industrie noch rückständigen Methoden des Ackerbaues nicht leicht ist, Städter in großen Massen wieder zu Ackerbauern zu machen. Trotzdem zeigt gerade die jüdische Kolonisation, daß dies, wenn man sich die nötige Zeit läßt, doch wohl möglich ist, und besonders die von Baron Hirsch vor nunmehr 15 Jahren begründeten Kolonien in Argentinien, die übrigens niemals bezweckten, ein „neues Palästina" zu werden, sondern als eine Zufluchtsstätte für Verfolgte gedacht waren, zeigen nach Ueberwindung der Kinderkrankheiten ein erfreuliches Gedeihen. Die in diesen Dörfern lebende jüdische Bevölkerung zählte im Jahre 1904 9126, 1905 schon 11 422 Seelen, 1904 waren 59 000 Hektar. 1905 schon 80 000 Hektar mit Körnerfrüchten und Lein bestellt, der Viehstand betrug 1904 88 000 Stück, 1905 schon 109 000 Stück; auch im letzten Jahre war die Entwicklung eine recht erfreuliche, jedoch fehlen mir die genauen Zahlen. Unrichtig ist, daß dieselbe Organisation, die jetzt Ländereien in Australien sucht, vor fünf Jahren ihr Augenmerk auf das Ugandagebiet in Afrika lenkte. Letzteres Gebiet wurde nicht der „Jewish Territorial Organisation", sondern der „Zionistischen Organisation" angeboten, die als ihr Endziel seit ihrer Begründung vor zehn Jahren stets nur die Erlangung einer „öffentlich rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina" ins Auge gefaßt hat. Es handelte sich in Uganda um ein außerordentlich hoch (3000 Meter ü. M.) gelegenes, steppenhaftes und vorläufig nur sür halbnomadische Viehzucht in Betracht kommendes abgelegenes Gebiet, das nach genauer Erforschung durch koloniale Sachverständige als für! jüdische Kolonisation völlig ungeeignet fallen gelassen wurde. Hin-! gegen macht die Kolonisation in Palästina durch Juden, wie auch der Jahresbericht der Deutschen Palästinabank sowie der kürzlich erschienene englische Konsularbericht erwähnten, bedeutende Fortschritte. Die jüdische Bevölkerung der größeren Städte wie Jerusalem,'Jaffa, Haiffa wächst derart, daß fortgesetzt neue Stadtviertel gebaut werden müssen, der städtische Bodenprcis enorm steigt und es sogar an Bauhandwerkern gebricht. Neue Industrien entstehen und mehrere große Fabriken sind von russischen Flüchtlingen errichtet worden. Die jüdischen ländlichen Kolonien, die teilweise noch unter einer lokalen Weinkrisis leiden, haben sich neuerdings mit großer Energie auf Orangen- und Mandelkultur geworfen. Allein ein Dorf Pessach Tikwah nahe Jaffa hat in diesem Jahre 75000 Kisten Orangen exportiert und wird in einigen Jahren, wenn erst die jetzt im Wachsen begriffenen 500—600 Hektar Pflanzungen zum Ertrag gelangt sein werden, eine halbe Million Kisten im Werte von zwei bis drei Millionen Mark exportieren, also mehr als jetzt das ganze Gebiet von Jaffa; in dieser Kolonie hat sich der Wert des Bodens in den letzten Jahren auf das Zehnfache gehoben, und das Dorf, das auch^ schon einen Mandelwald von 700 Hektaren besitzt, erhält schon jetzt einen fast städtischen Charakter. In geringerem Maße setzt diese Entwicklung auch in den übrigen 24 jüdischen Dorssiedelungen Palästinas ein, wenngleich ihre schlechtere Verbindung mit den Häfen ein derart schnelles Aufblühen nicht zuläßt. Jedenfalls kann es nicht mehr dem geringsten Zweifel unterliegen, daß auch die palästinensische jüdische Kolonisation eine große Zukunst hat, trotz der enormen Hindernisse, welche ihr durch die schlechte türkische Verwaltung bereitet werden. Ich selbst habe aus dem Werdegang einiger jüdischer Dörfer in Kleinasien, welche ich im Jahre 1900 mit rumänischen Flüchtlingen aus dem Handwerker- und Kleinhändlerstande begründete, ersehen, daß es gar nicht schwer ist. mit einem so intelligenten und arbeitsamen Material voranzukommen; selbst die Leistungen dieser Neubauerk im Pflügen und Heumähen waren erheblich bessere als die der umliegenden türkischen Dörfer. Auch deutsche Landwirte, welche die Kolonien besuchten, sowie der Times- Korrespondent haben nicht verhehlt, mir gegenüber ihr Erstaunen über den schnellen Aufschwung dieser Dörfer auszudrücken, wenngleich derselbe sich natürlich wegen der hohen Steuern und der Indolenz der Regierung stets in mäßigen Grenzen halten wird. Es unterliegt sür mich also auch gar keinem Zweifel, daß die australische Kolonisation, wenn tatsächlich Männer wie Lord Rothschild dieselbe mit großen Geldmitteln ausstatten und die nötige Geduld haben werden, reüssieren wird. Eine andere Frage ist die, ob bei den vielen glänzenden Auspizien Australiens die Ansiedler bei der schwierigen Landbearbeitung bleiben werden, oder ob sie sich nicht vielmehr, sobald sie etwas Geld in Händen haben, zum Teil wenigstens, dem Bergbau und der städtischen Industrie zuwenden werden. In der asiatischen Türkei, wo die Industrie so darniederliegt, ist das nicht zu fürchten. In Argentinien aber verläßt jährlich ein gewisser Teil der Ansiedler die Kolonien, freilich hauptsächlich aus dem entfernten Gebiete von Entre-Rios, wo die Landwirtschaft infolge Heuschrecken, Dürren und schwieriger Transportverhältnisse in den meisten Jahren kein einträgliches Geschäft ist. Wie es in Australien sein wird, läßt sich im voraus schwer übersehen, es wird meines Erachtens von der relativen Schnelligkeit des Aufschwunges von Landwirtschaft und Industrie abhängen. Wie dem auch sei, ob sich ein autonomer Kanton daraus entwickeln wird oder nicht, für Australien und die gedrückten russischen Juden kann nur etwas Ersprießliches aus der jüdischen Kolonisation entstehen, und auch der deutsche Handel könnte davon profitieren, wenn er sich in der ersten Zeit, wo die Kolonisten noch ihren deutschjüdischen Dialekt sprechen und noch nicht englisch verstehen werden, darum ernstlich bemühen wird, deutsche Jndustrieprodukte in das Kolonialgebiet einzuführen. Prof. Dr. O. Marburg. Krokellor Dr. tfahofc Freudenthal. Von Dr. S. Bernfeld. m 4. d. M. ist Jakob Freudenthal, der über drei Jahrzehnte an der Universität Breslau eine erfolgreiche Lehrtätigkeit ausgeübt hat, aus dem Leben geschieden. In ihm verliert die deutsche Wissenschaft einen hervorragenden Vertreter, der sich durch Vielseitigkeit und objektive Behandlung derDinge auszeichnete, dasJudentum einen der hervorragendsten Männer, die aus seiner Mitte im Laufe des Jahrhunderts hervorgegangen. Sein eigentliches Gebiet war die klassische Philologie, die Erforschung des Hellenismus, welche wissenschaftliche Disziplin ihm manche Abhandlung von bleibendem Wert verdankt. Seine Beitrüge zur Geschichte der neuplatonischen Philosophie haben in Fachkreisen allgemeine Zustimmung gesunder«. Zürn Studiunr des alexandrinischen Hellenismus wurde Frenderrthal infolge seiner Lehrtätigkeit an dem Jüdisch-Theologischen Seminar zu Breslau hingezogerr, die er seit 1866 über zwanzig Jahre ausübte. Diese Epoche gehört zu den interessantesten und erfolgreichsterr der Weltliteratirr. In Alexandrien, dem damaligen Mittelpunkt der klassischen Kultrrr, begegneten sich im dritten vorchristlichen Jahrhundert zum erstenmal der Hellenismus und das Judentum, und es entstand im Laufe der Jahrhunderte ein inhaltreiches Schrifttum, das in sich das Wesen beider Kulturerscheinungen vereinigte. DerHauptträger und glänzendste Vertreter dieser Richtung war der alexandrinische Jude Philo,

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