Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 24 (14.6.1907)
- Date
- 1907-06-14
- Page
- Seite 283 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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283 Nach meiner Angabe im vorigen Artikel ist ersichtlich, daß ne Zahl der hiesigen Juden laut Prozentsatz das fünffache der?grden im Königreiche Serbien übersteigt. Nach einer Notiz in der Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden (nach der offiziellen Sammlung des .Annuaire Stalistique de Royaume de Serbe“) sind unter den 492 282 Einwohnern Serbiens zusammen bloß 5729 Juden - 0,23 Prozent, von diesen 5729 sind aber bloß 1544 Spaniolen, aher weniger als 0,07 Prozent, während das Verhältnis der jiesigen Juden — noch vor zehn Jahren —' 8213 zu 1 568 OOO 0,53 Prozent ausmachte, und auch die Zahl der Spaniolen illeitt (5729) 0,36 Prozent erreicht. Wahrlich eine Zahl, die ine größere Aufmerksamkeit seitens unserer Publizistik verdient. Ich komme nun auf das eigentliche Thema zurück. Als -er spanische Senator Angelo Pulido sein erstes Buch „Los sraelitos LspaNoles" heraus gab, wollte er auch eine Verbindung uit den hiesigen Spaniolen anknüpfen; dies vermittelte eine wchangesehene, edelgesinnte Frau, Donna M. Groß in Triest, ndem sie Herrn Alkalay, hier von dem Vorhaben des Senators n Kenntnis setzte und sich in überschwenglicher Begeisterung nr diese Idee äußerte. Der erste Eindruck dieser Nachricht wirkte zündend. Die Intelligenz, zumal die Jugend, trat mit Pulido in rege Korrespondenz. Ein Herr Sadic schickte ihm ein Gedicht Asmodai", das in seinem zweiten Buche „Lspanoles sin Patria" Spaniolen ohne Vaterland) auch abgedruckt ist und für reiches Pulido dem Autor folgendermaßen dankte. Madrid, am 13. Juni 1905. Herrn Abraham Levi Sadic! Sehr geehrter Herr! Ich erhielt Ihren Brief, so wie auch das Gedicht „Asmodai", ws Sie mir zu schicken die Güte hatten. Ich werde mit Vergnügen päter in meinem zweiten Buche über die spanischen Juden von nesem Gedichte Gebrauch machen. Vorläufig empfangen Sie meinen 'esten Dank für Ihre Bemühungen. Euer Wohlgeboren sind der erste Sefardi aus Sarajevo, mit dem ch die Ehre habe zu korrespondieren und das Vergnügen, die Korrespondenz zu pflegen. Es scheint mir, als ob Herr Alkalay noch mmer nicht in den Besitz meines Briefes gelangt ist. Falls dies ooch der Fall sein sollte, bitte ich Sie, mich zu benachrichtigen, ob er geneigt wäre, mir Auskunft in betreff des Stoffes, den ich auf der letzten Seite meines Brieses an ihn richtete, zu geben. Ich würde oiel dafür geben, wenn es mir möglich wäre, näheres über die spanischen Juden Sarajevos zu erfahren, wie pur exemple ihre angesehenen Persönlichkeiten, ihre Zeitschriften, Lebensweise usw. Haben Euer Wohlgeboren mein Buch „Los Israelitos esp.“ gelesen? Wenn Sie es nicht kennen, würde es mir nur ein Vergnügen oereilen, Ihnen ein Exemplar 31t schicken. Ich biete mich Ihnen als Freund an und erwarte mit größter ltngeduld Ihre Antwort. Ich habe die Ehre, Sie zu begrüßen und mich Ihnen zur Verfügung zu stellen als Ihr stets aufrichtiger Angelo Pulido. W. Auf letzter Seite finden Sie einen gedruckten Fragebogen, enthaltend zwölf Fragen an alle spanischen Juden. Ich ersuche Sie, diesen ansgefüllt, zum Wohle Spaniens und der spanisch-israelitischen Nasse, an mich gelangen zu lassen. Oben bezeichneter Bogen hat folgenden Inhalt: 1. Existieren Spaniolen in Ihrem Aufenthaltsorte? Und wie oiel sind es? 2. Existieren im Lande noch andere Städte, wo solche wohnen? 3. Wie ist der soziale Stand der Spaniolen Ihres Aufenthaltsortes? 4. Besitzen sie viele hohe Stellungen, wie z. B. bei der Regierung. Militär, Katheder, Gericht, Medizin, Bank usw.? 5. Welche Zeitschriften erscheinen in Ihrer Stadt in spanisch? jüdischem Idiom? 6. Wieviel Schulen gibt es? Wer erhält sie? Die Regierung ,7. Studiert man das Spanisch-Jüdisch in den Schulen? 8. Pflegt man die spanisch-jüdische Sprache oder verschwindet sie durch den Gebrauch anderer Sprachen? 9. Würden Sie mit Sympathie Beziehungen mit dem alten spanischen Vaterlnnde anknüpsen? 10. Leiden die Juden in Ihrem Lande unter Verfolgungen und Ausnahmegesetzen? 11. Welches sind die Kultusgemeinden sesardischen Ritus und die intellektuellen Zentren, an die man Bücher, Rundschauen und Zeitschriften schicken kann? 12. Welche Buchhandlungen befassen sich mit dem Verkauf jüdischer Werke? Nach den warmen Ausdrücken, deren sich Pulido in diesen: Schreiben (welches mit dem Wappen des Senats versehen ist) bediente, war anzunehmen, daß dieser Mann wirklich aus humanem Gefühl sich bestrebt, die Fehler und Sünden seiner alten Landsleute wieder gut zu machen. Allein obzwar er sich bei den hiesigen Sefardim unbcftritten die größte Sympathie und Verehrung erworben hat, sind doch die Meinungen über die Frage selbst verschieden. Um einen Begriff von der Verehrung, die sich Herr Pulido bei den hiesigen Intellektuellen erworben hat, zu bieten, genügt es, beit Brief wiederzugeben, welchen der hiesige Prediger und Kantor der fortschrittlichen Spaniolen, Abraham B. Kappon, an Pulido gerichtet und welcher in dem Madrider Journal „Diario Universal" (vom 6. August 1904, Nr. 580) veröffentlicht wurde. Don Angelo Pulido! Mein bester und hochgeschätzter Herr! Ihr Werk „Los Israelitos Espanolos“ hat mein Herz erregt, welches von Freude bewegt mir zuruft: Sammle Deinen Geist und bekunde neuerlich Deine Liebe zur wohlklingenden spanischen Sprache die du anbetest, und danke dem wohltätigen Engel, der sich zur Rettung vor dem Verfall deiner Muttersprache meldete. Allein, ich fühle mich zu arm an Ausdrücken, um dieser Gewissens- Pflicht Nachkommen zu können, die sich, gebe Gott, als prophetische bekundigen möge, und die dem Herzenswünsche meines Volkes nahe verwandt ist. Ich bin vollkommen davon überzeugt, daß Sie sich werden lebhaft vorstellen können, wie meine Seele Sie segnet für ein Unternehmen, welches ungeschmälertes Lob verdient und wofür Ihnen jedes Judenherz Dank sagen wird. Gott, der der Erde hervorragende Menschen gibt, damit sie den vom Schicksal Verfolgten beistehen, möge Ihnen alle Segnungen und Glückseligkeiten in Erfüllung gehen lassen, da Sie auch einer jener Männer sind, von denen der Prophet Daniel bei der Besprechung der Wiedergeburt Israels sagt (Kap. 12, 3j: „Die Lehrer aber werden leuchten wie des Himmels Glanz, weil sie so viele zur Gerechtigkeit weisen, und glänzen wie die Sterne immer und ewiglich." Auch ich bin einer jener, die eine Wiedergeburt der spanischen Sprache wünschen, weil wir sie als eine kostbare Erbschaft unserer aus Spanien vertriebenen Ahnen ansehen, wo wir die Asche so vieler Märtyrer unseres Stammes, wie auch die Gebeine so vieler Brüder, von denen zweifellos viele der heutigen Spanier abstammen, znrückließen. Auch ich bin einer jener vielen, die eine Reinigung unserer Sprache, die wir spanisch nennen, wünschen, wofür es sehr vieler Anstrengungen und Opfer bedürfen wird. Allein ich muß hinzusügen, daß ich untrügliche Beweise dafür habe, daß das Opfer, das wir in materieller wie in geistiger Anstrengung bringen, um unser Idiom durch die schöne spanische Sprache zu reinigen, die da, wie mein hochgeschätzter Freund und Bekannter Herr Direktor Bejaranoin in einem Gedichte sagt, wert sei, um mit Gott zu sprechen, gern gebracht werden wird. Ich für meine Person bin moralisch befriedjgt, daß meine schwache Tätigkeit aus diesem Felde mit Erfolg gekrönt, ist, so daß es mir wie Balsamtropfen die Wunde meines Herzens erleichtert, welche in dem Kampfe um die spanisch-jüdische Literatur entstanden ist.