Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 27 (3.7.1903)
- Date
- 1903-07-03
- Page
- Seite 2 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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alles Heil zu erwarten, die Vereinsmitglieder, wie überhaupt die liberalen Mitglieder der Gemeinde werden ihre kräftigste Unterstützung bieten müssen, um die Ansicht der Majorität der Wähler, welche ja trotz allen Leugnens von der Gegenseite eine durchaus liberale ist, wieder zur Geltung zu bringen. Die Neuwahlen zum Ausschuß des Vereins ergaben die bisherige Zusammensetzung bis auf vier Mitglieder, welche durch Tod oder auf eigenen Antrag ausgeschieden sind. Nach einem Antrag Blaschke sollen die Lokalkomitees ermächtigt werden, dem Ausschuß weitere Vorschläge zur Ergänzung desselben zu unterbreiten. 8. Berlin, 28. Juni. Die von hiesigen Blättern gebrachte, von einen! Magistratsosfiziosus herrührende Mitteilung, daß ein neues großes jüdisches Krankenhaus im Norden von Berlin, gegenüber der jüngst eröffneten dritten Alterversorgungsanstalt in der Exerzierstraße auf einem 14 Morgen großen Terrain, errichtet werden solle, bestätigt sich insofern, als ein dahingehender Antrag an die Grundstücksdeputation zum Ankauf des Geländes gerichtet worden ist. Der Antrag ist bereits von der Deputation an den Magistrat weitergegeben worden, dessen Entscheidung noch aussteht. 8. Berlin, 28. Juni. Nach längerem schlverem Leiden verstarb hier im 62. Lebensjahr Herr Louis Aaron. Nach Eintritt in das Privatleben hat er sich mit seltener Hingebung und glänzender Aufopferungsfrendigkeit in der hiesigen jüdischen Gemeinde ehrenamtlich betätigt. Er gehörte dem Vorstände der Alterversorgungsanstalt und des Hospitals an, seit 1894 war er Mitglied der Magine Nenn, in deren Vorstand er ebenfalls alsbald als Pflegevater gewählt wurde, und er hat sich in dieser Eigenschaft die Liebe und das Vertrauen der in I seine Obhut gegebenen Schutzbefohlenen in hohem Grade zu erwerben j verstanden. Im Verein mit seiner Frau hat er für das Hospital i eine Stiftung von 70 000 Mark errichtet, für die Alterversorgungsanstalt ein Zinnner mit 12 000 Mark gestiftet. Ohne jede Ablenkung hat er sich in seiner wohlwollenden Menschenfreundlichkeit allen diesen Aemtern gelvidmet, so daß sein Verlust für die Verwaltungen der genannten Gesellschaften ein ungemein schmerzlicher und schwer ersetzbarer ist. Unter allgemeiner Teilnahme nicht allein seiner ehren" anitlichen Kollegen, sondern auch einer großen Zahl von Hospitaliten iinb Schutzbefohlenen wurde er heute auf dem Friedhofe in der Schönhauser Allee zu Grabe getragen. Rabbiner Dr. M a h b a u m würdigte in seiner zu Herzen gehenden Gedenkrede das unermüdliche treue Wirken und den wahrhaft frommen, edlen Sinn des Verblichenen. Ehre seinem Andenken! — Nttlger'MÜrlde, 29. Juni. Vor mehreren Jahren wurde für I den hiesigen Schlachthof eine Betriebsordnung erlassen, die auch Bestimmungen über die nach jüdischem Ritus vorzunehmenden Schächtungen enthält. Diese Bestinnnungen sind durch eine Bekanntmachung des Magistrats vom 1. Juni 1901 ab durch neue ersetzt, die das Schächten nicht zulassen, sondern die Tötung durch Schlagbolzen anordnen. Im Dezember 1901 kam Kaufmann Frankenstein um die Erlaubnis zur Schlachtung eines Rindes nach jüdischem Ritus im städtischen Schlachthause ein. erhielt aber einen abschlägigen Bescheid. F. beschritt darauf den Klageweg und betonte, das Schächtverbot verstoße gegen die den Juden gesetzlich durch das Allgemeine Landrecht und die Verfassung gewährleisteten Rechte; es werde den Juden in Angermünde unmöglich gemacht, ihren Religionsvorschriften zu genügen; die freie Religionsübung dürfe für einzelne Orte durch Gemeindebeschlüsse nicht aufgehoben werden. Der Bezirksausschuß erkannte indessen auf Abweisung der Klage, weil die Gemeinden infolge der ihnen gesetzlich zustehenden kommunalen Autonomie berechtigt seien, die in ihren Schlachthäusern anzuwendenden Schlachtmethoden festzulegen und das Schächten zu untersagen. Das Oberverwaltungsgericht bestätigte das Urteil des Bezirksausschusses und betonte, keine ein öffentliches Schlachthaus unterhaltende Gemeinde erscheine verpflichtet, dieAnwendung des Schächtschnitts zu erlauben; vielmehr ergebe sich ihre Berechtigung zu einem Verbot des Schächtens aus der Befugnis, Normativbestimmungen über die anzuwendende Schlachtmethode zu erlassen. Diese folgenschwere Entscheidung wird hoffentlich nicht das letzte Wort in der Sache sein. Hannover, 26.Juni. DieJsraelitische Erziehungsanstalt Ahlem beging am 24. d. M. die Feier ihres zehnjährigen Bestehens und die Einweihung des nengegründeten Mädchenheims. Die Staats-, Provinzial- und städtischen Behörden und die evangelische Geistlichkeit waren vertreten. Die Feier begann mit einem von den Knaben und Mädchen der Anstalt gesungenen Chor. Jni Namen des Kuratoriums begrüßte Justizrat Dr. Berend die Teilnehmer. Die Eigenart der Anstalt beruhe in der Vereinigung der verschiedenartigen Mittel für die Erziehungszwecke. Hierdurch habe die Anstalt vorbildlich und bahnbrechend gewirkt. Durch die Hinsührung der Zöglinge zur Gärtnerei und zum Ackerbau und Handwerk werde in ihnen die Freude an einer produktiven Tätigkeit und die Liebe zur Natur geweckt. In dem Mädchenheim solle auch dem weiblichen Geschlecht eine praktische Erziehung für das Leben zu teil werden, nnd werde ferner geplant, bei Hannover einen Hof anzukausen, um dort das Unterrichtswesen mit der Landwirtschaft in größerem Maße zu verbinden Der Redner gedachte dann der Verdienste des Begründers der Anstalt, Konsul Simon, der auch noch heute cm der Spitze der Leitung steht. Die Anstalt sei im Laufe der Jahre auch über die Grenzen des Reiches hinaus zu großer Bedeutung gelangt, und gern öffne sie ihre Pforten den Kindern der im fernen Osten im Elend schmachtenden Glanbensbrüder. Dennoch solle die Anstalt aber deutsch bleiben, in der deutsche Sprache, deutsche Sitte und deutscher Geist eine Pflegstätte habe. Der Redner schloß mit einem Hoch aus den Kaiser, dem die Nationalhymne folgte. Namens der Gäste dankte Regierungspräsident v. Philippsborn für die Einladung und gab seiner Freude über die Anwesenheit der Gräfin Waldersee Ausdruck. Die Fest- und Weiherede hielt Landrabbiner Dr. Gronemann. Der hier von dem Begründer eingeschlagene neue Weg sei nicht neu, sondern eine Rückkehr zu den Einrichtungen, die das alte Israel schon in seiner agrarischen Gesetzgebung gehabt habe, bis es später nach dem Verluste der Selbstständigkeit durch die Verfolgungen zum Handel getrieben sei. Die Anstalt solle ihre Zöglinge erziehen zu treuen Anhängern ihres Glaubens, aber auch zu treuen Bürgern des Vaterlandes; sie solle ferner überwinden helfen das Trennende zwischen Abstamniung und Glauben, das heute mehr als zu viel betont werde. Konsul Simon berichtete dann über Ziele und Entwicklung der Anstatt. Er sei nicht der erste, welcher den Gedanken, die Juden zur Bodenkultur und zum Handwerk zurückzuführen, aufgegriffen habe. Man habe aber mit der Erziehungsarbeit nicht bei den Kindern begonnen und darum nicht immer die erhofften Erfolge erzielt. Er schloß mit einem Hoch auf das Vaterland und den Herrscher, worauf ein Vortrag des Liedes „Arbeit ist des Bürgers Zierde" die schöne Feier beschloß. ra. Hamburg, 23. Juni. Am letzten Sabbat verabschiedete sich Herr Ra bb i ner Dr. Max Grunwald, der bekanntlich als Rabbiner nach Wien berufen wurde, von seiner Gemeinde in der „Neuen Dammtor-Synagoge" (Beneckestraße). Nachdem Oberkantor F. Landau einen zur Feier des Tages verfaßten „Mischeberach" für das weitere Wohlergehen des beliebten Seelsorgers vorgetragen hatte, bestieg, tief ergriffen Herr Dr. Grunwald die Kanzel, um sich in herzlichen Worten von den Andächtigen, welche das Gotteshaus füllten, zu verabschieden. Anknüpfend an ein Schristwort betonte er namentlich das gute Verhältnis, welches während seiner langjährigen Wirksamkeit stets zwischen der Gemeinde und ihm bestanden. Mit Segensworten für Kaiser und Reich, für das Wohlergehen des Hamburger- Staates und seiner Behörden, sowie für das fernere Blühen und Gedeihen der Synagogengemeinde schloß die wirkungsvolle Rede. — In der Wohnung des Herrn Dr. M. Grunwald fanden sich die Vorstandsmitglieder und viele Freunde ein, um sich noch persönlich von dem beliebten Seelsorger zu verabschieden; kostbare, teils wertvolle Ehrengeschenke wurden ihm bei seinem Scheiden überreicht. Während seiner achtjährigen Tätigkeit hat Dr. Grunwald es wohl verstanden, sich über seinen Wirkungskreis hinaus die Sympathien weiterer Kreise zu erwerben. Noch im vorigen Jahre, anläßlich des hier tagenden Orientalisten-Kongresses, erregten seine Vorträge über die Geschichte der Hamburger Juden lebhaftes Interesse, sein Werk „Portugiesengräber auf deutscher Erde" fand große Anerkennung. Im „Verein für hamburgische Geschichte" und namentlich im „Jüdischen Literaturverein" zählte er zu den beliebten Rednern. Dr. Grunwald war auch der Begründer der „Gesellschaft für jüdische Volkskunde", auf seine Veranlassung fanden die Sammlungen dieser Gesellschaft im „Museum Hamburgischer Altertümer" Aufstellung; in anderen gemeinnützigen Instituten fungierte er als Vorstandsmitglied. Sein Scheiden von Hamburg wird allgemein bedauert. u. Steinheim, 26. Juni. Unsere Gemeinde hat einen unersetzlichen Verlust erlitten. Heute haben wir den in Beveringen bei seiner