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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-06-05 · Heft 23 (5.6.1903) · p. Seite 271

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 23 (5.6.1903)
Date
1903-06-05
Page
Seite 271 (sequence 9)
Language
German
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Schaffen wir unter'uns eine rechtlich gesicherte Heimstätte, d. h. wenn jedes einein Juden angetane Unrecht von allen als solches empfunden würde, wenn wir zur Verteidigung unserer angegriffenen Rechte wirklich energische Abgeordnete wählten, die sich nicht kläglich zurückziehen, wenn es gilt, Juden und Judentum zu schützen, dann könnte es vielleicht doch besser werden. Da muß aber vor allem Einigkeit ini Judentum selbst herrschen. Es ist jedoch kläglich zu sehen, wie sich die in Parteien aufgelösten Juden schmähen. Mau will den armen Juden Helsen. Ich denke, das ist sicherlich eine Gelegenheit, um alle zu einigen. Nein, da kommen die Ganzgescheidten und werfen den von ihnen zu den Inferioren gerechneten vor, sie hätten der» Zusammenhang mit den östlichen Juden verloren. Klägliches Gezäuke! Und darüber geht das Judentum zu Grunde. Da wir die große Judennot denn doch nicht anfheben werden, lindern wir die Not der Juden, wo wir sie finden, und wie wir es vermögen. Eines aber laßt uns nicht vergessen: Das leidige Gerede über Formen nnd Formeln in unserer Mitte muß endlich aufhöre», und unsere Aufgabe sein, an der sittlichen Erziehung unseres Volkes zu arbeiten. Oeffnet die Fenster, damit auch in die Ghettos Osteuropas das Licht einer neuen Zeit einströme! Iwri. Males Mielziner. Cmc biographische Skizze. Von Professor Dr. G. Deutsch. Zum zweitenmal binnen eines kurzen Zeitraumes hat die t/ erste amerikanische Rabbinerbildungsanstalt ihren Leiter verloren. Am 26. März 1900 ist Isaak M. Wise aus dem Leben geschieden und am 18. Februar dieses Jahres ist ihm Moses Mielziner ins Grab gefolgt. In ihrem Leben gute Freunde und treue Mitarbeiter, sind sie doch Gegensätze geivesen, wie sie sich nicht ausgeprägter denken ließen, wenn die dichtende Volkssage sie wie die römischen Könige mit Absicht nebeneinander gestellt hätte. Wise war der Mann der Tat und des öffentlichen Lebens, der energische Verfechter ungestümen Fortschritts, während Mielziner, ein stiller Stubengelehrter, der Oeffentlichkeit auswich nnd in seinen Anschauungen durchaus konservativ war. MoseS Mielziner war am 12. Februar 1828 in Schubin, Regierungsbezirk Bromberg, als Sohn des dortigen Rabbiners Venjamin Mielziner geboren. Die jüdische Atmosphäre einerursprünglich polnischen Geisteskultur, welche im Gegensatz zu Galizien eine zielbewusste kräftige Regierung ans der talinudischen Isolierung befreite, hat dem Judentum des neunzehnten Jahrhunderts eine Reihe der tüchtigsten Pioniere gegeben. Mielziners Jugend fällt in die Zeit, die uns Aron Bernstein so unnachahmlich in seinem „Vögele der Maggid" geschildert hat, wo Chajim Mikwenitzer sich ans seinem „Scheloh" Trost zu holen sucht in den Geservth, ivelche Altenstein über Israel verhängt hat, als er das Eheder durch moderne Schulen verdrängte. Auch Schubin hatte seine Elementarschule, die der jetzt 97 jährige Lehrer Braunhart, der Mielziners erster Lehrer und Heinrich Heines erster Schüler war, leitete. Benjamin Mielziner war als Rabbiner einer kleinen Gemeinde ur»d als Vater einerzahlreichen Familie nicht mit Glücksgütern gesegnet. So war es für den Sohn natürlich, in früher Jugend für seine Weiterbildung in der Fremde sorgen zu müssen. Er ging nach Exin, wo der hochbetagte Wolf Klausner als Rabbiner lebte, und besuchte die von dessen Sohn Hirsch Klausner, dein Verfasser des Werkes JTl, Breslau 1857, geleitete Jeschibah; für die Fortsetzung seiner weltlichen Studien mußte er selbst sorgen. Die Notwendigkeit einer schulmäßigen Bildung hatte sich in den vierziger Jahren schon so weit geltend gemacht, daß der junge Mann fühlte, er iverde auf dem Wege der Autodidaktik nicht zum Ziele gelangen. Ein älterer Bruder- Ephraim Mielziner, lebte in Treniessen; er ivar einer der typischen Vertreter der Uebergangsepoche, ein gründlicher Kenner der hebräischen Sprache, der -gerne ein hebräisches Gedichtchen machte oder aus den deutschen Klassikern ins Hebräische übersetzte. Zu ihm begab sich der junge Mann, um dort in das Gymnasium einzutreten. Damals — es war vorder Revolution von 1848 — war das polnische Element noch nicht gesetzlich gehennnt und die Unterrichtssprache des Gymnasiums war polnisch. Mielziner, der das Polnische nicht verstand und auch keine Lust hatte, es zu erlernen, gab das Projekt auf und ging zunächst nach Posen, wohin ihn der Ruf Salomo» Pleßners zog, der ja begreiflicherweise den frommen Kultur-freunden als das typische Beispiel dafür galt, daß man „gute Jüdischkeit" mit moderner Bildung verbindeil köune. Er kam eines Vormittags in das Haus des gefeierten Mannes und fand ihn in seiner Studierstube mit Tallith und Tefillin angetan über den Büchern sitzen. Mielzinerwar sein Leben lang koirservativ gesinnt nnd damals frisch voll einer polnischen Jeschibah kommend nnd von Hause aus als der Sohn eines Rabbiners vom altpolnischen Schlage gewiß an die althergebrachte Gesetzesfrvmnngkeit gewöhnt, aber die mystisch - extatische Frömmigkeit Pleßners erschien ihm eben wegen seilrer jedem Extrem abgeneigten Natur nicht anziehelid, er verließ daher Posen nnd wandte sich nach Berlin, wo er an Aron Bernstein und an Samuel Holdheim wohlwollende Förderer fand und bald darauf in das Werdersche Gymnasium eintrat. Im Herbst des Sturinjahres 1848 trat er in die Berlinerj.Universität ein. lieber die Einzelheiten seines Studiengangs bin ich nicht gehörig unterrichtet, doch weiß ich, daß ihn Schlottmann sehr hoch schützte und ihn sogar der Oberpostverwaltung zur Gewährung einer freien Fahrt empfahl, als ihn im Jahre 1849 der Tod seines Vaters in die Heimat berief. Die Not des Lebeils zwang ihn zu früher Unterbrechung seiner Studien. Auf Holdheims Rat, der ihn David Einhorn, seinem Nachfolger im LandesrabbinatevonMecklenblirg, empfahl, ging er 1852 nach Waren, wo er Lehrer und Prediger wurde. Die Reaktiv», die in den vierziger Jahren die Reformbewegung als eine Stütze begrüßt hatte, um di« Juden von ihrem Starrsiiln zu befreieil, hatte, durch die Ereignisse des Jahres 1848 eingeschüchtert, sich eines anderen besonnen, und Reform galt nun als Bulldesgenossin der „Demagogie". Auf Holdheim und Einhorn, die Radikalreformer, folgte 1858 Lüpschütz, der sich iveigerte, die Synagoge zu betreten, in der inan die Rachegebete ausgelassen hatte. Mielziner, der seinem ganzen Wesen nach alles Extreme perhorreszierte und wohl kaum Einhorns Stellung in der Beschneidungsfrage billigte, fand sich den Anschauungen des neuen Landesrabbiners gegenüber, der den ihm untergebenen Lehrern den Befehl zugehen ließ, bei jeder Trauung darauf zu sehe», daß zwei Zeugen da seien, die ihren Bart nicht rasieren, in einer unangenehmen Lage. Er mußte, obwohl Lüpschütz ihm freundlich begegnete, Konflikte fürchten, und jedem Konflikte abgeneigt, zog er es vor, sein Amt niederzulegeu und ging zunächst nach Aalborg in Dänemark, wo sein älterer Bruder Salomon «'(gestorben 1898 in Kopenhagen)

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