Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 23 (5.6.1903)
- Date
- 1903-06-05
- Page
- Seite 270 (sequence 8)
- Language
- German
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270 Wollt ihr, daß alle eine Meinung haben, Dann wandelt ihr in Nacht den Hellen Tag, Dann müßt das Geistesleben ihr begraben. Wie? soll der Mensch, der ehrlich wirkt und strebt. Sein eigenes Selbst, sein Innerstes verschenken, Weil manche, die ein andrer Geist belebt. In diesem oder jenem anders denken? Nein, lasset jedem seine Geisteswelt Und achtet den. der seine Ueberzeugung Nicht in den Dienst des eitlen Strebens stellt. Zu werben um der andern Leute Neigung! Doch das Gefühl sei bei uns allen gleich! Wir alle wollen uns als Juden finden, Und dieser Name, innern Wertes reich, Er soll aufrichtigen Stolz in uns entzünden. Wir wollen fühlen, daß ein starkes Band Uns alle zur Gemeinsamkeit vereint, Und daß die Liebe zu dem Vaterland Die Liebe zur Familie nicht verneinet. Und wer da niedrig steht in unfern Reih'n Durch Elend — lasset uns ihn nicht verachten! Laßt brüderlich uns ihm zur Seite sein, Und lasset uns. ihn zu erhöhen trachten! Nur seid nicht blind! Wer bösen Sinnes ist, — Seid nicht so schwach, dem Juden nachzusehen, Was ihr dem Muselmanen oder Christ Auslegen würdet wohl als ein Vergehen! Durch gerade Taten, die des Lebens Zier, Laßt uns das blinde Vorurteil zerstreuen! Dann. Freunde, wollen gute Juden wir, So ist's. damit sie gute Menschen seien! Bl. lllritk aus Neltrrrejch. Ende Mai 1903. on Zeit zu Zeit bekommen ivir Juden einen etwas un» sanften Rücken- oder Rippenstoß und werden daran erinnert, daß das Mittelalter für uns noch nicht vorüber ist. Das war eine blutige Sephira-Zeit, die vor 807 Jahren, als man auszog, um die Stätten, auf denen Jesaias gewandelt und Jeremias geklagt hatte, den Seldschucken zu entreißen, als man „nebenbei" einige Tausend Juden totschlug, und dabei die Augen verdrehte und ansrief: „Gott will es". Was nicht alles im Namen Gottes vollführt wurde! Man hat Menschen verbrannt, gerädert, gespießt, alles im Namen Gottes, der da sagte: „Du sollst nicht morden." Die Mörder und Räuber in Rußland aber meinten, der Zar will es, und erschlugen Männer, schändeten Weiber, würgten Kinder, plünderten und raubten, was ihnen wohl als Hauptsache galt; und nun fragen wir: worin unterscheidet sich unsere Zeit der Tolstois und Gorkijs, von der im Jahre 4856? Eine Preisfrage, die wir Professor Delitzsch zur Beantwortung vorlegen, der da meint, das müsse doch ein Volk der Rache gewesen sein, dessen Prophet ein blutdürstiges Beduinenlied gegen Edam anstiinmte. Die Juden haben Rachegedichte geschrieben und die Edomiter das Blut Judas vergossen. Und dann, geehrter Herr Professor, ist doch ein langer Zeitraum verflossen, seit jenen Tagen, in denen sich Edom freute über den Fall Judas, und den Tagen, in denen Sie in ihrem Heim zu Charlottenburg gegen die Bibel schreiben, und — die Blutbande von Kischinew unschuldigen Weibern den Bauch aufschlitzt. Tolstoi und Gorkij haben gut schreiben; sie zeigen nur, wie wenig eigentlich die großen Geister auf das Volk einwirken. Titus wurde „die Liebe und Wonne des Menschengeschlechtes" genannt; wir Juden haben von der Liebe und Wonne wenig verspürt. Vielmehr wurde jetzt die alte Erfahrung wieder erneuert: Wo das Judentum in Betracht kommt, da hört jede Liebe, Gerechtigkeit und Wahrheit auf. Es wurde mit Recht bemerkt: die Juden hätten sich inehr als die evangelische Kirche dagegen wehren können, daß die von soviel Reklame umsponnene und mit solchem Lärm ausposaunte „Maria von Magdala" Heyse's aufgesührt werde. Sehen wir uns die Gestalten in diesem Stücke an, so bemerken »vir, daß die Juden mit seltener Lieblosigkeit gezeichnet »verde»». Der Heide kommt da viel besser weg als der Jude. Spricht man in der sogenannten gebildeten Gesellschaft heute von Juden oder Judentum, kann inan ein mitleidiges Achselzucken wahrnehmen, es wird überall als verbohrt und borniert, als rückständig und im veralteten Formelkram unheilbar steckend betrachtet. Es mag zugegeben werden, daß leider daran wir Juden selbst schuld sind. Es geht — gestehen wir es nur -- ein Widerspruch durchs Judentum. Wahrhaft gebildete Juden, wie wir sie insbesondere in Deutschland finden, sollten kein Gewicht darauf legen, ob man am Sabbat einen Regenschirm tragen darf oder nicht. Der Fleischbeschauer ist eine schöne Einrichtung, aber er darf nicht die Religion zu einer Küchenfrage machen. Was sollen die wahrhaft großen Geister von uns denken? Da citieren wir die herrlichsten Prophetensätze, und dann gehen wir hin und stellen Rabbiner an, welche die Koscherfleischfrage zum Hauptdogma des Judentums stempeln. Und diese Rabbiner haben an philosophischen Fakultäten studiert. Man wird uns antworten: Das sind innere Fragen des Judentums, um die sich andere nicht zu küminern haben. Schön, wenn nur nicht diese inneren Fragen heute so sehr ans Licht gezerrt würden zum großen Gaudium der Renegaten und Judenfeinde! Doch mit allen diesen „ConkessionZ" ist den armen Judeil in Kifchinew und seiner näheren und weiteren Umgebung sehr wenig geholfen. Auch die Geldmittel, die zur Linderung des Elends in reichem Maße fließeii, werden ihnen kaum helfen. Auch nicht die Aussicht auf eine „rechtlich gesicherte Heimstätte". Wer soll ihnen diese bieten? Die verlotterte Türkei vielleicht? Der geängstigte Sultan, der mit Albanesen und Macedoniern nicht fertig wird? Wo ist der Gladstorie, der so laut sein Wort erhob gegen die an Bulgaren verübten atrooitzs, wo ist der beredte Mund, der Einsprache erhöbe über diese an Juden verübten nicht asiatischen, sondern europäisch-russischen Gräuel! Wenn man diese mit französischer Kultur und Civilisation übertünchte faule russische Gesellschaft betrachtet, die sich in unseren Kurorten breit macht, ivenir man sie in ihrem weichen Idiom sprechen oder französisch konversieren hört, dann erst erkennt man die ganze bodenlose Falschheit, die unter dieser Tünche verborgen ist. Roheit unter einer dünn aufgetragenen Schicht von oberflächlicher Bildung. Bestialität, die sich birgt unter einem Schwall leerer Höflichkeitsphrasen, welche in französischen Pensionaten aufgelesen wurden. Sie meinen, es gebe doch eine Macht, die für uns sich einsetzen wird, die Sozialdemokratie. „Das kostet mich ein Lachen", sagt man in unserem Wien, das ja auch seine russischen Anwandlungen von Zeit zu Zeit hat. Die Sozialdemokraten! Haben sie sich gerührt zur Verteidigung der so arg mißhandelten Menschenrechte,, die freilich nur an Juden verletzt »vurden! Man will doch nicht als Judenschutztruppe gelten. Sprechen wir von unseren Sozialdemokraten im österreichischen Parlamente. Warum haben sie nicht, sagen >vir, ut aiiquid fecisse videatur, schandenhalber eine der vielen, so beliebten Jnterpellationen an den Minister gerichtet: Was gedenkt ein« hohe Regierung zu tun, um bei dem Minister des Aeußeren zu bewirken, daß er geeigneten Ortes Vorstellungen mache wegen der Europa schändenden russischen Bestialitäten!