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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-06-05 · Heft 23 (5.6.1903) · p. Seite 272

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 23 (5.6.1903)
Date
1903-06-05
Page
Seite 272 (sequence 10)
Language
German
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272 als Prediger und Religionslehrer wirkte. Sein Scheiden aus seinem bisherigen Wirkungskreise wurde ausrichtig bedauert (siehe „Allgemeine Zeitung des Judentums" 1854, pag. 527), und noch vier Jahre nach seinem Abgänge spricht ein Korrespondent in dieser Zeitung mit Anerkennung von seinem Wirken (ib. 1857, pag. 869). Nachdem er kurze Zeit in dem dänischen Städtchen Randers als Prediger und Religionslehrer gewirkt hatte, wurde er als Leiter der Religionsschule nach Kopenhagen berufen, wo er gleichzeitig einen Vorbereitungskursus für künftige Theologen einrichtete. Zu seinen Schülern in Kopenhagen gehörte der frühere Oberrabbiner Professor Simonsen. Ueber seine Tätigkeit daselbst enthält auch diese Zeitung (1857, 369; 1858, 334) wiederholt lobende Berichte. Er schrieb öfter Korrespondenzen über dänische Verhältnisse und arbeitete auch an Loews: Ben Chananjah mit; auch gab er für das Jahr 5622 einen dänischen Luach heraus. Die günstigeren Verhältnisse, die er besonders einer zur Förderung des Thorastudiums in Kopenhagen bestehenden Stiftung verdankte, benützte er zur Fortsetzung seiner Studien, und gab seine Schrift „Die Verhältnisse der Sklaven bei den Hebräern", Kopenhagen, 1859, heraus, auf Grund deren er in demselben Jahre zu Gießen als Doktor promovierte. Dieselbe Schrift erschien später in englischer Uebersetzung unter dem Titel: Slavery among tlie ancient Hebrews. Cincinnati, 1895. Ein Rezensent in dieser Zeitung (1859, 692) sagt, daß sie „sich durch völlige Ueberwältigung (sic) des Stoffes wie durch sachgemäße Anordnung auszeichne" und nennt sie „eine umfaffende und erschöpfende Abhandlung". Charakteristisch ist schon ihr Motto, welches aus drei Citaten besteht, aus den herrlichen Worten Hiobs (31, 13—15), der sich der humanen Behandlung seiner Sklaven als Beweis seiner Gerechtigkeit rühmt, aus einem anderen aus Aristoteles' nikomachischer Ethik (Vit, 13), wo der Sklave eine belebte Maschine und die Maschine ein unbelebter Sklave genannt wird, und endlich aus einem Citat aus Juvenal (VII, 221), der es eine Tollheit nennt, den Sklaven für einen Menschen zu halten. Mielziners Motiv war also ein apologetisches; er wollte beweisen, daß die jüdische Auffassung des Dienstverhältnisses eine viel humanere ist als die, welcher wir in der altklassischen Literatur begegnen. Trotzdem blieb er seiner wissenschaftlichen Aufgabe treu. Nachdem er sich 1861 mit Rosette Levald aus Kopenhagen verheiratet hatte und dieser Ehe zwei Kinder entsprossen waren, mochte er doch wieder die Enge der Verhältnisse empfunden haben und war recht froh, daß er, wenn ich nicht irre, auf Ludwig Philippsons Empfehlung an die Gemeinde Ausche Chesed in Newyork als Rabbiner berufen wurde. Gleichzeitig leitete ihn auch ein anderes Motiv. Der skandinavische Norden mit seiner dünnen jüdischen Bevölkerung und seiner vielleicht deshalb günstigen sozialen Stellung der Juden hat von jeher zwischen radikaler Reform und entschiedener Orthodoxie geschwankt. In Schweden ist die erstere siegreich geblieben; tu Dänemark ist neben der Orthodoxie der offiziellen Gemeinde ein Radikalismus einhergegangen, der allerdings in letzter Zeit dem praktischen Judentum sich entfremdet hat. Im Jahre 1865, als Mielziner nach Newyork ging, war gerade eine Bewegung im Zuge, die entschiedene Reformen im Kultus durchführen wollte und sich Mielziner zu ihrem Führer ausersah. Da Mielziner aber mit dem Oberrabbiner Dr. Abraham Alexander Wolff auf bestem Fuße stand und auch sonst seiner ganzen Natur nach jede», Kampf auswich, war er recht froh, den Ruf nach Newyork annehmen zu können. . Im August 1865 trat er sein neues Amt an der Ausche Chesed-Gemeinde, oder, wie sie populär genannt wurde, an der Norfolk-Schul an und verwaltete es bis zum 7. Juni 1873. Ueber seine Erfahrungen in dem neuen Wirkungskreise will ich ihn lieber selbst sprechett lassen. In seiner Abschiedspredigt „Der Priestersegen", New Hork, 1873, sagt er: „Fühlte ich mich auch während meiner Amtstätigkeit in Eurer Mitte manchmal schmerzlich berührt, ja tief in der Seele verletzt durch Verkennung und lieblose Beurteilung, die ich von Seite Einzelner erfahren, so tröstete mich doch immer der Gedanke, daß Verkennung das Los aller ist, die ein höheres Streben haben und in einem größeren Kreise wirken, Gerne ziehe ich über alle schmerzlichen und bitteren Erfahrungen beit Schleier der Vergangenheit." Ohne jede Ostentation rühmte er sich der Ueberzeugung, bei seinem Scheiden feinen Feind zurückgelassen zu haben, und des Bewußtseins, niemandem zu feindseligen Gefühlen Veranlassung gegeben zu haben. In diesen Worten liegt eine durch und durch wahre Selbstbeurteilung. Persönlich von einem liebenswürdigen Charakter, gerne bereit, an jedermann das Verdienstliche anzuerkennen und Fehler zu übersehen, aller Polemik abgeneigt, auch da, wo er differierte, war er der Eine unter den Tausettden, der keinen Feind haben konnte. Was ihn trotzdem aus seiner Stellung drängte, deutet er selbst leise in seiner Abschiedsrede an, in der er sagt: „Ferne war es mir, um die Gunst und den Beifall der gedankenlosen Massen buhlen zu wollen und nur das zu predigen, was Sensation erregt". Um diese Andeutungen zu verstehen, muß mau den wesentlichen Unterschied zwischen europäischen und amerikanischen Gemeindeverhältnissen und ganz besonders zwischen beit europäischen und amerikanischen Anforderungen an die Kanzel verstehen. Man wird es mir hoffentlich nicht als Unbescheidenheit anslegen, wenn ich sage, daß meine Erfahrungen in beiden Kontinenten und besonders meine europäische Reise im vorigen Sonuner mich zu einem Urteile in dieser Richtung befähigen. Der Europäer ist an die Antorität von Institutionen gewohnt; er sieht in jedem Beamten doch ein Stück Gottesgnadetitum und blickt darum auch zu der Kanzel in dem Gefühle auf, in welchenr der Talmud sagt: nifvi rrnnn p nwvw rmtr bs (Jeruschaimi, Peah 21 a). Anders der Amerikaner, der darin erzogen ist, alle Beamten als das natürliche Objekt der Kritik zu betrachten. Ist man mit dem Pastor nicht zufrieden, so muß er gehen, und die Juden, die von jeher demokratisch waren, sind darin nicht anders. Die natürliche Folge ist, daß die Gemeinden den Ton angeben. Las ich erst neulich, daß in England der Borstand der United Synagogue in London sich weigerte, trotz des entschiedenen Votums des Chief-Rabbi, über seine Mitglieder, welche sich an dem von Claude G. Montefiore geleiteten Reformgottesdiensie der Jewish Religions Union beteiligten, ein Tadelsvotum auszusprechen, und daß der Vorstand der Livorneser Gemeinde trotz der Einspruches des Oberrabbiners einen Juden auf dem Gemeindefriedhofe begrub, der es sich zur Bedingung gemacht hatte, daß bei seiner Beerdigung keine gottesdienstliche Feier stattfinden dürfe, so ist der Vorstand einer amerikanischen Gemeinde von jeder rabbinischen Autorität noch unabhängiger. Die Kanzel gilt in Europa doch noch so ziemlich als die Domäne des Rabbiners. Ist er einmal ausgenommen, so wird doch ihm das Recht zugestanden, zu predigen, >vie er es versteht. Darum merkt man, daß nicht der Gedankengang, sondern selbst der Wortschatz und der Tonfall der Predigt ein ganz eigenartiger ist. Anders in Amerika. Hier hat der Rabbiner sich allwöchentlich seine Stellung zu erkämpfen. Er muß fortwährend danach trachten, sich seilte Zuhörerschaft zu gewinnen. Das mag dadurch geschehen, daß er sich seine Gemeinde zu persönlichen Freunden macht, daß er die Oeffentlichkeit zu beschäftigen weiß; selbst der Umstand, daß „unser Rabbi" sich seiner Gemeinde gegenüber mehr erlauben darf als jeder andere, ist eine Empfehlung, wenn es erst einer richtig versteht.

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