Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-09-19 · Heft 38 (19.9.1902) · p. Seite 452

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 38 (19.9.1902)
Date
1902-09-19
Page
Seite 452 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228473-3228512--59032-3295521
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

452 wirklich einmal die Wasserleitung bergwärts geflossen, hat sich die Shkomore auf einen anderen Platz begeben, drohten die Wände des Lehrhauses Einsturz, und rief eine Stimme vom Himmel, Rabbi Elieser habe Recht, und der sogenannte Achnai- Ofen sei unrein? Warum hat Gott gerade in diese unbedeutende Gesetzeskontroverse eingegriffen und viele andere unbekümmert bestehen lassen, warum hat mau den Rabbi Elieser gerade wegen dieser so ganz unbedeutenden Kontroverse gebannt und in Hunderten anderer Gesetze ihm seine Ueberzeugung gelassen? Sind nun derartige Berichte Sagenkreise, deren wahre Meinung erst erschlossen werden muß, so kann man von ernstlichen Fehlern gar nicht sprechen, da jede Interpretation nur auf einen gewissen Grad von Wahrscheinlichkeit Anspruch machen kann. Damit soll gar nicht geleugnet werden, daß in Grätz' wie in Weiß' Werken sich Fehler in der Auffassung finden. Weiß stellt zum Beispiel Abbahus Auffassung von dem Sabbathgesetz als eine milde dar, während aus der von ihm citirten Stelle im Jeruschalmi das gerade Gegentheil hervorgeht. In dieser Stelle sagt Abbahu: Wie Gottes Sabbathruhe ein Nichtsprechen war, so sollen wir ruhen, indem wir nichts Ueberflüssiges sprechen: Diese strenge Auffassung der Sabbathruhe stimmt auch im Ganzen zu Abbahus anti-christlicher Stellung, die wieder in seinem Wohnsitze Cäsärea sehr erklärlich wird. Ebenso ist Weiß' Erklärung der Stelle: „Wer ans den Segensspruch der Erlösung die Tefilla folgen läßt, ist ein Sohn der zukünftigen Welt" eine sehr gezwungene. Leider kann ich mich nicht genau daran erinnern — der Sinn der Stelle ist offenbar nur der Hinweis auf das Verdienstliche des frühen Gebetes. Man soll au das Schema, welches mit dem Bekenntuiß zum Erlöser schließt, sofort die Tefilla anschließen, obwohl dazu bis Mittag Zeit ist, während die Frist des Schema drei Stunden nach Tagesanbruch ablänft. Alle diese Dinge sind aber unwesentliche Einzelheiten gegenüber der Gesammtauffassung in der Entwickelung des rabbinischen Gesetzes, von Weiß ungeschickter Weise: Geschichte der jüdischen Tradition genannt. Diese Gesammtauffassung ist unbestreitbar richtig, denn sie basirt auf dem unanfechtbaren Prinzip, daß die Gesetzesauffassung aus der Zeitgeschichte und aus der Individualität des Gesetzeslehrers erklärt werden muß. In dieser Richtung läßt Grätz viel mehr zu wünschen übrig. Er hat in rationalistischer Weise das Wunder aus den Berichten einfach gestrichen und das Uebrige bestehen lassen, ohne die in erster Linie zu erörternde Frage zu behandeln, welche Tendenz dem Berichte zu Grunde liegt. Die Exkommunikation des R. Elieser ben Hhrkanos muß ohne Zweifel auf dessen freundliche Stellung zum Judeuchristenthum zurückgeführt werden. DaS wird nicht nur in taliuudischen Sagen zugegeben, wie zum Beispiel in Aboda zara 17 a, und in Koheleth rabba 1, 8, wo er selbst erklärt, er habe in Sephoris die Bekanntschaft eines Jakob aus Sichnin (vielleicht der Verfasser des judenchristlichen Jakobusbriefes) gemacht, der ihm im Namen Jesu sehr schöne Lehren mitgetheilt habe; es ergiebt sich auch aus der überraschenden Analogie einiger dem Rabbi Elieser zugeschriebenen Aussprüche mit solchen des Neuen Testaments, zum Beispiel: Wer Brod im Korbe hat und fragt: Was soll ich Morgen essen, gehört zu den Kleingläubigen. Vielleicht ist dieser fromme Rabbi Elieser das Prototyp des armen Lazarus, seines von den Todten erweckten Namensbruders. Aus dieser judenchristlichen Stellung Rabbi Eliesers erklärt es sich. daß eine spätere Epoche, bemüht, sein Andenken zu retten, seine Exkommunikation aus einer ganz trivialen Ursache herleitete, aber doch in dem Wunder der Sykomore, das an die Verfluchung des Feigenbaumes durch Jesus erinnert, und in der göttlichen Stimme, die ebenfalls ihr Analogon in dem heiligen Geist des Neuen Testaments hat, noch Reminiszenzen der wirklichen Vorgänge zurückließ. Eine solche Ehrenrettung ist ganz natürlich. Wir besitzen ein unwiderlegliches dokumentarisches Zeugniß dafür, daß Jonathan Eybenschütz das Fieber unter Anrufung des Herrn der Heeresschaaren, des Gottes Israels und seines Gesalbten Sabbathai Zebi, bannen wollte, und doch würden Akiba Eger, Josef Saul Nathansohn oder Isaak Elchauan Spektor nie zugegeben haben, daß ein solcher Heiliger wie der „Thunum" an die Messianität Sabbathai Zebis geglaubt habe. Sie hätten, wenn sie Geschichte geschrieben hätten, diese Thatsache ebenfalls so verhüllt, daß Eybenschütz' sowie seines Gegners Ehre gerettet worden wäre. (Forts, folgt.) Lesefrüchle. Von Prof. Dr. Ludwig Geiger. Dichter Ludwig August Frankl wird sehr sympathisch indem Buche des LembergerUniversitätsprofessors N. M. Werner: Vollendete und Ringende, Dichter und Dichtungen der Neuzeit (Minden i. W., I. E. C. Bruns Verlag) geschildert. Das Buch kann einem gebildeten Leserkreise ernstlich und warm empfohlen werden. Werner ist ein moderner Literarhistoriker: ein solcher schreibt nicht mehr Skizzen in alter Manier, in denen biographische Daten gehäuft, oder ermüdende Jnhaltsanalysen der einzelnen Werke gegeben werden, sondern lebensvolle Porträts, bei denen die Persönlichkeit in ihrer Entwickelung und ihren» Wesen hervortritt. Werner ist Christ, freisinnig und vorurtheilslos; aber gerade wegen seines Ursprungs wird er dem Jüdischen in Frankl nicht vollkommen gerecht. Nicht etwa, als wenn er die Thätigkeit Frankls als Jude, seine Stelle an der Wiener Kultusgemeinde, seine Reise nach Palästina im Aufträge reicher Juden überginge oder unterschätzte oder seine jüdische Stoffe behandelnden Dichtungen unerwähnt ließe oder gering achtete, sondern nur so, daß er den Einfluß nicht genügend darstellt, den gerade der jüdische Ursprung Frankls auf seine Entwickelung und auch aus seine Dichtungen geübt hat. Freilich gehörte Frankl wirklich zu den deutschen Dichtern. Ich habe ihn in großem Kreise als recht alten Mann gesehen und gehört, in dem seine humoristischen und ernsten Reden bei den Anwesenden, die zum bei weitem größten Kreise Andersgläubige waren, nicht den geringsten Spott hervorriefen, während mich, der ich allerdings in dieser Beziehung sehr empfindlich bin, Bewegungen und Sprachmanier als jüdisch störten. Er gehörte zu den deutsche»» Dichtern jüdischen Glaubens und theilt mit seinen Genosse»» das Geschick, daß er von Juden recht wenig gelesen und gewürdigt wird. Vielleicht — denn wenn man den Juden vom Lesen nicht-antisemitischer Broschüren spricht, muß man immer ein großes „vielleicht" dazusetzen — vielleicht bewirkt Werners sinnige Skizze, auf die ich die Leser dieser Zeitung mit allem Nachdruck aufmerksam machen möchte, daß die Dichtungen des trefflichen Mannes, dessen biographische

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.