Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 38 (19.9.1902)
- Date
- 1902-09-19
- Page
- Seite 451 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nehmen wir nun au, die Ansicht Strauß', daß die Disputation des zwölfjährigen Jesus im Tempel eine Mythe sei, entstanden aus dem Wunsche, den zukünftigen Mann schon im Kinde zu sehen, sei falsch; ist damit Strauß' Leben Jesu ein überwundener Standpunkt für Harnack, der weder an die wunderbare Geburt, noch an die Auferstehung, noch an die Himmelfahrt glaubt? Wo solche apologetische Manöver nicht genügen, kommt noch ein weiteres dazu; eine Erzählung wird ganz nach dem Muster talmudischer Dialektik umgedeutet. Ein klarer Bericht in der Mischna sagt, daß Akabja den Mahalalel wegen hartnäckig festgehaltener Differenz in vier gesetzlichen Fragen in den Bann gethan worden sei. Nun gefiel das einem Harnack des dritten Jahrhunderts nicht, und er sagte daher: Gott behüte! der Gebannte war gar nicht der fromme Akabja, sondern ein ganz Anderer; auch wurde der Bann nicht wegen dieser ehrlichen Differenzen in der Auffassung des Gesetzes ausgesprochen, sondern wegen etwas ganz anderem. Genau so geht Harnack vor. Jesus selbst beweist dem zweifelnden Johannes seine Mesfianität dadurch, daß er die Blinden sehen und die Lahmen gehen mache, aber Harnack sagt uns, das sei nicht wörtlich gemeint. Jesus sagt dem jungen Mann, der den Weg zur Seligkeit sucht, das Rechte zu thun sei nicht genug, er müsse sich auch noch all seiner Habe entäußern, denn ein reicher Mann könne unter keiner Bedingung in das Himmelreich kommen, aber Harnack gefällt diese Verurtheilung des Neichthums ohne Rücksicht aus die Art, wie er erworben und auf die Art, wie er verwendet wird, nicht, und glücklicherweise kommt ihm das apokryphe Hebräerevangelium zu Hilfe, welches in die Worte Jesu den kleinen Zusatz interpolirt: „Die Armen deines Volkes darben, und du lebst im Ueberflusse." Nun ist die Situation gerettet. Jesus hat nicht den Besitz an sich verdammt, sondern nur die Herzlosigkeit des Reichen gegenüber der Nothlage der Armen. Das Kriterium für die Echtheit dieses von der alten Kirche schon als apokryph betrachteten Evangeliums ist das rein subjektive Moment, daß es zu Haruacks Ideal besser paßt. Aus genau demselben Grunde wird aber Harnack sicherlich die Berichte von der wunderbaren Geburt Marias, von der Anbetung Jesu durch einen Ochsen und einen Esel verwerfen und wird wahrscheinlich es als einen wesentlichen Faktor für die Beurtheilung dieser Legenden ansehen, daß sie in apokryphen Evangelien enthalten sind. — Die Berichte, welche europäische Zeitungen über amerikanische Zustände bringen, sind aber erst recht ein Beweis, wie wenig selbst zeitgenössischen Berichten zu trauen ist, und daß die Evangelien zeitgenössische Berichte über Jesus enthalten, müßte erst bewiesen werden. Im Jahre 1842 berichtet ein Herr Dr. M. Wiener aus Amerika, daß in New-Orleans ein Rabbiner Namens Marx sungirt habe, der zugleich bei der städtischen Feuerwehr und beim Theater angestellt gewesen sei, der am Neujahrsabeude betrunken in die Synagoge kam, und als man ihn nicht vorbeten lassen wollte, geflucht habe: „Bh Jesus; ich habe das Recht vorzubeten." Er sei auch mit einer Katholikin verheirathet gewesen, die ihm nach seinem Tode ein Kruzifix in den Sarg mitgeben wollte. Die Geschichte ist von A bis Z erfunden. Was hat nun der so gepriesene Halevy gethan? Er harmonisirt sich in echt PilPulistischer Weise die verschiedenen geschichtlichen Berichte in der talmudischen Litteratur und ruft dann triumphirend aus, Grätz und I. H. Weiß hätten schwere Böcke geschossen. Die Orthodoxie jauchzt, denn Ketzer sind die genannten Herren gewiß. Wenn sie nun auch noch Ignoranten sind, ist der Beweis geliefert, daß nur ihre satanische Lust am „Untergraben der Fundamente der heiligen Thauro" ihnen die Feder geführt hat. Wie steht nun die Sache in der That? Halevy hat sich niemals die Mühe gegeben, die Frage nach der Authentizität des in so vielen Varianten erhaltenen Scherirabriefes zu untersuchen, noch weniger hat er die Frage untersucht, inwieweit das apologetische Interesse gegenüber dem Karäerthum welches Scherira zur Abfassung seiner Arbeit eigentlich inspirirte und das blinde Vertrauen aus die talmudischen Angaben es nöthig machen, zu seinen Notizen Fragezeichen zu setzen. Scherira schrieb 500 Jahre und länger nach der von ihm behandelten Zeit. Wie viele Sagen haben sich inzwischen gebildet, wie viele Berichte sind unklar geworden, wie viele Namen sind in einander verschwommen, wie viele Heiligenscheine hat die Verehrung späterer Geschlechter inzwischen gewoben! Man sehe sich nur in der Tageslitteratur nach Beispielen um, wie sie jeder Tag bringt. Erst am 22. August dieses Jahres erzählt uns die „Neue Freie Presse", daß Theodor Kerner im Jahre 1846 Lenau einen erschütternden Nachruf gewidmet habe. Gemeint ist natürlich Justinus Kerner, denn wir wissen ja, daß Lenau bei Theodor Körners Tode ein elfjähriger Knabe war. Wie steht es aber mit der talmudischen Chronologie? Hat Scherira die von ihm gelieferten Daten aus verläßlichen Quellen geschöpft, oder hat er sie konjekturirt? Die Abwesenheit jeder exakten Chronologie in der talmudischen Litteratur macht das Letztere fast zur völligen Gewißheit. Wie oft wird im Talmud eine und dieselbe Anschauung bald dem einen, bald dem anderen Rabbi zugeschrieben! Wie oft mögen solche Verwechselungen wie die zwischen Justinus Kerner und Theodor Körner vorgekommeu sein! Moses Sofer erzählt uns ganz ernsthaft, daß er das Grab des im neunten Jahrhundert in Babylonien verstorbenen Gaon Amram in Mainz gesehen habe. Er hat jedenfalls den sagenhaften Amram im Sinne, der aus dem heiligen Emmeran von Regensburg entstanden ist, wie der Letztere, dem die Glieder stückweise abgeschnitten wurden, zu dem Martyrium des Amuon den Stoff geliefert hat, und seinerseits ohne Zweifel der christlichen Appretur einer alten germanischen Volkssage seine Entstehung verdankt. In ihrem Frohlocken über die angeblich wissenschaftliche Vernichtung von Grätz und I. H. Weiß vergessen die Orthodoxen, daß die talmudischen Berichte als objektive Geschichtsguellen werthlos sind, daß sie daher gedeutet werden müssen, und daß eine solche Deutung eine subjektive Färbung tragen muß. Wird irgend ein vernünftiger Orthodoxer behaupten wollen, daß der Bericht, wonach der Palast des Antoninus durch einen unterirdischen Gang mit dem Lehrhause des Rabbi Jehuda Hanassi verbunden gewesen sei, auf Thatsachen beruhe? Sollte wirklich im zweiten Jahrhundert das großartige Meisterstück der Jngenieurkunst gelungen sein, einen unterirdischen Gang von Rom nach Liberias herzustelleu? Ist wirklich einmal ein Zettel vom Himmel gefallen, der dem seinen Lehrer suchenden Volke die Mittheilung brachte, Rabba bar Nachman sei auf einen Lehrstuhl in der himmlischen Jeschiba berufen worden? Ist