Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 38 (19.9.1902)
- Date
- 1902-09-19
- Page
- Seite 450 (sequence 8)
- Language
- German
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450 Es muß aber mit einer Partei schon mißlich stehen, und es kann nur als ein Zustand der Ohnmacht, als ein Akt der Verzweiflung an der eigenen Sache angesehen werden, wenn sie für die heutigen, ganz veränderten Zeiten und Verhältnisse sich aus dem Munde eines wenn auch noch so großen Todten eine vermeintliche Bestätigung und Succurs zu holen genöthigt sieht. Ein solcher Schritt erscheint ja genau in dem Lichte, in welchem nach der biblischen Erzählung das Vorgehen Sauls vor seinem Falle auf Gilboa sich zeigte, der in seinen gesunden Tagen, wo er sich noch kräftig fühlte, jeden Humbug von Zauberei und Todtenbeschwörung verpönte, nachdem er aber geistig krank und von innerer Angst getrieben wurde, zur Beschwörung des Geistes von Samuel seine Zuflucht nahm. Wie Saul aus diesem seinem Sitten- und Geistesverfall in seiner eigenen Seele den Schicksalsspruch vernahm, so drängt sich dem Beobachter aus dem neuesten antisemitisch-spiritistischen Kunststück der Gedanke auf, daß auch diese Moral und Recht untergrabenden Bestrebungen, weil im völligen Kontrast zur lebensvollen, sittlich fortschreitenden Kultur, mit der Zeit gänzlich schwinden werden. Uom Diesseits über das Jenseits. Amerikanische Briefe aus Oesterreich?) Von Professor Dr. G. Deutsch in Cincinnati. I. kA^ie weitausgreisende und lange Einleitung zu diesen Briefen bedarf einer Apologie. Es kommt mir in erster Linie darauf an, die alte Wahrheit zu beweisen, daß selbst zeitgenössische Berichte zunächst in Bezug auf den Inhalt des Berichteten und noch mehr nach der Beleuchtung, in welcher eine an und für sich wahre Thatsache erscheint, einer sorgfältigen Kritik bedürfen. Diese These hat gerade jetzt eine über den Inhalt meiner amerikanischen Berichte weit hinausgehende Bedeutung, denn sie entscheidet die beiden wichtigen litterarischen Kontroversen, die wir in letzter Zeit nach innen und nach außen zu führen genöthigt sind. Ich meine die Kontroversen über Harnacks „Wesendes Christenthums" und Halevys „Doroth Harischonim". Wenn wir uns vergegenwärtigen, wie wenig in den letzten vierzig Jahren litterarische Produktionen auf die öffentliche Meinung innerhalb des Judenthun,s gewirkt haben, so ist das Aufsehen, welches die beiden genannten Werke gemacht haben, einigermaßen verwunderlich. Es liegt jedenfalls nicht in ihnen elbst, sondern in äußeren Umständen. Harnacks „Wesendes Christenthums" ist im Grunde nichts anderes als die Wiederholung des apologetischen Gedankens Schleiermachers, daß die Lehre Jesu die höchste moralische Anschauung enthalte, deren die Welt fähig ist, daß demnach das Christenthum nicht eine Religion, sondern d i e Religion ist, und ferner daher Jesus nicht, wie Strauß in dem Nachworte zu seinem Leben Jesu sagte, einer neben vielen Anderen gewesen, die an, Ganges, am Indus und am Oxus lehrten, sondern immer noch der Der geneigte Leser wolle bedenken, daß ich in einem mährischen Dorse schreibe, wo meine Bibliothek aus einer hebräischen Bibel besteht, und infolge dessen meine Citate nicht wissenschaftlich genau sein können. Andererseits hoffe ich zuversichtlich, daß keine Ungenauigkeit so bedeutend sein wird, um das Gewicht des Arguments abzuschwächen. göttliche Mensch Schleiermachers, wenn auch nicht der Gottmensch des apostolischen Glaubensbekenntnisses ist. Für uns Juden sollte es genügen, daß mau auf kirchlich-liberaler Seite findet, Harnack sei zu Positiv, wenn er behauptet, daß Jesus etwas anderes wollte, als die Lehre der Propheten dem Volke in das Bewußtsein zu bringen, während andererseits Freiherr . von Durant-Baranowitz im preußischen Herrenhause, Stöcker in seiner Zeitschrift „Die Reformation", Professor Lemme in seiner gegen Harnack gerichteten Broschüre, die Pastoren in der landeskirchlichen Versammlung der Positiven Union, von vielen anderen Faktoren ganz zu schweigen, emphatisch behaupteten, Harnacks Wesen des Christenthums sei ein seines wesentlichsten Inhaltes entkleidetes Christenthum. Wie hat Harnack seinen Erfolg erreicht? Durch die alte unwissenschaftliche Methode, das was ihm nicht paßt, zu verschweigen, als nebensächlich zu erklären oder nmzudeuten. Daß ein Berichterstatter Jesus die Worte in den Mund legt, er sei nicht gekommen, um eine neue Religion zu gründen, sondern um das bestehende Jndenthum in seinem wahren Sinne zur That werden zu lassen, daß er sein Publikum vor den Radikalen warnt, die auch nur das Tüpfelchen auf dem „i" von dem alten Judenthun, abschaffen wollten, daß also Jesu Selbstzeugniß ihn nicht als Stifter einer neuen Religion proklainirt, das verschweigt Harnack. Ebenso verschweigt er, daß nach den, Bericht des antinomistischen Lukas jede praktische Bethätigung des Glaubens in Liebeswerken werthlos sei. Den Jüngling, der erst seinen Vater bestatten will, ehe er sich den Jüngern anschließen kann, weist Jesus mit den scharfen Worten zurecht: „Lasset die Todten einander begraben!" Ihm gilt daher die eine der Kardinaltugenden der jüdischen Ethik, das Bestatten der Todten, gar nichts, und er illustrirt seine Lehre daher au dem Beispiele der Bestattung des Vaters, welche nach de, rabbinischen Ethik wichtiger ist als die hohenpriesterliche Funktion. Harnack beseitigt ganz ohne jeden Skrupel die Dämonologie und die Wunder des Neuen Testaments als unwesentlich. Sicher ist, daß diese ausgebildete Dämonologie der hebräischen Bibel fremd ist, daß das Austreiben der Dämonen von Jesus selbst als Beweis seiner Mission proklamirt, daß es als Gabe den Jüngern verliehen, und daß selbst von Gegnern Jesu die widerwillige Anerkennung in den Mund gelegt wird, er müsse mit dein Obersten der Teufel selbst in, Bunde stehen, wenn ei den Dämonen gebieten könne. Sowohl die katholische als die protestantische Kirche haben das Bannen des Teufels heute noch in ihrem Ritus, aber wir sollen Harnack zu Liebe glauben, daß das alles nebensächlich sei. Von den Wundern behauptet Harnack, sie seien entweder unverstandene Ereignisse, übertriebene Thatsachen oder Ideen die sich in der Phantasie des Gläubigen zu Thatsachen verdichten. Das Letztere interessirt uns am meisten. An leibliche Auferstehung glaubt Harnack nicht. Was uns davon berichtet wird, entstammt nur dem Glauben der Jünger. Sie waren so fest von der Auferstehung überzeugt, daß sie Jesus nach seinem Tode leiblich gesehen zu haben glaubten. Dabei sagt Harnack, Strauß' Standpunkt sei gänzlich überwunden. Ja, wieso denn? Genau dasselbe hat ja Strauß gelehrt. Ihm ist das Wunder nichts anderes als eine in die Realität übertragene Idee. Der einzige Unterschied liegt nur darin, daß Strauß sich bemühte, seine Lehren ii, einer jedem Gebildeten verständlichen Sprache vorzutragen, während Harnack es vorzieht, seine Gedanken durch diplomatisch gewählte Rede-